Vorhang auf!

Anderssein als Schicksal

Das Bamberger TiG bringt Max Frischs Schauspiel „Andorra“ auf die Bühne des Bamberger Franz-Ludwig-Gymnasiums

veröffentlicht am 07.02.2026 | Lesezeit: ca. 5 Min. | von Martin Köhl

Das Theater im Gärtnerviertel zeigt „Andorra“ von Max Frisch in Kooperation mit dem FLG Bamberg

Das Theater im Gärtnerviertel zeigt „Andorra“ von Max Frisch in Kooperation mit dem FLG Bamberg, Foto © Theater im Gärtnerviertel

Max Frisch zeigt in „Andorra“ mittels einer modellhaften Situation, wie sich die Zuschreibung einer Identität verselbständigen kann. Es geht darin um ein Kind namens Andri, das zu seinem Schutz von einem Pflegevater aufgenommen worden sein soll und dem daher vorschnell jüdische Herkunft unterstellt wird. Dem ist zwar nicht so, aber die sich verstärkende Ablehnung seitens der lokalen Bevölkerung bringt Andri später dazu, sich zu dieser aufgezwungenen Identität zu bekennen. Art. 5|III stellte Regisseurin Nina Lorenz Fragen zu dieser Produktion, die ab 13. Februar 2026 zu sehen sein wird.

Frau Lorenz, wissen Sie, ob tote Persönlichkeiten sogenannte Follower haben können?

Tote Persönlichkeiten können Follower haben. Diese folgen dann wohl eher dem Werk. Meistens sind es Verlage oder Museen, die Accounts verstorbener Persönlichkeiten weiter betreiben. Wenn man Leserinnen und Leser auch als Follower bezeichnen will, dann haben viele verstorbene berühmte Autorinnen und Autoren seit Jahrhunderten „Follower“.

Sie können also. Wie viele solcher Anhänger wird wohl ein literarischer Methusalem wie Max Frisch angesammelt haben?

Ich vermute, dass er sehr viele Follower hat, da seine Werke auch in Schulen gelesen werden und seine Themen wie die Frage nach der Schuld einer Gesellschaft, die Suche nach Identität und das Übernehmen bzw. Nichtübernehmen von Verantwortung immer noch sehr aktuelle Themen sind.

Sein Schauspiel „Andorra“ ist seinerzeit auf sehr unterschiedliche Reaktionen gestoßen. Gibt es heute triftige Gründe, dieses Stück wieder zu präsentieren, oder hat es zeitlosen Charakter?

„Andorra“ hat zeitlosen Charakter. Das Stück zeigt, wie Vorurteile entstehen und wie sehr eine Gesellschaft nach einem Sündenbock sucht, wie sie sich Feindbilder schafft, um von den eigenen Ängsten abzulenken bzw. sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen.

Diese Mechanismen ziehen sich durch die Menschheitsgeschichte, sind leider immer wieder sehr aktuell und gehen von Antisemitismus über Rassismus und Klassismus bis hin zu Online-Mobbing und Verbreitung von Hassbotschaften in Social Media.

Die zunehmende Polarisierung, das Aufkommen von Verschwörungstheorien und die Tatsache, wie gefährlich es sein kann, wenn Gruppen sich über „Andere“ definieren, machen „Andorra“ zu einem hochaktuellen Stück im Jahr 2026.

Fragen nach gesellschaftlicher Verantwortung haben heute wieder höchste Priorität, ebenso Fragen nach der Identität und die Frage: „Wie will ich ‚gelesen‘ werden?

Andri ist kein Jude, aber er wird für einen Juden gehalten. Ist es Opportunismus, wenn der Wahn seiner Umgebung zum Wunschbild seiner Existenz („Judsein“) wird? Oder versucht das Stück zu zeigen, dass Menschen, die gar nicht „anders“ sind, zum „Anderssein“ gezwungen werden können?

Andorra“ zeigt, wie ein Mensch in ein Fremdbild hineingezwungen wird. Andri verinnerlicht dieses Bild, nicht aus Opportunismus, sondern weil die andorranische Gesellschaft konsequent an seiner für sie scheinbar fremden Identität festhält und er von Kindheit an hört, dass er „anders“ ist. Andri ist auf der Suche nach seiner Identität, kann sie aber nur in den ihn umgebenden Vorurteilen über sein Verhalten, sein Denken und seine Eigenschaften finden. Diese geben nicht wieder, wie er empfindet und wie er sich wahrnimmt. Kein anderes Narrativ über sich ist für ihn in Reichweite. So werden die Vorurteile im Laufe der Zeit Teil seiner Selbstwahrnehmung. Das Stück zeigt in einer Versuchsanordnung, wie Menschen zu Außenseitern gemacht werden und wie schnell Menschen auf Kategorien wie Herkunft, Religion, Geschlecht, Hautfarbe oder politische Haltung reduziert werden.

Max Frisch meinte später, die Fabel des Stücks trage „sich selber nicht genug“ und verlange daher eine „penetrante Sinngebung“. Welche Sinngebung, möglicherweise aktualisierender Art, ist bei Ihnen zu erwarten?

Max Frisch meinte mit penetranter Sinngebung“, dass man sein Stück nicht mehr kommentarlos einem Publikum präsentieren kann; die vorkommenden Vorurteile brauchen eine Einordnung. Frisch hat die negative Identitätszuschreibung stark ins Zentrum gestellt sodass die Kritik daran teilweise überdeckt wird. Es geht nicht darum, wie Juden sind, sondern darum, wie Antisemiten denken.

Ein wichtiger Aspekt ist die Kooperation mit dem Franz-Ludwig-Gymnasium. Wir haben das große Glück, mit Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums zusammenarbeiten zu können, die bei unserer Produktion gemeinsam mit den Profis auf der Bühne stehen werden.

Aus ihrer heutigen Perspektive schauen sie mit uns auf das Stück und auf die Themen wie Vorurteile, Angst, Antisemitismus und Identität und begleiten das Geschehen auf der Bühne aktiv mit. Die Kooperation mit dem Franz-Ludwig-Gymnasium hat diese einmalige Chance ermöglicht.

Wir durchsetzen das Stück mit einer Sicht von heute und folgen seinem Laborcharakter.

Vielen Dank, Frau Lorenz, für Ihre prägnanten Antworten. Wir hätten übrigens auch noch eine parat: Laut Internet hat Max Frisch ca. 700 Follower.

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