Ausstellungen

Karten, Körper, Codes

Drei künstlerische Positionen im Jahresprogramm 2026 des Neuen Museums Nürnberg

veröffentlicht am 20.05.2026 | Lesezeit: ca. 5 Min. | von Ludwig Märthesheimer

Mariana Castillo Deball, Coatlicue, 2010. Linoldruck auf Papier, Edition, 50x70 cm

Mariana Castillo Deball, Coatlicue, 2010. Linoldruck auf Papier, Edition, 50x70 cm, Foto © Studio Castillo Deball. Courtesy der Künstlerin

Das Jahresprogramm 2026 des Neuen Museums Nürnberg folgt einer klaren programmatischen Linie: Literatur, Buch und Wissensordnung erscheinen nicht nur als Thema, sondern als strukturelles Prinzip. In einer Stadt, die seit dem 16. Jahrhundert ein Zentrum europäischer Druckkultur war, wird das Verhältnis von Bild und Text neu befragt – historisch, politisch und medial. Mit Mariana Castillo Deball, Hans Ticha und David Hockney versammelt das Museum drei Positionen, die auf unterschiedliche Weise zeigen, wie Bilder Wissen erzeugen, speichern und transformieren.

Mariana Castillo Deball – „Ella es la luna and she lights the darkness“ (6.02. – 30.08.2026)

Den Auftakt bildet die Fassadenarbeit von Mariana Castillo Deball. Ausgangspunkt ist die sogenannte „Nuremberg Map of Tenochtitlan“ von 1524 – die erste in Europa gedruckte Darstellung der aztekischen Hauptstadt. Die in Nürnberg erschienene Karte ist selbst Produkt frühneuzeitlicher Druck- und Wissenszirkulation. Castillo Deball, die seit Jahren mit Archiven, ethnologischen Sammlungen und historischen Dokumenten arbeitet, versteht Karten nicht als neutrale Abbilder, sondern als Instrumente kultureller Zuschreibung. Ihre monumentale textile Installation überträgt die historische Vorlage in die Gegenwart und macht sichtbar, wie Weltordnungen visuell konstruiert werden. Die Fassade des Museums wird so zur Projektionsfläche einer kritischen Geschichtsbefragung. Dass ein Originaldruck parallel im Germanischen Nationalmuseum zu sehen ist, verstärkt den institutionellen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

TICHA – Retrospektive (27.03. – 14.06.2026)

Während Castillo Deball die frühe Druckkultur reflektiert, richtet die Retrospektive Hans Tichas den Blick auf Bildproduktion im 20. Jahrhundert.

Ticha, 1940 geboren und an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ausgebildet, entwickelte eine unverwechselbare, klar konturierte Bildsprache. Seine Figuren erinnern an die konstruktive Moderne und zugleich an die plakative Ästhetik politischer Grafik. In ironisch gebrochenen Szenen untersuchte er Gesten, Rituale und Machtinszenierungen der DDR. Anders als viele seiner Zeitgenossen verweigerte er sich heroischen Pathosformeln und setzte stattdessen auf distanzierte Zuspitzung. Auch nach 1989 blieb seine Malerei kritisch und eigenständig. Parallel dazu schuf Ticha ein umfangreiches Werk als Kinder- und Jugendbuchillustrator – ein Aspekt, der das Jahresmotto „Literatur und Buch“ unmittelbar berührt. Seine Illustrationen, die Generationen ostdeutscher Leserinnen und Leser begleiteten, verbinden grafische Klarheit mit subversivem Humor. Die erste umfassende Präsentation seines Werks in Westdeutschland markiert somit nicht nur eine kunsthistorische Neubewertung, sondern auch eine institutionelle Geste der Vermittlung.

„DAVID HOCKNEY goes digital“ (ab 06.03.2026)

Einen medientechnischen Kontrapunkt setzt David Hockney. Seit den 1980er Jahren experimentiert der britische Künstler mit neuen Technologien – von Polaroid-Collagen über Faxzeichnungen bis zu digitalen Tabletarbeiten. Die im Neuen Museum gezeigten Editionen, entstanden mit der App „Brushes“ und später auf dem iPad, dokumentieren eine konsequente Erweiterung malerischer Praxis. Serien wie My Window oder die Arbeiten aus A Bigger Book zeigen, dass digitale Werkzeuge für Hockney keine Abkehr von der Malerei bedeuten, sondern deren Fortsetzung mit anderen Mitteln. Auch hier geht es um das Verhältnis von Bildträger und Wahrnehmung: Das Tablet ersetzt die Leinwand, doch die Frage nach Perspektive, Licht und Raum bleibt zentral.

Gemeinsam markieren diese drei Positionen eine programmatische Bewegung des Hauses: von der gedruckten Karte über das illustrierte Buch bis zur digitalen Bildoberfläche. Das Neue Museum Nürnberg positioniert sich damit als Ort, an dem Mediengeschichte nicht chronologisch erzählt, sondern künstlerisch erfahrbar gemacht wird. Literatur erscheint nicht nur als Text, sondern als visuelles und materielles System. Karten, Illustrationen und digitale Displays werden zu Trägern von Weltbildern.

Im Kontext der Nürnberger Drucktradition erhält diese Setzung zusätzliche Schärfe. Die Stadt war im 16. Jahrhundert ein Knotenpunkt humanistischer Wissensproduktion; 2026 wird sie zum Schauplatz einer Reflexion über die Bedingungen dieses Wissens. Castillo Deball dekonstruiert koloniale Kartografie, Ticha untersucht politische Bildrhetorik, Hockney transformiert das klassische Bild in den digitalen Raum.

So entsteht ein institutionelles Narrativ, das Vergangenheit und Gegenwart, Buchseite und Bildschirm, Geschichte und Gegenbild miteinander verschränkt. Das Jahresprogramm 2026 liest sich als Plädoyer für die kritische Aufmerksamkeit gegenüber Bildern – als Erinnerung daran, dass jedes Bild, ob gedruckt oder digital, ein Ordnungsangebot ist.

Weitere Informationen zu den drei Ausstellungen sowie zum Jahresprogramm des Neuen Museum Nürnbergs findet man unter www.nmn.de.

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