Szene

Der Mann, der den Frühling spielt

Till Brönner über Heimat, Handwerk & die leisen Wahrheiten des Jazz

veröffentlicht am 31.03.2026 | Lesezeit: ca. 7 Min. | von Andreas Bär

Till Brönner geht auf ITALIA Tour

Till Brönner geht auf ITALIA Tour, Foto © Stef Zinsbacher, Joel Heyd

Till Brönner gilt weltweit als eines der größten deutschen Aushängeschilder im Jazz-Business. Der 54-jährige Trompeter und Sänger brilliert seit unzähligen Jahren mit grandiosen Arrangements und hat sich eine mehr als nur formidable Anhängerschaft erspielt. Weiterhin ist der gebürtige Rheinländer auf der Bühne ein echter Tausendsassa. Das wird er auch am 14. April 2026 in der Nürnberger Meistersingerhalle demonstrieren. Mit seinem neuen Album „Italia“ im Gepäck wird er die Vorfreude auf den nahenden Sommer intensivieren. Vor dem lauschigen Frühlingsabend stand Brönner Art. 5|III für ein Gespräch zur Verfügung.

Till, schön Sie zu hören! Wo treffen wir Sie denn gerade an?

In Potsdam, bei mir zu Hause.

Ich hatte jetzt vermutet, dass ich Sie im sonnigen Italien erwische.

Das wäre dramaturgisch schöner gewesen. Aber vor der Europatour steht noch eine Miles-Davis-Tribute-Tour in Japan an – also erst einmal Arbeit.

Lassen Sie uns über Italien reden. Vermissen Sie das Land?

Wir reden hier jedes Jahr nach Weihnachten vom Frühling – und dann kommt die eigentliche Kälte erst noch. Das gehört dazu. Ich empfinde das nicht als Katastrophe, sondern als wiederkehrendes Thema, mit dem man umgehen muss. Ich koche mehr, ziehe mich wärmer an. Es gibt nur falsche Kleidung. Natürlich fehlt uns hier oft das Licht – emotional wie körperlich. Aber das ist Teil unserer Realität.

Wie kam es eigentlich, dass Ihre Hommage an Bella Italia so spät erst kam? Sie sind ja dort aufgewachsen. Da liegt es ja nahe, das Erlebte in die musikalische Schiene zu trimmen.

Manche Dinge brauchen Zeit. Der richtige Moment beeinflusst das Ergebnis. Ich würde so ein Thema nie erzwingen. Es muss sich organisch ergeben, sonst fehlt die Tiefe. Für mich ist das biografisch und emotional besetzt – das verlangt Sorgfalt. Mit Nicola Conte Musik zu machen, die sich Klischees verweigert und stattdessen Substanz sucht, war dafür genau der richtige Rahmen. So ist das Album entstanden.

Es waren ja doch auch viele italienische Künstler, bekannter und unbekannterer Natur, mit im Boot.

Ja, und das war mir wichtig. Persönliche Verbindungen und künstlerische Qualität sollten zusammenkommen. Meine deutsch-italienische Biografie spiegelt sich darin wider. Wir erzählen eine gemeinsame Geschichte – von zwei Ländern mit großer musikalischer Tradition, mit Überschneidungen, Einflüssen und Eigenheiten. Italien war dabei oft erstaunlich wegweisend.

Was hört Till Brönner eigentlich privat?

In meiner Sendung bei Klassik Radio spiele ich zwei Stunden lang Musik, die ich selbst höre. Das Spektrum ist weit, aber es gibt einen roten Faden: Virtuosität, Geschmack, Understatement. Von zeitgenössischer Klassik über Filmmusik bis zu prägenden Klassikern. Entscheidend ist das Handwerk – diese Fähigkeit, Komplexes leicht klingen zu lassen. Dahinter stehen Disziplin und Hingabe. Das berührt mich.

Stimmt eigentlich die Geschichte, dass es den Trompeter Till Brönner um ein Haar gar nicht gegeben hätte?

Tatsächlich ja. Ich hatte mir eine fehlerhafte Ansatztechnik angewöhnt – das Mundstück saß minimal falsch. Ein Millimeter, der entscheidend war. Es fühlte sich richtig an, war aber technisch fatal. Jahrelang konnte niemand das Problem benennen, bis ich auf Malte Burba traf. Er hat es in wenigen Minuten erkannt und mir einen klaren Weg aufgezeigt. Ich bin ihn gegangen – und es hat funktioniert. Heute bin ich stabiler als je zuvor.

Läuft man in dem Fall nicht Gefahr, wieder in alte Muster zu verfallen?

Die Gefahr besteht immer. Es ist ein lebenslanger Prozess der Aufmerksamkeit. Vergleichbar mit jemandem, der dauerhaft achtsam bleiben muss. Ich selbst bin nie zurückgefallen, kenne aber Fälle, in denen das passiert ist. Wachsamkeit gehört dazu.

Wenn wir schon bei dem Thema sind. Sie sind passionierter Fotograf. Was ist für Sie schlimmer: Ein verschwommenes Foto oder ein falscher Ton auf der Bühne?

(lacht) Wenn der Fokus im Foto dort liegt, wo ich ihn haben wollte, ist eine leichte Unschärfe nebensächlich. Absolute Schärfe wird überschätzt. In der Musik kann man einen falschen Ton manchmal in einen richtigen verwandeln – durch Kontext und Haltung. Der Unterschied: In der Fotografie wähle ich das gelungene Bild aus. Auf der Bühne entsteht alles live. Deshalb versuche ich, im bestmöglichen Zustand aufzutreten – damit ich aus dem schöpfen kann, was da ist.

Gibt es bei Ihnen eigentlich noch Nervosität?

Sehr sogar. Sie kommt oft unangekündigt. Manchmal ist es die Tagesform, manchmal die Summe der Dinge. Entscheidend ist, das zu akzeptieren. Wenn ich 180 Prozent gebe und 120 ankommen, ist das immer noch mehr, als ich selbst wahrnehme. Ein Lehrer von mir sagte: „Schlecht spielen ist ein Menschenrecht.“ Das hat mir geholfen.

Lassen Sie uns über eines meiner Lieblingsthemen reden. Waren Sie nervös, als Ex-Präsident Barack Obama Sie einst ins Weiße Haus eingeladen hat und mit vielen anderen Jazzgranden zum Foto bat?

Nervös nicht, aber es war surreal. Neben Jazzgrößen und dem ersten afroamerikanischen Präsidenten im Weißen Haus zu stehen, lässt sich nicht planen. Dieses Foto ist eine Momentaufnahme einer Generation – und heute schon fast nostalgisch.

Gab es da einen, der Ihnen am meisten imponiert hat?

Beeindruckend war zu sehen, was dieser Moment für viele bedeutete – besonders für afroamerikanische Musiker, für die diese Anerkennung lange nicht selbstverständlich war. Das hatte Gewicht. Und dann die Begegnungen untereinander: Größen wie Herbie Hancock und Chick Corea im offenen Austausch. Das war echt, nicht inszeniert. Ein einmaliger Moment.

Gäbe es denn einen, mit dem Sie gerne mal etwas zusammen machen würden?

Sehr gern hätte ich intensiver mit Wayne Shorter gearbeitet. Leider ist das nicht mehr möglich. Was mich an ihm faszinierte, war nicht die Prominenz, sondern seine künstlerische Haltung – seine Komplexität, seine Freiheit. Er schuf Räume, in denen selbst große Musiker noch wachsen konnten. Das war außergewöhnlich. Diese Erfahrungen aus erster Hand weiterzugeben, ist mir heute an der Hochschule wichtig.

Ist diese Weiterkommunikation so wichtig in dem Segment? Sehen Sie da die Möglichkeit, regulierend einzugreifen?

Seit über zehn Jahren versuche ich, eine Institution mitzugestalten, die Jazz als Freiheit auf der Basis von Wissen versteht. Die deutsche Jazzgeschichte ist durch das Verbot in der NS-Zeit massiv unterbrochen worden. Dieses Kapitel wirkt nach. Daraus entsteht Verantwortung – historisch wie kulturell. Eine professionelle Plattform kann helfen, Austausch zu fördern und Bewusstsein zu schaffen.

Was haben die Leute in der Nürnberger Meistersingerhalle denn zu erwarten? Sind ihnen die kleinen Sachen wie ihre „Silent Night“-Tour oder die größeren eigentlich lieber?

Beides hat seinen Reiz. Ich komme aus dem Jazzclub – Nähe ist mir wichtig. In großen Hallen wird der dramaturgische Aspekt stärker. Manche Räume tragen einen, andere verlangen, dass man die Atmosphäre selbst mitbringt. Entscheidend ist, unabhängig vom Rahmen Intimität herzustellen. Das ist mein Anspruch.

Ein Kompliment muss ich noch loswerden. Es macht echt Spaß, mit Ihnen zu plaudern. Wir freuen uns auf Nürnberg!

Vielen Dank – das freut mich sehr. Bis bald in Nürnberg!

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