Alles im Fluss
Thomas Bayrle und die serielle Verdichtung von Stadt, Land und Bewegung im Museum im Kulturspeicher Würzburg
veröffentlicht am 15.02.2026 | Lesezeit: ca. 3 Min. | von Ludwig Märthesheimer
Thomas Bayrle/ VW Käfer (blaue Version), 1969/ Courtesy Thomas Bayrle und neugerriemschneider Berlin, Foto © VG Bild-Kunst Bonn 2026, Foto: Wolfgang Günzel
Mit der Ausstellung „Stadt, Land, alles im Fluss“ widmet das Museum im Kulturspeicher Würzburg dem Künstler Thomas Bayrle seine erste umfassende Einzelausstellung im Haus. Bayrle zählt zu den prägenden Positionen der deutschen Pop-Art und ist zugleich ein scharfer Analytiker gesellschaftlicher Strukturen. Im Zentrum der Schau stehen Werke, die sich mit urbanen und ländlichen Lebensräumen sowie mit der Verkehrsthematik auseinandersetzen – Themen, die Bayrles Werk seit Jahrzehnten durchziehen.
Die Ausstellung verknüpft diese Arbeiten bewusst mit der Topografie und Stadtgeschichte Würzburgs nach 1945. Kaum eine andere Stadt bündelt die zentralen Diskurse um autogerechte Stadt, Verdichtung und Stadt-Land-Gefälle so konzentriert wie Würzburg. Bayrles Kunst fungiert hier als ästhetisches Brennglas: Seine Bildwelten machen sichtbar, wie Mobilität, Wiederholung und Massenbewegung das Leben formen und strukturieren.
Charakteristisch für Bayrles Arbeiten ist die serielle Werkgenese. Aus unzähligen, sich wiederholenden Einzelelementen entstehen dichte Bildräume mit kaum freien Flächen – ein bewusst eingesetzter horror vacui (Angst vor der Leere). Diese visuelle Überfüllung spiegelt nicht nur globale Verkehrs- und Konsumströme, sondern korrespondiert auch mit dem Gefühl räumlicher Enge und permanenter Bewegung, das viele Städte prägt. Historische Stadtansichten der 1960er- und 1970er-Jahre treten dabei in einen spannungsreichen Dialog mit Bayrles ikonischen Motiven, etwa Fahrzeugen, Straßen oder anonymisierten Menschenmengen.
Bayrles Arbeiten sind dabei nie bloße Abbildungen. Sie funktionieren als Systeme, in denen sich Individuen zu Mustern fügen und zugleich darin verschwinden. Nähe und Distanz, Ordnung und Überforderung liegen dicht beieinander. Das Ornamentale seiner Bilder ist ebenso verführerisch wie beunruhigend: Es zieht den Blick an und zwingt zugleich zur Reflexion über die Mechanismen moderner Gesellschaften.
Ergänzt wird die Ausstellung durch ein umfangreiches Begleit- und Vermittlungsprogramm, das sich aktuellen Fragen nachhaltiger Mobilität widmet. Interaktive Stationen, Workshops, Vorträge und Kooperationen mit der Universität Würzburg eröffnen unterschiedliche Zugänge und binden die Ausstellung in gegenwärtige Diskurse um Klimawandel, Verkehr und Stadtentwicklung ein.
„Stadt, Land, alles im Fluss“ zeigt Thomas Bayrle als Künstler von ungebrochener Aktualität. Seine Werke machen sichtbar, wie sehr sich gesellschaftliche Bewegungen in Bilder einschreiben – und wie Kunst helfen kann, diese Strukturen lesbar zu machen.
Die Ausstellung ist vom 28. Februar bis zum 17. Mai 2026 im Museum im Kulturspeicher in Würzburg zu sehen. Weitere Informationen gibt es unter www.kulturspeicher.de.