Ausstellungen

Die stille Radikalität des Blicks

Das Kunsthaus Apolda Avantgarde würdigt Günter Rössler als Klassiker der deutschen Fotografie

veröffentlicht am 02.03.2026 | Lesezeit: ca. 3 Min. | von Ludwig Märthesheimer

Günter Rössler, Barbara, Budapest, 1974

Günter Rössler, Barbara, Budapest, 1974, Foto © Günter Rössler

Mit der Ausstellung „Mode- und Aktfotografie“ ehrt das Kunsthaus Apolda Avantgarde einen Fotografen, der die Bildsprache der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland nachhaltig geprägt hat: Günter Rössler. Anlässlich seines 100. Geburtstages versammelt die Schau zentrale Werke aus mehr als sechs Jahrzehnten und macht ein Œuvre sichtbar, das bis heute durch seine Klarheit, Ruhe und zeitlose Präsenz besticht.

Rössler, 1926 in Leipzig geboren, studierte nach einer Lehre als Fotolaborant an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Früh entwickelte er einen unverwechselbaren Stil, der sich bewusst vom Sensationellen und Kommentierenden entfernte. Sein Interesse galt dem Alltag, den Menschen, ihren Gesten und Haltungen. Ob Reportage, Mode oder Akt – stets begegnete Rössler seinen Motiven mit Respekt, Zurückhaltung und großer Aufmerksamkeit für das Wesentliche. Seine Fotografien urteilen nicht, sie beobachten.

Besondere Bekanntheit erlangte Rössler durch seine Aktfotografie, der er sich seit den 1960er Jahren intensiv widmete. Mit seiner ersten großen Personalausstellung 1979 trug er maßgeblich dazu bei, den Akt in der DDR als eigenständige künstlerische Ausdrucksform zu etablieren. Seine Bilder zeigen selbstbewusste Frauen, frei von Pose oder Koketterie. Die Reduktion auf Schwarz-Weiß, die präzise Lichtführung und die ruhige Inszenierung lassen die Körper skulptural erscheinen. Nichts wird verdeckt, nichts beschönigt – die Offenheit der Darstellung ist Ausdruck eines besonderen Vertrauens zwischen Fotograf und Modell.

Parallel dazu prägte Rössler die Modefotografie entscheidend mit. Für Zeitschriften wie SIBYLLE oder Modische Maschen entwickelte er eine Bildsprache, die Mode stets im Zusammenhang mit dem Alltag verstand. Kleidung wird nicht vorgeführt, sondern gelebt. Auch diese Fotografien wirken bis heute erstaunlich gegenwärtig – als ästhetische Zeitdokumente und als Ausdruck eines modernen, selbstbestimmten Frauenbildes.

Alle Arbeiten entstanden analog. Rössler entwickelte, belichtete und vergrößerte seine Bilder selbst in der Dunkelkammer. Dort erhielt jedes Foto seinen letzten Schliff. Die Ausstellung in Apolda zeigt eindrucksvoll, warum seine Arbeiten längst klassisch wirken: Sie stammen aus einer ruhigeren Welt – und sprechen doch mit unverminderter Kraft in die Gegenwart. Günter Rössler starb am 31.12.2012 in Leipzig.

Die Ausstellung „Günter Rössler|Mode- und Aktfotografie“ ist noch bis zum 3. Mai im Kunsthaus Apolda Avantgarde, Bahnhofstraße 42, 99510 Apolda zu sehen. Weitere Informationen gibt es unter www.kunsthausapolda.de.

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