„Das geheime Leben der Deutschen“
Wladimir Kaminer liest beim Bamberger Literaturfestival 2026
veröffentlicht am 28.02.2026 | Lesezeit: ca. 12 Min. | von Ludwig Märthesheimer
Wenn Wladimir Kaminer über die Deutschen schreibt, wirkt es, als hätte jemand die Alltagskulisse dieser Republik leicht verschoben – nur um sie uns mit mildem Spott, scharfem Blick und großer Zuneigung neu zu zeigen. 1967 in Moskau geboren, kam er 1990 nach Berlin und wurde vom Emigranten zum wohl bekanntesten Chronisten deutscher Befindlichkeiten. Seitdem verwandelt er Begegnungen und Beobachtungen in lakonische, komische und zugleich präzise Geschichten.
Berühmt wurde Kaminer mit „Russendisko“, später folgten zahlreiche Bücher, die von russischen Provinzbahnhöfen ebenso erzählen wie von Berliner Hinterhöfen – immer aus der Perspektive eines Menschen, der zwei Heimaten kennt und doch in keiner ganz zu Hause ist. Dass Kaminer auf Deutsch schreibt, nicht in seiner Muttersprache Russisch, macht seine Literatur zu einem fortwährenden Übersetzungsakt zwischen Kulturen, Mentalitäten und Missverständnissen.
Über die Jahre ist sein Werk zu einem Kommentar der deutschen Gegenwart geworden: Seine Figuren scheitern, verlieben sich, kämpfen mit Bürokratie und Identitätsfragen – und behalten dabei eine Leichtigkeit, die den Ernst der Lage nicht leugnet, sondern sichtbar macht. Aus seiner Außenseiterposition hat Kaminer eine produktive Distanz entwickelt, die das Fremde im Vertrauten ebenso erkennt wie das Vertraute im Fremden.
Mit „Das geheime Leben der Deutschen“ richtet er den Blick auf jene Winkel der Republik, die jenseits der Schlagzeilen liegen: Dorffeste, Rituale, Alltagsabenteuer. Wo andere in die Ferne reisen, genügt ihm ein Schritt über den Gartenzaun, um das Exotische im Vertrauten zu entdecken.
Wenn Kaminer am 9. März 2026 beim Bamberger Literaturfestival aus seinem neuen Buch liest, begegnet dem Publikum daher nicht nur ein Bestsellerautor, sondern ein Erzähler, der Deutschland seit Jahrzehnten spiegelt – mal als Zerrspiegel, mal als liebevoll polierte Oberfläche. Dieses Gespräch knüpft an jene kleinen Beobachtungen an, aus denen bei Kaminer große Geschichten entstehen.
Art. 5|III konnte vorab ein Interview mit Wladimir Kaminer führen:
Herr Kaminer, die wichtigste Frage zuerst: Was ist typisch deutsch?
Ich bereise Deutschland unermüdlich seit fast 30 Jahren und meine Erfahrung ist, dass Deutschland an jeder Ecke unglaublich unterschiedlich ist. Und das ist es auch, was dieses Land so wertvoll macht.
Man kann sich natürlich auch ein Muster ausdenken und sagen, alle Deutschen trinken Bier oder sind fleißig, aber wir beide wissen, dass das nicht stimmt. Es gibt genug Leute, die kein Bier mögen und auch Menschen, die nicht fleißig sind.
Das habe ich versucht in meinem neuen Buch, „Das geheime Leben der Deutschen“ zu beschreiben und wollte damit zeigen, wie unterschiedlich dieses Land ist. Dass es sich lohnt, das Land näher kennenzulernen und vielleicht auch einmal eine Deutschlandreise zu machen.
Ist der „typische Deutsche“ dann nur eine Fiktion?
Als ich 1990 nach Deutschland kam, da konnte man noch sagen, was typisch deutsch ist. Es gab eine typisch deutsche Küche und Freizeitbeschäftigungen, die auch typisch deutsch waren, wie beispielsweise das obligatorische Autowaschen am Wochenende. Aber inzwischen hat sich das Land in so viele Richtungen entwickelt, dass man das typisch Deutsche gar nicht mehr ausmachen kann. Wenn man unbedingt etwas als typisch deutsch ausmachen möchte, dann ist es vielleicht die große Sorge vor der Zukunft. Die Anzahl der Versicherungen und die Gedanken an die Rente usw.. In meiner Heimat denken die Leute nicht sehr viel über die Rente nach, auch weil der Staat so unzuverlässig ist. In Deutschland macht man sich schon im Kindergarten Gedanken darüber, wie hoch die Rente einmal sein wird.
Wenn ich richtig informiert bin, besitzen Sie seit 1990 auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Hat sich die deutsche Staatsbürgerschaft auf die Anzahl Ihrer Versicherungen ausgewirkt?
Das ist nicht richtig. Ich war zunächst gute 20 Jahre staatenlos, hatte einen sogenannten „Alien-Pass“ (das stand wirklich auf dem Papier), wie übrigens hunderttausende andere Menschen auch. Deutscher Staatsbürger bin ich seit ungefähr 15 Jahren. Und nein, deswegen habe ich diese Versicherungsmentalität nicht angenommen. Insofern bin ich ein untypischer Deutscher. Ich vertraue dem Schicksal und glaube an den Zufall. Mich gegen jeden Unfug in dieser Welt zu versichern, das tue ich nicht.
Sie lesen in Bamberg aus Ihrem neuen Buch „Das geheime Leben der Deutschen“. Sind da bestimmt Erkenntnisse für uns Deutsche zu erwarten, die wir selbst noch nicht kennen?
Ich denke schon, aber ich schwanke noch dahingehend, ob ich Geschichten über bzw. aus der Region erzählen soll, weil ich Geschichten über Oberfranken habe. Andererseits wissen die Oberfranken über sich selbst Bescheid, dann wäre es sicherlich sinnvoller, über Gegenden zu berichten, die weiter weg von Oberfranken sind, Mecklenburg oder Brandenburg zum Beispiel. Ich glaube, ich werde beides machen.
Die Oberfranken sind schon ein eigenes Volk, das waren immer sehr spannende Begegnungen für mich. Ich mag diese „ruppige Romantik“ von Oberfranken sehr gerne. Man braucht zwar eine Zeit, aber dafür ist die Beziehung umso intensiver bzw. wertvoller.
Kann man das Buch als eine Art Spiegel verstehen, den Sie den Deutschen vorhalten möchten?
Für mich ist das mehr eine Entwicklungsreise. Mein Anspruch war, dass die Menschen ihr Land neu kennenlernen. Der Auslöser für das Buch war ein Literaturwettbewerb („Traumland Deutschland“), bei dem ich in der Jury saß. Bei dem Wettbewerb sollten Menschen, die von weit her nach Deutschland immigriert sind und besonders schnell und gut Deutsch gelernt haben, beschreiben, was sie an dem Land mögen und was ihnen nicht so gefällt. Und beim Lesen dieser Aufsätze dachte ich immer wieder, dass ich dieses Land, das da beschrieben wurde, gar nicht kenne. Und so begann die Arbeit an dem Buch.
Seit über 30 Jahren machen Sie das nun schon. Haben Sie zwischenzeitlich ein anderes, besseres Verständnis von den Deutschen gewonnen oder ist das Verhältnis mit der Zeit komplizierter geworden?
Ich habe dieses Land lieben gelernt. Gerade jetzt, wo die Welt aus den Fugen zu geraten scheint, gerade in dieser Zeit macht Deutschland eine gute „Figur“ und geht seinen Weg weiter. Mein Lieblingsbundesland ist Brandenburg geworden, weil da gar nichts ist. Das Leben dort ist so „unsichtbar“ für Außenstehende. Natürlich gibt es ein aktives, soziales Leben, aber es dauert seine Zeit, bis man dies wahrnimmt. Man muss sich drinnen befinden, um das zu erkennen. Ich wohne in einem Dorf in Brandenburg, wo gar nichts ist. Da gibt es keine Kneipe, der Treffpunkt ist eine Bushaltestelle, an der niemals ein Bus anhält. Wenn man als Reisender durch das Dorf fährt, sieht man niemanden. Aber das Dorf sieht Sie. Wenn man den Zugang zum inneren Leben der Gemeinde hat, dann versteht man erst überhaupt, was dort alles los ist. Und diesen Zugang hat man so ungefähr nach drei oder vier Jahren.
Sind Sie durch Zufall in diesem Dorf gelandet oder haben Sie sich das bewusst ausgesucht?
Das war ein Zufall. Wir sind aus unserem Schrebergarten in Berlin rausgeflogen, weil wir unter anderem Probleme mit „spontaner Vegetation“ hatten, aber sicher auch noch mehr Ärgernisse. Deshalb haben wir uns einen Ort gesucht, an dem solche Dinge nicht wirklich eine Rolle spielten. Und so kam ich nach Brandenburg. Zuerst habe ich auch gedacht, dass dort keiner wohnt, aber dem war nicht so. In Deutschland leben überall Menschen, aber manchmal ist das Leben eben unsichtbar.
Wenn man Ihre Texte liest, hat man das Gefühl, dass jeder Abschnitt eine Momentaufnahme des Alltags oder auch eines besonderen Events ist. Steuern Sie diese Momente bzw. Beobachtungen bewusst an oder erleben Sie diese mehr oder weniger zufällig.
Für mich sind das erlebte Geschichten mit einer inneren Dramaturgie, einen Anfang, den Aufbau und das Ende, das nicht immer ein Happy End sein muss. Aber die Geschichte muss am Ende einen Sinn ergeben. Und diese Momentaufnahmen sind wie Puzzles. Ich puzzle mit den vielen Stückchen des Lebens und am Ende soll aus den Momentaufnahmen, den Stückchen eben, ein Land entstehen. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis, ich glaube, es ist mir gelungen. Ich freue mich sehr auf Bamberg und bin sehr gespannt darauf, wie die Menschen das aufnehmen werden, was ich zu erzählen habe.
Wenn Sie über ein Volk oder Personen schreiben, gibt es da auch Momente, in denen Sie denken, dass Sie das vielleicht jetzt besser nicht schreiben sollten, weil Sie den Menschen damit zu nahe auf die Pelle rücken?
Das, was ich beschreibe, das tue ich doch aus Liebe und nicht, um Menschen oder Gefühle zu verletzen. Ich schreibe ja schließlich keine negativen Bewertungen auf Google (es folgt ein plastisches Beispiel zu Land, Essen und Bevölkerung).
Das mache ich nicht. Ich schreibe manchmal mit einem Augenzwinkern, das stimmt. Aber die Menschen können darüber lachen. Nach meiner Erfahrung können in Deutschland die Menschen gut über sich selbst lachen. Gestern war ich in Schwaben und habe dort über Schwaben vorgetragen. Ich hatte schon die Besorgnis, dass ich vielleicht ein wenig zu hart war, aber Sie konnten unglaublich gut über sich selbst lachen.
Über Oberfranken habe ich auch einige Geschichten, die unter anderem mit dem Dialekt zu tun haben. Ich bin gespannt, wie das in Bamberg ankommen wird.
Bamberg ist ein gutes Stichwort. Bamberg gilt als ordentlich, traditionsbewusst und kultiviert. Ist das für Sie eher ein Idealbild deutscher Lebensart oder ein besonders dankbares Untersuchungsobjekt?
Bamberg ist eine ordentliche und ziemlich saubere Stadt, da gebe ich Ihnen recht. Das liegt aber vermutlich daran, dass die Menschen ihre Kinder zeitig nach Berlin schicken. Die jungen Menschen gehen nach Berlin und auf diese Weise bleiben Bamberg viele Demos, Graffitis und Müll erspart.
Bereiten Sie Ihre Lesungen vor und dabei auch bestimmte Pointen, damit Sie die Lacher sicher auf Ihrer Seite haben werden?
Man kann niemals sicher sein, wie der Saal reagiert. Ich versuche immer ein vertrauliches Gespräch mit den Zuhörern aufzubauen, um mit ihnen eine gemeinsame Reise durch Deutschland zu machen. Ich habe viele Geschichten dabei und wenn ich merke, dass an einem bestimmten Bundesland kein Interesse besteht, dann macht das auch nichts. Dann fahren wir eben weiter nach Hessen oder nach Bayern. Das ist der Vorteil des Buches, dass man damit eine gewisse Flexibilität hat.
Abgesehen von Ihrer brandenburgischen Wahlheimat, haben Sie ein Lieblingsbundesland oder eine Lieblingsstadt in Deutschland?
Ich habe zwei Lieblingsstädte, Berlin und Baden-Baden. Berlin ist nicht übel, weil man nie weiß, was oder wer einem entgegenkommt. Die Menschen sind sehr unterschiedlich und es sind immer andere. Und die Geschäftswelt ist sehr volatil. Die Folgen der Weltpolitik lassen sich nahezu auf jeder Straße in Berlin nachvollziehen.
In Baden-Baden herrscht genau das Gegenteil. Da kann man mit geschlossenen Augen durch die Stadt laufen und es wird einem nichts passieren. Ich glaube auch, dass in Baden-Baden die höchste Zahl von 100-Jährigen in Deutschland lebt, wobei man nicht weiß, ob die alle in Baden-Baden 100 Jahre alt geworden sind oder erst kurz davor in diese Stadt gezogen sind.
Wie man an Ihrem Tourenplan erkennen kann, sind Sie sehr viel unterwegs. Wie reisen Sie und ist das nicht sehr stressig, jeden Tag in einer anderen Stadt aufzutreten, zumal diese manchmal auch hunderte von Kilometern auseinander liegen?
Ich reise sowohl mit dem Auto, als auch mit der Bahn, ganz selten mit dem Flugzeug. An die Strecken habe ich mich längst gewöhnt. Eigentlich bin ich gar nicht unterwegs. Das Land zieht an mir vorbei, ich schaue mir das an, mache mir meine Gedanken, schreibe im Zug oder im Hotel. Das ist viel besser als ständig zu Hause zu sein. Zuhause schaue ich mir ständig die Nachrichten an von irgendwelchen „Nachrichtenmenschen“, die es im realen Leben gar nicht gibt. Da wird ständig über Trump, Merz oder Putin geschrieben, aber diese Menschen gehören doch eigentlich gar nicht zu unserem realen Leben. Es ist doch viel interessanter, über Personen zu schreiben, die zu unserem Leben wirklich gehören. Und die sind auch viel angenehmer als die Menschen, die für uns eigentlich nur in den Nachrichten existieren.
Zwischen Ihren Reisen machen Sie auch noch Fernsehformate wie zum Beispiel „Kaminer Inside“. Letzte Woche konnte man Sie bei Ihrer Reise auf der deutschen Märchenstraße begleiten.
Das war ein unglaubliches Abenteuer, über das ich noch ein Buch schreiben werde. Kaminers Märchenstunde. Es gibt ganze Orte, die nur von einer und für eine Märchenfigur leben, einfach unglaublich.
Was nehmen die Besucher Ihrer Lesungen mit nach Hause?
Ich hoffe, sie lachen. Gerade in unserer Zeit, wo es vielleicht wenig zu lachen gibt. Und ein bisschen Liebe zu ihrem Land. Wir haben doch ein supertolles Land, haben ein gutes Leben und sind ganz normale Menschen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Verraten Sie uns doch ein Geheimnis, das Sie über die Deutschen entdeckt, aber nicht im Buch verewigt haben.
Alle Geheimnisse stehen im Buch. Was ich entdeckt habe, ist, dass die Deutschen unheimlich gut feiern können, sogar besser als die Brasilianer. Und das habe ich in meinem Buch ausführlich beschrieben.
Wir bedanken uns ganz herzlich für das offene Gespräch und wünschen spannende Momente bei Ihrer Lesung am 9. März im Hallstadter Kulturboden.
Wladimir Wiktorowitsch Kaminer
*19. Juli 1967 in Moskau (Sowjetunion)
Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk
Studium der Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut
1990 Einreise in die damalige DDR
Mitbegründer von PEN Berlin