Das Prinzip Verwandlung
Museum Würth würdigt Gertrude Reum zum 100. Geburtstag
veröffentlicht am 19.04.2026 | Lesezeit: ca. 3 Min. | von Ludwig Märthesheimer
Gertrude Reum, Aufstieg, 1997 und Aufwärts, 1997, Chromnickelstahl, je 600 cm hoch, Sammlung Würth, Inv. 4702 und 4703, Foto © Peter Petter
Bis zu sechs Meter hoch ragen ihre Skulpturen in den Raum. Sie heißen „Aufstieg“ oder „Aufwärts“ – Titel, die Bewegung nicht nur benennen, sondern verkörpern. Zum 100. Geburtstag der 1926 in Saarbrücken geborenen und 2015 im Odenwald verstorbenen Künstlerin widmet das Museum Würth in Künzelsau Gertrude Reum eine umfassende Ausstellung. „Das Prinzip Verwandlung“ versammelt vom 27. April bis 8. November 2026 Werke aus allen Schaffensphasen – aus der Sammlung Würth sowie aus Leihgaben – und zeichnet die konsequente Entwicklung eines eigenständigen Œuvres nach.
Im Kontext der deutschen Nachkriegskunst nimmt Reum eine besondere Position ein. Ihr Werk kreist um Phänomene, die sich der unmittelbaren Festlegung entziehen: Licht, Zeit, Bewegung, Raum. Nach realistisch-gegenständlichen Anfängen in der Malerei wandte sie sich früh der plastischen Arbeit zu – und damit dem Material als eigentlichem Resonanzkörper künstlerischer Erfahrung.
Ein Schlüsselmedium wurde Zellstoff, ein industrielles Zwischenprodukt, das sie durch Reißen, Befeuchten, Trocknen und Fixieren in reliefartige Landschaften verwandelte. Aufwölbungen, Krater, Furchen und Risse entstehen – archaisch anmutende Oberflächen, die eruptiv wirken und zugleich einer strengen inneren Ordnung folgen. Naturkräfte scheinen hier gebändigt und kompositorisch gefasst.
Noch radikaler wird Reums Auseinandersetzung mit Licht in ihren Metallarbeiten. Chromnickelstahl, Aluminium und Messing bearbeitet sie in hauchdünnen Schliffen, die Lichtbahnen in die Oberfläche einschreiben. Je nach Standpunkt und Lichteinfall verändern sich die Erscheinungen. Linien bündeln sich, kreuzen sich, lösen sich auf – als wären sie sichtbare Spuren unsichtbarer Energien. Das Licht wird nicht dargestellt, sondern materialisiert.
Im Spätwerk steigert sich dieses Prinzip ins Monumentale. Mehrere Meter hohe, polierte Stahlrohre winden sich in den Raum, verästeln sich, steigen auf. Sie fangen das Licht ein, reflektieren es und setzen es in Bewegung. Die Betrachtenden werden Teil dieses Prozesses: Mit jedem Schritt verändern sich Spiegelung und Wahrnehmung. Licht wird zum zweiten Material, Raum zur Bühne permanenter Verwandlung.
Reums Werk zeigt, dass Skulptur mehr sein kann als Form im Raum. Sie ist ein Ereignis – ein Zusammenspiel von Material, Licht und Bewegung. Das Museum Würth macht dieses Prinzip in einer konzentrierten Retrospektive erfahrbar.
„Das Prinzip Verwandlung“ ist vom 27. April bis zum 8. November 2026 täglich von 11–18 Uhr bei freiem Eintritt im Museum Würth, Künzelsau, zu sehen. Weitere Informationen unter www.kunstkultur.wuerth.com.