Vorhang auf!

Lokalkolorit, üppige Melodien und wilde Jazz-Rhythmen am Theater Regensburg

Joseph Beers Operette „Polnische Hochzeit“ kommt in einer Neuinszenierung erstmals auf die Bühne

veröffentlicht am 03.02.2026 | Lesezeit: ca. 5 Min. | von Martin Köhl

„Polnische Hochzeit“ am Theater Regensburg

„Polnische Hochzeit“ am Theater Regensburg, Foto © Sophie Bareis

Mit seiner Operette „Polnische Hochzeit“ knüpfte Joseph Beer (1908–1987) an den Erfolg seines Erstlingswerks „Der Prinz von Schiras“ an. Nach einer durchschlagenden Uraufführung in Zürich wurde sie in den folgenden elf Monaten international auf mehr als 40 Bühnen gespielt, bis Joseph Beers Werke nach dem Einmarsch der nationalsozialistischen Truppen von den Spielplänen verschwanden. Für die „Polnische Hochzeit“ konnten Beer und Fritz Löhner-Beda auch Alfred Grünwald als Librettisten gewinnen. So arbeitete der Hoffnungsträger der neuen Wiener Operette mit dem Autorenduo schlechthin zusammen, das mit Franz Lehár und Paul Abraham die Operettenklassiker jener Zeit gestaltete.

Der Inhalt in Kürze: Freiheitskämpfer Boleslav Zagorsky kehrt inkognito in seine polnische Heimat zurück, um seine Jugendliebe Jadja zu heiraten und die Ländereien seines Vaters zurückzufordern. Doch während seiner Abwesenheit hat Jadjas Vater sie bereits an Boleslavs schon fünfmal geschiedenen Onkel „verkauft“. Gemeinsam mit der Gutsverwalterin Suza entwerfen beide ein gewitztes Verwechslungsspiel, an dessen Ende die richtige Hochzeit gefeiert werden soll. Premiere ist am 7. Februar. Art. 5|III stellte Fragen zur Inszenierung an Regisseur Ronny Scholz.

Das Theater Regensburg scheint ein Faible für die neue Wiener Operette zu entwickeln. Nach Joseph Beers „Der Prinz von Schiras“ kommt nun auch dessen „Polnische Hochzeit“ auf die Bühne des Hauses. Die turbulente Komödie ist eines von mehreren Beispielen der Werke jüdischer Komponisten, denen selbst das österreichische Exil nicht mehr helfen konnte. 1937 noch in der Schweiz uraufgeführt, wurde die Erstaufführung in Wien von den Nationalsozialisten verhindert. Spürt man in diesem Werk auch so etwas wie den „Abgesang auf eine Zeit“?

Bewusst oder unbewusst hat Joseph Beer mit der Geschichte des Boleslav Zagorsky seine eigene Geschichte von Flucht und Vertreibung und sogar das Untertauchen unter falschem Namen vorweggenommen. Boleslav (der Held der Operette) kehrt inkognito unter falschem Namen in seine Heimat zurück, um seine Jugendliebe Jadja aus den Fängen ihres zukünftigen Ehemanns und ihres Vaters zu befreien. Auch Josef Beer musste nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten fliehen, zuerst in die Schweiz, dann nach Frankreich, wo er unter falschem Namen, Jean-Joseph Bérard, zuerst in Paris und dann in Nizza im Verborgenen lebte und arbeitete.

In der Operette POLNISCHE HOCHZEIT gibt es keine Anspielungen auf den Nationalsozialismus, aber die Fluchtgeschichte und die tragische Biografie des Komponisten werden ein Teil unserer Inszenierung ausmachen.

Bei der „Neuen Wiener Operette“ denkt man zuerst an Namen wie Leo Fall, Oscar Straus und Franz Lehár, deren Werke aber auch unter dem von den Nationalsozialisten erfundenen Begriff „Silberne Operette“ rubriziert werden. Auch die „Polnische Hochzeit“ fällt in diese Epoche. Wie konnte es kommen, dass Joseph Beer zeitweise in Vergessenheit geriet? Waren es die Themen, war es die Musik?

Dafür gibt es leider viele Gründe: Als jüdischer Komponist wurde Beer verboten und verfolgt, wie übrigens auch seine damals hoch renommierten, ebenfalls jüdischen Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda, der in Auschwitz umgekommen ist. Beer war als junger Komponist noch nicht prominent verlegt, es gab weder geläufiges Aufführungsmaterial noch entsprechende Einspielungen, nichts, worauf man hätte zurückgreifen können. Ab 1938 wurde Beer nicht mehr gespielt, seine Musik, seine Operetten waren nicht präsent.

Einerseits Melodienschmelz, Revuepathos und Polenfolklore, andererseits die Einbeziehung von Klezmer-Musik und Jazz – konnte das Ende der Dreißigerjahre überhaupt gutgehen?

Ja, das ist sogar mehr als „gut“ gegangen! Die Operette lief zwar nur kurz, aber sehr erfolgreich. In seiner Musik fasst er ja alles zusammen, was die Operette bis dato ausmachte. Er antizipierte den Broadway und die Temperatur des Musicals, der zweite Akt klingt sogar nach großem Hollywood-Tableau.

Vielleicht blinzelte Beer schon rüber nach Hollywood oder zum Broadway, wo solch große Tableaus längst Standard waren?

Wenn Joseph Beer hätte weiterschreiben können, wäre sein musikalischer Zugriff eine Art europäischer Broadway geworden…

Einerseits handelt der Plot von weiblicher Schläue, andererseits kommt mit der Grundkonstellation – polnischer Freiheitskampf versus Russland – auch eine politische Dimension in die Geschichte. Wird es dazu in Ihrer Inszenierung aktualisierende Momente geben?

Wir nehmen keine Aktualisierungen auf heutige Zustände vor. Es ist ein zeitloser Rahmen, in dem es allgemein um Flucht und Vertreibung, um Liebe und menschliche Existenzen geht, um Freiheit und um den Komponisten Joseph Beer und die Auslöschung einer künstlerischen Existenz.

Vielen Dank, Herr Scholz.


Weitere Informationen zur Operette und den einzelnen Terminen findet man unter www.theaterregensburg.de.

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