Virtuose Komödie oder berührende Tragödie?
Das Landestheater Coburg bringt Georg Kreislers Ein-Personen-Musical „Heute Abend: Lola Blau“ auf die Bühne der Reithalle
veröffentlicht am 21.02.2026 | Lesezeit: ca. 4 Min. | von Martin Köhl
Georg Kreislers legendäres „Ein-Frau-Musical“ erzählt die fiktive Biografie einer gänzlich unpolitischen Künstlerin in einer der dunkelsten Epochen des 20. Jahrhunderts. Wien im Jahre 1938. Die junge jüdische Sängerin Lola Blau freut sich auf ihr erstes Engagement in Wien. Doch mit Hitlers Einmarsch in Österreich zerbricht ihr Traum. Für Lola beginnt eine Flucht ins Ungewisse, ein Leben auf stets gepackten Koffern. Über die Schweiz gelangt sie ins Exil nach Amerika, wo sie schließlich als Showstar und Sexsymbol gefeiert wird – ein Leben, das sie so nie wollte.
Nach Kriegsende kehrt sie desillusioniert nach Wien zurück und muss erkennen: Vieles hat sich nicht verändert … Mit feinsinnigem und originellem Humor, berührender Melancholie und scharfem Biss schildert Kreisler den individuellen Lebenskampf seiner wohl ikonischsten Frauenfigur in Zeiten politischer Radikalisierung. „Ein Musical, das nachhallt“, schreibt dazu das Coburger Landestheater, „bewegend, zeitlos und erschreckend aktuell“.
Jenifer Lary spielt die Lola, Kieran Staub obliegt die musikalische Leitung und die Klavierbegleitung, Sally Elblinger sorgt für die Inszenierung. Das Stück feierte am 23. Januar 2026 Premiere. Weitere Aufführungen in der Reithalle gibt es Ende Februar, im März und im April. Art. 5|III stellte der Regisseurin Sally Elblinger Fragen zum Stück.
Handelt es sich bei Kreislers „Heute Abend: Lola Blau“ um eine virtuose Komödie oder eine berührende Tragödie?
Das Schöne ist, dass es sich zu gleichen Teilen um beides handelt. Gerade im ersten Teil des Stücks kann das Publikum innerhalb kürzester Zeit sowohl an Lolas großer Freude, als auch an ihrer tiefsten Verzweiflung teilhaben. Die episodenhafte Struktur des Stücks sowie unser Inszenierungskonzept unterstützen diese Kontraste zusätzlich.
Entlarvt Kreisler die Verlogenheit einer Gesellschaft in toto – der Antisemitismus war ja nach Kriegsende in Österreich plötzlich ausgestorben … – oder demaskiert er die wegschauenden Zeitgenoss(inn)en als Individuen, die jeweils eigene Schuldanteile haben?
Die wegschauenden Individuen sind bei Kreisler zwar konkret gezeichnete Einzelpersonen, die durch ihre Charakterisierung und Namen (z. B. Frau Schmidt) allerdings stellvertretend für eine gesamte Gesellschaft stehen. Ergänzend kommt besonders gegen Ende des Stücks, wenn Lola sich von einer jungen Frau, die sich nicht mit Politik auseinandersetzt, zu einer Künstlerin gewandelt hat, die ihre Musik als politische Stimme begreift, die eine oder andere Musiknummer vor, die die Nachkriegsgesellschaft insgesamt kritisiert. Dabei erklingt die lieblichste Melodie, gepaart mit zynischen, kein Blatt vor den Mund nehmenden Texten (z. B. „Wo sind die Zeiten dahin?“). Wir haben uns zum Ziel gesetzt, diese Aspekte mit unserer Inszenierung nicht nur in der Vergangenheit zu belassen, sondern deren große Aktualität sichtbar zu machen.
Wieviel von Kreislers eigener Biografie steckt in dem Stück?
Mehr als man zunächst vermuten würde. Kreisler schuf dieses Stück innerhalb weniger Wochen für seine damalige Ehefrau Topsy Küppers und verwendete größtenteils bereits existierende Lieder, die sich allesamt mit seiner eigenen Biografie und seinen Eindrücken von der Heimat, als er nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Exil zurückkehrte, auseinandersetzen. Auch Lolas Lebensweg von Wien über New York nach Hollywood und wieder zurück entspricht dem Kreislers. Ferner sehe ich Lola aber als eine Figur, mit der sich das Publikum unmittelbar identifizieren können muss, um den Verlauf des Abends mit ihr mitzuerleben. Das Drumherum der Handlung wird von rund 20 unterschiedlichsten Figuren etabliert, die aber nie in physischer Form auftreten und ausschließlich als Tonaufnahmen existieren.
Ist dieses Mono-Musical auch von Kreislers schwarzem Humor infiziert?
So gut wie jeder einzelne Takt. Kreisler kritisiert alle Gesellschaftsschichten, Geschlechter und Identitäten gleichermaßen und benennt unangenehme Dinge, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Genau dieses Unbehagen, das man dadurch als Publikum manchmal erfährt, regt aber sehr zum Nachdenken und Hinterfragen an.
Vielen Dank, Frau Elblinger!
Mehr Informationen zum Stück sowie zu den einzelnen Terminen findet man unter www.landestheater-coburg.de.