Wenn Dinge sprechen lernen
Isabelle Lehn liest Museumsobjekte neu – literarische Intervention im Herzoglichen Museum Gotha
veröffentlicht am 20.02.2026 | Lesezeit: ca. 2 Min. | von Ludwig Märthesheimer
Perlenschurz, Perle/Pflanzenfaser, Guyana, vor 1858, Foto © Friedenstein Stiftung Gotha; Foto: Julius Fröbus GmbH
Mit der vierten Ausgabe der Reihe „Beredsamkeit der Dinge“ setzt die Friedenstein Stiftung Gotha ihr literarisch-museales Experiment fort. Unter dem Titel „Dresscode!“ nähert sich die Autorin Isabelle Lehn ausgewählten Exponaten des Herzoglichen Museums Gotha und von Schloss Friedenstein aus einer ungewohnten Perspektive: der Mode. Kann man einen Mumiensarg, einen Tanzspiegel oder ethnografische Objekte lesen wie Kleidungsstücke? Lehn zeigt, dass dies nicht nur möglich, sondern literarisch höchst produktiv ist.
Acht Objekte werden von jeweils kurzen Prosatexten begleitet, die mit modernem Fashion-Vokabular, kulturhistorischem Wissen und erzählerischer Leichtigkeit arbeiten. Entstanden sind präzise Miniaturen von rund 600 Zeichen, die nicht erklären, sondern kommentieren, assoziieren und spielerisch Bedeutungen verschieben. Damit setzen sie einen bewussten Kontrapunkt zu klassischen Museumstexten, die meist in sachlicher Verdichtung informieren. Lehn hingegen nutzt die Mittel der Literatur, um neue Zugänge zu eröffnen und die Beziehung zwischen Betrachter:in und Objekt zu verändern.
Erstmals sind in dieser Ausgabe auch Stücke einbezogen, die sonst im Depot lagern. Alle stammen aus der ethnografischen Sammlung, darunter ein Perlenschurz aus Guyana, ein chinesischer Federkielhut oder grüne Chagrin-Schuhe aus Lahore. Ergänzt wird die Intervention durch eine liebevoll gestaltete Liebhaberausgabe im Booklet-Format sowie Hörfassungen der Texte.
„Beredsamkeit der Dinge“ lädt dazu ein, Museen nicht nur als Orte des Wissens, sondern auch als Räume literarischer Imagination zu begreifen – und den Dingen zuzuhören, wenn sie anfangen, von sich zu erzählen.
Die Ausstellung ist noch bis zum 26. April in der Skulpturenhalle des Herzoglichen Museums Gotha zu sehen. Weitere Informationen unter www.stiftung-friedenstein.de.