Die neue Dramaturgie des Essens
Porzellanikon Hohenberg an der Eger – Wenn Porzellan und Design die Zukunft des Essens neu denken
veröffentlicht am 03.05.2026 | Lesezeit: ca. 3 Min. | von Ludwig Märthesheimer
Radiant Serving – Hafer Pod, Inge Geschwind & Tim Niedergall, Porzellan, Foto © Hochschule Niederrhein, Jerôme Dutka
Was kommt nach dem Teller? Die Frage klingt absurd – und ist es vielleicht auch. Aber sie trifft den Kern einer Ausstellung, die das Porzellanikon in Hohenberg an der Eger ab dem 16. Mai 2026 zeigt und die mit einer erstaunlichen Konsequenz das vermeintlich Bekannte in Frage stellt. Denn Essen ist längst mehr als Nahrungsaufnahme: Es ist Inszenierung, Kommunikation, gesellschaftliches Statement. Patchwork-Familien, Singlehaushalte, veränderte Geschlechterrollen, klimatischer Wandel – all das verändert, wie und was wir essen, und damit auch, womit wir essen. Das Porzellan, das die Tafel trägt, ist längst kein neutraler Gegenstand mehr.
Die Ausstellung versammelt Projekte, die in Kooperation mit dem Fachbereich Design der Hochschule Niederrhein entstanden sind – und die das Thema Tischkultur mit einer Neugier befragen, die weit über handwerkliche Perfektion hinausgeht. Da ist etwa „Radiant Serving“, entstanden in Zusammenarbeit mit Gourmetkoch Christian Krüger (Faktorei21, Duisburg): Speisen, Gefäße und Umgebung wurden gemeinsam gedacht – Essen als multisensorisches Erlebnis, bei dem das Porzellan nicht Behälter, sondern Mitspieler ist. Oder „Faktorei21“, das der Frage nachgeht, wie das Teilen von Speisen im Restaurant das gemeinsame Essen verändert – bis hin zu einer eigens für das Menü komponierten musikalischen Umrahmung.
Andere Positionen blicken in eine Zukunft, die nicht nur verführerisch, sondern auch beunruhigend ist. „Future Brotzeit“ entwirft in spekulativem Design utopische wie dystopische Szenarien: Algen, Insekten, fermentierte Speisen – aber auch die bewusste Rückbesinnung auf die gemeinsam gedeckte Tafel als kulturellen Gegenentwurf. Und „BLIND SPOT“ zeigt, wie farbliche und haptische Akzente auf dem Porzellan sowie orientierungsgebende Nähte auf der Tischwäsche blinden und sehbehinderten Menschen das Essen erleichtern können. Jedes dieser Projekte versteht Gestaltung nicht als Dekor, sondern als Haltung – als Antwort auf reale gesellschaftliche Fragen.
Das Porzellanikon steht seit Jahren für die Verbindung von historischer Sammlungstiefe und Gegenwartsrelevanz – und für den Mut, mit führenden Designhochschulen in den produktiven Dialog zu treten. Zahlreiche Kooperationen mit der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle oder der Weißensee Kunsthochschule Berlin haben diese Tradition geprägt; nun setzt die Zusammenarbeit mit der Hochschule Niederrhein ein weiteres, überzeugendes Kapitel. Die Ausstellung läuft bis zum 10. Januar 2027.
Die Ausstellung „Die neue Dramaturgie des Essens – Gestaltung jenseits des Tellers“ ist vom 16. Mai 2026 bis 10. Januar 2027 im Porzellanikon Hohenberg an der Eger zu sehen. Weitere Informationen unter www.porzellanikon.org.