Unterwegs

Zwischen Stärke und Schuld

Die Dresdner Ausstellung „Herkules – Held und Antiheld“ erzählt den Mythos als Spiegel menschlicher Widersprüche

veröffentlicht am 15.03.2026 | Lesezeit: ca. 5 Min. | von Ludwig Märthesheimer

Peter Paul Rubens, Der trunkene Herkules, von einem Satyr-Paar geführt, um 1613/14

Peter Paul Rubens, Der trunkene Herkules, von einem Satyr-Paar geführt, um 1613/14, Foto © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Foto: Hans-Peter Klut

Kaum eine Gestalt der antiken Mythologie ist so tief im kulturellen Gedächtnis verankert wie Herkules, griechisch Herakles. Seine legendären „Herkulesaufgaben“ sind sprichwörtlich geworden, sein Name steht bis heute für übermenschliche Kraft, Ausdauer und Grenzüberschreitung. Zugleich ist Herkules eine zutiefst ambivalente Figur: Held und Täter, Vorbild und Abschreckung, göttlich erhöht und menschlich fehlbar. Genau dieser Spannbreite widmet sich die Ausstellung „Herkules – Held und Antiheld“ der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die noch bis 28. Juni 2026 im Zwinger zu sehen ist.

Anhand von 135 Objekten entfaltet die Schau ein vielschichtiges Bild des Halbgottes. Skulpturen, Gemälde, Grafiken, Münzen, Rüstungen und Werke der Goldschmiedekunst zeigen, wie Herkules über Jahrtausende hinweg immer wieder neu interpretiert wurde. Ergänzt werden die Bestände der Dresdner Sammlungen durch internationale Leihgaben, unter anderem aus den Vatikanischen Museen, dem Prado, dem Louvre und der Ny Carlsberg Glyptotek. So entsteht ein Panorama europäischer Bildtraditionen, in dem sich ästhetische Ideale ebenso spiegeln wie gesellschaftliche Werte und politische Interessen.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist die mythologische Herkunft des Heros: Als Sohn des Zeus und der sterblichen Alkmene ist Herkules ein Grenzgänger zwischen göttlicher Macht und menschlicher Schwäche. Seine enorme physische Kraft macht ihn zum Bezwinger von Ungeheuern und zum Retter ganzer Landstriche. Doch dieselbe Kraft gerät immer wieder außer Kontrolle. Raserei, Gewalt und Schuld ziehen sich durch seine Biografie – bis hin zum Mord an den eigenen Kindern. Die Ausstellung verschweigt diese dunklen Seiten nicht, sondern rückt sie bewusst ins Zentrum der Betrachtung: Herkules erscheint als Figur, an der sich moralische Fragen entzünden, nicht als makelloses Denkmal.

In einem Prolog und fünf thematischen Kapiteln werden zentrale Aspekte des Mythos entfaltet: die berühmten Herkulesaufgaben, sein konfliktreiches Verhältnis zu Frauen, seine antiheldischen Eskapaden sowie seine politische Instrumentalisierung. Gerade dieser Blick auf den Gebrauch des Mythos ist aufschlussreich. Denn Herkules wurde, besonders seit der Renaissance, zum Modellfall von Repräsentation: Stärke, Tugend und Durchsetzungsfähigkeit ließen sich mit seinem Körperbild exemplarisch ausstellen. Herrscher wie Alexander der Große oder August der Starke konnten über Herkules ihre Ansprüche auf Ordnung, Macht und Legitimität bebildern. Ein Schlüsselwerk dafür ist Balthasar Permosers kolossaler „Sächsischer Herkules“, ursprünglich für den Dresdner Zwinger geschaffen: Barocke Körperpolitik in Stein, bis heute eindrucksvolles Zeugnis einer Ästhetik der Autorität.

Gleichzeitig macht die Ausstellung deutlich, dass Herkules nie nur Projektionsfläche politischer Ideale war. Seine Popularität speist sich aus dem erzählerischen Reichtum des Mythos, aus seinen Widersprüchen und Brüchen. Herkules ist nicht der Held ohne Schatten, sondern eine Figur, deren Ruhm sich auch aus Scheitern, Übermaß und Grenzverletzung nährt. Seine Geschichten handeln von Arbeit und Anstrengung, aber ebenso von Eigensinn und Exzess: Er kämpft zum Wohle der Menschheit gegen das Böse – und ist doch in anderen Erzählsträngen Mörder, Vergewaltiger, Trunkenbold und Dieb. Der Mythos hält diese Gegensätze nicht auseinander, sondern verbindet sie; genau darin liegt seine beunruhigende Modernität.

Diese Modernität wird auch durch die Inszenierung gestützt. Für die Ausstellung entstanden Videos zu acht Herkules-Episoden: Der in Dresden geborene Schauspieler Martin Brambach erzählt darin wichtige und amüsante Passagen aus dem Leben des Helden und Antihelden. Die Stimmenführung schafft Nähe, ohne die Ambivalenz zu glätten. Ergänzt wird das Angebot durch einen kostenlosen Multimediaguide, der kunsthistorische Einordnung und narrative Zugänge verbindet. So lässt sich die Ausstellung sowohl als bildhistorische Wanderung durch Epochen lesen als auch als Reflexionsraum über das Bedürfnis nach Heldenfiguren.

Am Ende steht eine Frage, die über die Antike hinausweist: Welchen Stellenwert hat Heldentum in der Geschichte – und welchen hat es heute? Die Ausstellung antwortet nicht mit Thesen, sondern mit Bildern: mit Körpern, Gesten, Attributen und Blickregimen, die zeigen, wie kulturelle Ideale entstehen, wie sie verehrt werden und wie schnell sie kippen können. Herkules erscheint als Prüfstein unserer eigenen Vorstellungen von Stärke, Verantwortung und Gewalt. Er ist, in dieser Lesart, nicht nur eine Figur der Vergangenheit, sondern ein Spiegel unserer Gegenwart: verführerisch, widersprüchlich, unabschließbar.

Der Katalog „Herkules – Held und Antiheld“, herausgegeben von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, erscheint bei Sandstein Kultur. 200 Seiten, Museumsausgabe 30€, Buchhandelspreis 38€, ISBN: 978-3-95498-894-5

„Herkules – Held und Antiheld“ wird noch bis zum 28. Juni 2026 im Dresdner Zwinger zu sehen sein. Mehr Informationen gibt es unter http://www.skd.museum.

Schlagworte:

Ähnliche Artikel: