Mit Röntgenblick
Bildnisse von Michael Mathias Prechtl in der Kunstvilla Nürnberg
veröffentlicht am 24.04.2026 | Lesezeit: ca. 2 Min. | von Ludwig Märthesheimer
Michael Mathias Prechtl, Frau B., um 1967, Mischtechnik auf Karton, 85 x 108 cm, Sammlung Kunstvilla, Foto © Kunstvilla, Foto: Annette Kradisch
Zum 100. Geburtstag von Michael Mathias Prechtl widmet die Kunstvilla dem großen Zeichner und Chronisten eine konzentrierte Kabinettausstellung. Unter dem Titel „Mit Röntgenblick“ rückt sie jenes Werkzentrum in den Fokus, das Prechtls Rang bis heute begründet: seine Bildnisse.
Prechtl war kein Porträtist im gefälligen Sinn. Seine Figuren scheinen durchleuchtet, als hätte der Künstler Haut und Pose beiseitegeschoben, um Charakter, Widerspruch und Zeitgeist freizulegen. Die Ausstellung versammelt Arbeiten aus der eigenen Sammlung sowie ausgewählte Leihgaben der Grafischen Sammlung der Stadt Nürnberg und spannt einen Bogen über zwei Jahrzehnte seines Schaffens.
Im Zentrum steht die sogenannte „Denkmalerei“ – Porträts, die weniger repräsentieren als interpretieren. Ob der langjährige Direktor der Kunstsammlungen Wilhelm Schwemmer oder der Schriftsteller und Ehrenbürger Hermann Kesten: Prechtl erfasst Physiognomie als geistige Signatur. Zugleich wird seine künstlerische Herkunft sichtbar – die Auseinandersetzung mit Rembrandt ebenso wie seine literarischen Bildwelten, etwa in den Illustrationen zu Tolstois „Wieviel Erde braucht der Mensch?“.
Anlässlich des 30. Todestags von Hermann Kesten ergänzen Lesungen das Programm. Briefe zwischen Kesten und Prechtl eröffnen Einblicke in eine intellektuelle Wahlverwandtschaft, die weit über das Porträt hinausweist.
Parallel zeigt das Albrecht-Dürer-Haus unter dem Titel „Mit Dürer im Herzen“ Grafiken von Prechtls Niederlande-Reise. Zwei Ausstellungen, ein Künstler: Prechtl erscheint als genauer Beobachter historischer Tiefenschichten – mit einem Blick, der durch Oberflächen hindurchführt.
Die Ausstellung ist noch bis zum 28. Juni 2026 in der Kunstvilla im KunstKulturQuartier Nürnberg zu sehen. Weitere Informationen unter www.kunstvilla.org.