Die Kunst des Unhörbaren
Über einen Beruf, der nur auffällt, wenn er fehlt: Präzision, Sprache und Schwerstarbeit im Theaterbetrieb
veröffentlicht am 18.03.2026 | Lesezeit: ca. 7 Min. | von Martin Köhl
Wer sind eigentlich diese geheimnisvollen Wesen hinter dem kleinen Schlitz am vorderen Bühnenrand, zu dem sich beim Schlussapplaus nach einer unfallfrei verlaufenen Opernaufführung auch die berühmtesten Solist:innen und Sänger:innen herunterbeugen und sichtliche Dankbarkeit bezeugen? Die Einflüsterer des Sprech- und Musiktheaters sind so wichtig für das Theater wie unsichtbar für das Publikum – und im Idealfall auch unhörbar.
Ihre Existenz bzw. ihre Notwendigkeit verdanken sie vor allem dem Repertoirebetrieb in den Mehrspartenhäusern, wo oft keine längeren Aufführungsreigen zustande kommen. Deshalb bleiben die zu memorierenden Texte nicht so zuverlässig im Gedächtnis wie beim En-Suite-Spielbetrieb, der Aufführungen in Serie vorsieht. Souffleure – wir bleiben hier beim angestammten Begriff – besitzen jene Stimme, die nur dann spricht, wenn sie gebraucht wird, und ohne die so manches Stück ins Stocken geraten würde.
Für diesen sehr speziellen Theaterjob gibt es keine gesonderte, formalisierte Ausbildung, dafür spezifische Schulungen an manchen Häusern. Zu den Anforderungen gehören Erfahrungen im Theaterbereich, eine ausgeprägte Konzentrationsfähigkeit, ein überdurchschnittliches Erinnerungsvermögen für literarische Texte, Improvisationstalent bei unerwarteten Situationen, Sinn für die Dramaturgie und andere theaterspezifische Abläufe sowie ein Charakter, der bei den auf der Bühne Stehenden für Vertrauen und Verlässlichkeit bürgt.
Eine Tätigkeit in der Soufflage ist angesichts der genannten Anforderungen und der schwierigen Arbeitsbedingungen (Proben und Aufführungen finden häufig abends und an Wochenenden statt) sehr anspruchsvoll und gemessen daran nicht üppig bezahlt. Es gibt jedoch konstanten Bedarf, und daher bleibt dieser Job interessant, auch für all jene, die darüber einen Einstieg in andere Karrieren des Theaterbereichs anstreben (Regieassistenz, Dramaturgie o.ä.).
Schon bei den Proben nehmen die Souffleure eine wichtige Rolle ein. Sie lesen den Text bzw. das Libretto ständig mit, schlagen Korrekturen vor und geben Hinweise im Spannungsfeld zwischen Skript und Spiel. Und natürlich greifen sie beherzt ein, wenn es hakt. Wenn der Text „einfach weg ist“, helfen meist die ersten Worte eines Satzes, um den gewünschten Fortlauf des Textes in Erinnerung zu rufen. Die besten Souffleure sind vermutlich jene, die schon im Voraus ahnen, wann oder warum eine Schauspielerin stockt.
Besonders große Schwierigkeiten türmen sich vor jenen Mutigen auf, die sich an den Bühnenrand oder in den kleinen Verschlag zwischen Bühne und Orchestergraben wagen, um die Souffleurrolle im Musiktheater auszufüllen. Sie müssen ja nicht nur Libretti lesen können, sondern auch Partituren bzw. Klavierauszüge und szenische Anweisungen. Manche Souffleure dirigieren sogar ständig mit – quasi sicherheitshalber – und geben den Sängerinnen und Sängern Einsätze.
Große Häuser wie die Bayerische Staatsoper erwarten, dass ihre Souffleure 60 bis 70 Opern „draufhaben“. Dort arbeitet auch Michael Mader, der von der Soufflage als „Schwerstarbeit“ spricht. Er hat noch die „Ochsentour“ vom Korrepetitor bis zum Kapellmeister durchgemacht und ist nebenher weiterhin als Dirigent aktiv. Das sagt viel über den Anspruch eines Berufes, von dem man idealerweise nichts hört oder sieht. Und der schon so manchen Opernabend gerettet hat. Claudia Forner ist Souffleurin für das Musiktheater am Staatstheater Meiningen. Art. 5|III durfte ihr ein paar Fragen stellen.
Wo sind Sie während der Aufführungen – je nach Ort – positioniert?
Im Idealfall sitze ich in einer der beiden Logen links oder rechts vom Orchestergraben, da man von dort den Großteil der Bühne überblickt. Leider gibt es den traditionellen Souffleurkasten ja nicht mehr, der natürlich einen ständigen Kontakt mit den Sängern ermöglichte. Manchmal sind aber die Logen durch Musiker oder szenische Einbindung besetzt und ich kann nur in der Nähe des Inspizienten einen günstigen Platz suchen, dann sieht man oft von der Bühne nur etwa 20 Prozent und muss sich auf die Akustik verlassen.
Gibt es spezifische Anforderungen an eine Souffleurstimme?
Vor allem muss die Stimme tragfähig sein und auch über ein gewisses Volumen verfügen, denn man muss über das Orchester kommen.
Arbeiten Sie auch mit mimischen oder gestischen Mitteln?
Dort, wo man sich gegenseitig gut sieht, singe ich stumm mit und mache etwas übertriebene Mundbewegungen.
Wie oft müssen Sie während einer Aufführung eingreifen?
In den Aufführungen greife ich nur ein, wenn es absolut nötig ist. Besonders in Operette und Musical gibt es viele Dialoge, in denen die Darsteller auch immer ein bisschen improvisieren. Da wäre es peinlich, eine Souffleuse zu hören. Die eigentliche Arbeit passiert auf den Proben, denn trotz guter Einstudierung kommt dann die Szene dazu und alle Vorgänge müssen sich erst einspielen.
Müssen Sie bei der zehnten Wiederholung seltener aushelfen als bei der Premiere?
Nicht unbedingt. Zur Premiere passieren meist Texthänger aus Nervosität, aber im Prinzip sitzt nach sechs Wochen Proben alles. Wenn das Stück allerdings mehrere Wochen nicht gespielt wurde, kommt es häufiger zu kleinen Unsicherheiten. Außerdem gibt es im Krankheitsfall auch Gäste, die oft andere Fassungen oder Dialogfassungen einstudiert haben und mit einer Probe einspringen müssen.
Haben Sie schon besonders problematische, originelle oder auch witzige Situationen bei Ihrer Tätigkeit erlebt?
Ja schon, aber die sind zu speziell an die Stücke gebunden, um sie in einem Interview darzustellen.
Welche Voraussetzungen sind für die Soufflage im Musiktheaterbereich notwendig? Genügen gute Repertoirekenntnisse und Souveränität im Partiturlesen oder ist eine Ausbildung zum Korrepetitor oder gar zum Kapellmeister unabdingbar?
Man sollte vor allem im Notenlesen souverän sein (wir arbeiten nicht mit Partituren, das ist Sache des Dirigenten, sondern mit Klavierauszügen). Ich selbst bin Musikwissenschaftlerin mit einer fundierten Klavier- und Gesangsausbildung. Speziell im Musiktheater sind die Originalsprachen eine Herausforderung. Bisher hatte ich diverse Opern in Italienisch und Französisch. Und Opernlibretti bedienen sich einer Sprache, die mit der heutigen Alltagssprache wenig gemein hat. Das heißt, oft muss man einfach nur sicher in der Aussprache sein, ohne jedes Wort zu verstehen. Das erfordert natürlich eine wesentlich intensivere Vorbereitung als ein Werk in der Muttersprache.
Welche Hilfsmittel bzw. Impulse gehen im Musiktheaterbereich über die im Schauspielbereich erforderlichen hinaus?
Schnelligkeit! Wenn ein Schauspieler für einen Moment den Text vergisst, kann er eine kleine Kunstpause einlegen oder improvisieren. Im Musiktheater spielt das Orchester unbarmherzig weiter und dann ist es ziemlich knifflig, den Sänger wieder „reinzubringen“.
Wie geben Sie Töne oder Einsätze vor, dirigieren Sie auch mit?
Nein, das macht ausschließlich der Kapellmeister bzw. die Dirigentin.
Vielen Dank, Frau Forner.