Die Stufe als Denkfigur
Ein Kunstpreis, ein Jubiläum – und eine Ausstellung, die das Alltägliche zur gesellschaftlichen Frage erhebt
veröffentlicht am 16.05.2026 | Lesezeit: ca. 5 Min. | von
Eine Stufe ist ein unscheinbares Ding. Sie liegt im Weg, erwartet den nächsten Schritt, schweigt. Und doch steckt in ihr mehr als bloße Architektur: Sie gliedert Räume, markiert Grenzen, erzwingt Entscheidungen. Wer hinaufsteigt, bekennt sich. Wer zögert, verrät sich. Es ist dieser doppelte Boden des Alltäglichen, den die Kunsthalle Jesuitenkirche in Aschaffenburg zum Ausgangspunkt ihres zweiten Kunstpreises gemacht hat – und der dem diesjährigen Wettbewerb eine Tiefe verleiht, die über den üblichen Rahmen solcher Veranstaltungen hinausweist.
„STUFEN. ERKLIMMEN - WACHSEN“ lautet der programmatische Titel der Preisausstellung, die noch bis 12. Juli 2026 in der Kunsthalle Jesuitenkirche zu sehen ist. Dreizehn Finalist:innen haben sich aus einem bemerkenswert breiten Bewerber:innenfeld durchgesetzt: 138 Einreichungen lagen der unabhängigen Fachjury vor, ehe sie ihre Auswahl traf. Die gezeigten Arbeiten umfassen Skulptur, Fotografie, Installation, Performance und medienübergreifende Ansätze – ein Spektrum, das die Vieldeutigkeit des Motives spiegelt. Denn die Stufe, so die kuratorische Prämisse, ist keine Metapher unter vielen, sondern eine Denkfigur von gesellschaftlicher Sprengkraft: Sie steht für Aufstieg und Stillstand, für Hierarchien und Schwellen, für die Frage, wer welche Treppe überhaupt betreten darf.
Jubiläum im Zeichen des Aufstiegs
Dass der Kunstpreis der Stadt Aschaffenburg in diesem Jahr eine besondere Bedeutung erhält, liegt nicht allein am Thema. Die Kunsthalle Jesuitenkirche feiert 2026 ihr fünfzigjähriges Bestehen – seit 1976 ist sie ein zentraler Ort für moderne und zeitgenössische Kunst in der Stadt am Main. Ein halbes Jahrhundert lang hat sie in einem barocken Kirchenraum zeitgenössische Positionen präsentiert, Widerspruch ausgehalten und den Dialog zwischen historischer Architektur und lebendiger Gegenwartskunst produktiv gehalten. Das Jubiläum gibt dem Wettbewerb einen zusätzlichen Resonanzboden: Was bedeutet es, fünfzig Jahre lang Kunst in einem Raum zu zeigen, der selbst Geschichte ist? Die parallel laufende Plakatschau im Sonderkabinett der Kunsthalle, die eine Auswahl der eindrucksvollsten Ausstellungsplakate aus fünf Jahrzehnten versammelt und zur Hälfte der Laufzeit in das Schloss Johannisburg umzieht, gibt darauf eine visuell dichte Antwort.
Eine Jury von Rang
Den mit 5.000 Euro dotierten Kunstpreis der Stadt Aschaffenburg hat eine unabhängige Fachjury vergeben; die feierliche Verleihung fand zur Eröffnung in der Christuskirche statt – einem der bemerkenswertesten Kirchenräume der Region, der dem Anlass würdig war. Noch während der Ausstellungslaufzeit werden zusätzlich der Publikumspreis des Förderkreises der Kunsthalle Jesuitenkirche (2.000 Euro) sowie der Main-Echo-Leserpreis ermittelt – beide durch Abstimmung der Besuchenden, die so selbst zum Teil des Entscheidungsprozesses werden. Für die Qualität der Entscheidung bürgt eine Jury, die das Who's Who der deutschen Gegenwartskunst-Institutionen versammelt: Vertreten sind Kurator:innen der Staatsgalerie Stuttgart, der Schirn Kunsthalle Frankfurt, der Kunsthalle Mannheim, des Museums im Kulturspeicher Würzburg, des Instituts für Auslandsbeziehungen, des Museums Giersch der Goethe-Universität sowie des Museums Brandhorst. Den Vorsitz führt Johannes Honeck, Leiter der Kunsthalle Jesuitenkirche und des Christian Schad Museums, ohne Stimmrecht.
Ein Programm, das herausfordert
Was die Ausstellung von vielen vergleichbaren Formaten unterscheidet, ist die Ernsthaftigkeit, mit der das Rahmenprogramm das Motiv der Stufe in gesellschaftliche und existentielle Zusammenhänge weiterdenkt. Da ist der „Leichenschmaus“ am 6. Juni im Arkadenhof der Kunsthalle, bei dem Trauerbegleiterin Annkristin Eicke den Tod als letzten Übergang thematisiert – ein Format, das den Mut hat, die Metapher der Stufe bis an ihre äußerste Grenze zu führen. Da ist die Diskussionsrunde zum Motiv der Stufe in der Kunst am 16. Juni, geleitet von Hausherr Johannes Honeck. Da sind die „Open Office“-Nachmittage, an denen Besuchende in freiem Gespräch mit dem Kuratorenteam in Kontakt treten können. Und da ist, für die jüngste Besucherschaft, das WerkLabor zur Museumsnacht am 11. Juli, bei dem Stufen aus Legosteinen gebaut werden – ein spielerischer Einstieg in Fragen, die alles andere als spielerisch sind.
Schwelle und Versprechen
Die Stufe als Denkfigur entfaltet ihre Wirkung nicht im Triumphalen, sondern im Zögern. Sie markiert den Moment vor dem Schritt – jenen Augenblick, in dem noch alle Möglichkeiten offen sind und die Entscheidung noch nicht gefallen ist. Genau dort siedelt sich die Ausstellung an: nicht als Feier des Aufstiegs, sondern als Einladung zum Innehalten, zum Nachdenken darüber, welche Stufen wir erklimmen wollen und welche wir anderen überlassen. Ob die dreizehn künstlerischen Positionen dieses Versprechen einlösen, wird sich vom 25. März an in den Räumen der Jesuitenkirche erweisen. Der Ort jedenfalls könnte passender nicht sein: ein Sakralbau, der zur Kunsthalle wurde, ein Übergang, der selbst Geschichte ist – und der nun, im Jahr seines fünfzigsten Jubiläums, erneut zur Frage auffordert, was es bedeutet, eine Schwelle zu überschreiten.
Die Ausstellung „STUFEN. ERKLIMMEN - WACHSEN“ ist noch bis zum 12. Juli 2026 in der Kunsthalle Jesuitenkirche in Aschaffenburg zu sehen. Weitere Informationen unter www.museen-aschaffenburg.de.