Klassiker

Tongemälde mit transzendentalem Anspruch

Der Bamberger Universitätsmusik gelingt mit der „Sea Symphony“ von Ralph Vaughan Wiliams eine kapitale Repertoireerweiterung  

veröffentlicht am 03.02.2026 | Lesezeit: ca. 6 Min. | von Martin Köhl

Das Orchester der Otto-Friedrich-Universität bei einem vergangenen Konzert

Das Orchester der Otto-Friedrich-Universität bei einem vergangenen Konzert, Foto © Jana Margarete Schuler

Welche Erfolgskurve die Universitätsmusik in Bamberg verzeichnet, zeigt sich seit Jahren auf eindrucksvolle Weise – und nicht zuletzt an den stetig steigenden Besucherzahlen. Beim Konzert zum Schluss des Wintersemesters an der Otto-Friedrich-Universität füllte sich diesmal der Keilberthsaal der Bamberger Konzerthalle bis zum letzten Platz. Volles Haus, und das für die Aufführung von Werken eines Komponisten, der weit entfernt ist von der Wirkungsmächtigkeit von Beethoven & Co.

Die Werke von Ralph Vaughan Williams stehen zwar in letzter Zeit recht oft auf symphonischen Programmzetteln, vermehrt auch auf jenen der Bayerischen Staatsphilharmonie, aber sie gehören nicht zu den Rennern des Repertoires. Von dem bedeutenden Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden gleich zwei Werke aufgeführt: die erste Sinfonie mit dem Widmungstitel Sea Symphony und die Fantasia on a Theme by Thomas Tallis, beides aus dem Jahre 1910.

Letztgenanntes Werk für doppeltes Streichorchester verweist gleich mit den ersten Parallelakkorden auf die impressionistisch angehauchte Faktur seiner Tonsprache, die gleichwohl über weite Strecken der spätromantischen Harmonik verhaftet bleibt. Die Gruppierung des groß besetzten Streichkörpers ähnelt ein wenig der Gattung der Sinfonie Concertante, will heißen, dass eine Sologruppe (hier ein Sextett aus allen Streichergruppen) oben postiert ist und eine Art Widerpart zu den beiden Orchesterteilen darstellt.

Natürlich erinnert das auch an die mehrchörige Vokalmusik aus der Zeit der Renaissance, wie sie beispielsweise im venezianischen San Marco praktiziert wurde. Die Musik mäandert durch alle möglichen harmonischen Gefilde, kann sich aber zu keinem Moment vom spätromantischen Grundton befreien. Das mag man konventionell oder gar brav nennen, doch es ist eine ausnehmend schöne Musik, präsentiert von einem exzellent besetzten Streichorchester, aus dem zusätzlich zu der Sologruppe noch zwei Konzertmeisterinnen hervortreten durften.

Für die Interpretation der Sea Symphonie kam zusätzlich eine kapitale Bläserbesetzung auf die Bühne, die in den hinteren Reihen bereits zuvor vom groß dimensionierten Universitätschor ausgefüllt wurde. Das viersätzige Werk für Sopran- und Baritonsolo, gemischten Chor, Orgel und Orchester sucht trotz seiner aquatischen Titel nicht krampfhaft nach feuchter Tonmalerei, sondern versteht sich als ein weltumarmendes, bis ins Kosmische reichendes Tongemälde mit transzendentalem Anspruch. Man könnte auch sagen: es reicht von der Gaia und dem Poseidon bis zum Uranos.

Die Vollendung der imperialistischen Aufteilung der Welt kann da kaum außen vor bleiben, schließlich sind wir am Beginn des 20. Jahrhunderts, und so lautet die Parole schon im ersten Teil unter der Überschrift „Ein Liede für alle Meere, alle Schiffe“: „Trage stolz zur Schau die Flaggen Deiner Nationen, o Meer!“. Nachdem das Baritonsolo und der Chor Wind und Wellen, Gischt und Schaumkronen heraufbeschworen haben, lässt der Solosopran die Flaggen hissen und der Chor die Tapferkeit aller Seeleute besingen.

Der Ausklang dieses ersten Abschnitts gehörte dem fein timbrierten Pianissimo der in allen Belangen überzeugenden Sopranistin Anna Nesyba. Angefangen hatte das Werk mit einer mächtigen Vorhangsmusik, doch bald fand es sich auch kontrapunktisch durchwebt, und man konnte die motivische Arbeit nachvollziehen. Die außergewöhnliche Qualität des Universitätschores, der eine vielfach durchbrochene Partie zu bewältigen hatte und darin mit vielen Piano-Einsätzen aufwarten musste, war schon zu diesem Zeitpunkt eine der Haupttugenden dieser Aufführung.

Teil zwei ist mit dem Titel „Nachts, allein am Strand“ ein Nocturne an der Küste, das die Einsamkeit des Menschen angesichts des nächtlichen Ozeans in dunkel-grüblerischer Stimmung atmosphärisch zu erkunden sucht und am Ende in einem wunderbaren Pianissimo erstirbt. Der Bariton Daniel Ochoa setzte hier ein gestalterisches Ausrufezeichen, das sich schon im Kopfteil angedeutet hatte und im weiteren Verlauf noch verdichten sollte. Eine beeindruckende Darbietung!

Der dritte Abschnitt mit dem Titel „Die Wellen“ ist nicht nur im habituellen symphonischen Ablauf ein Scherzo, er klingt auch so: erfrischend im Dreivierteltakt lässt man das Kielwasser hinter sich. Hier war der Chor, der diesen Teil allein mit dem Orchester bestreitet, in besonderer Weise gefordert. Der fabelhafte Chorsopran musste dann auch im Finalsatz, der den Forschern gewidmet ist („The Explorers“), schwierige Intervallsprünge meistern, bevor deutliche tonale Erweiterungen auftauchen; was sich ja wohl gehört, denn es geht ja wie gesagt ums Erforschen. Freilich sind es vor allem die Seele und transzendentale Dinge, also Existenzielles und letztlich Unsagbares, die hörbar gemacht werden sollen.

Das fordert zum Schluss auch die gewaltige Jann-Orgel der Konzerthalle auf den Plan, und auf der Grundlage ihrer tief gründenden 32'-Register wird's lebhafter. Das reich besetzte Schlagwerk hat fleißig zu tun bis zu einem letzten Klanghöhepunkt. Dann hebt die Schlusspartie mit einem so leise wie bedächtigen „O farther , farther, farther sail“ an, und das beeindruckende Werk erstirbt mit einem leisen, kaum noch hörbaren Raunen. Universitätsmusikdirektor Wilhelm Schmidts hat für diese verdienstvolle Großtat ein superbes Orchester auf die Bühne gestellt, das Ganze so souverän wie inspirierend geleitet und wie nebenbei eine Repertoire-Vakanz geschlossen, die auch dem informierten Publikum noch nicht so bewusst oder gar bekannt gewesen ist. Der Zuhörerschaft in der ausverkauften Halle blieb dafür nur eine denkbare Regung: enthusiastischer Jubel.

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