Mord für die Rückgewinnung der eigenen Kunst
Das Staatstheater Meiningen wagt sich an die Erstaufführung der Originalfassung von Paul Hindemiths Oper „Cardillac“
veröffentlicht am 19.02.2026 | Lesezeit: ca. 4 Min. | von Martin Köhl
Seit Jahren schon macht das Staatstheater Meiningen hellhörig durch die Aufführung von Werken, die nicht gerade zu den Rennern des Repertoires gehören oder sogar als Wieder- bzw. Neuentdeckungen gelten können. Dass jetzt Paul Hindemiths recht kompakte Oper „Cardillac“ in ihrer Urform nach Meiningen kam, genau 100 Jahre nach ihrer Entstehung, ist einmal mehr eine jener kapitalen Erstaufführungen, wie sie die Meininger in letzter Zeit schon des Öfteren realisiert haben.
Wenn sich die Szenerie öffnet, stehen Passanten auf der Straße herum und schauen erstaunt oder sogar erschrocken nach oben, denn von dort regnet es Scherben herunter. Lautes Geschrei, es muss also wieder mal etwas passiert sein in den Straßen von Paris. Dort spielt ja auch die Vorlage zur Oper, ETA Hoffmanns „Fräulein von Scuderi“, die von der Unfähigkeit eines genialen und daher allseits geachteten Künstlers handelt, sich von seinen Artefakten zu trennen. Seine Lösung: Mord am Käufer zur Rückgewinnung seiner Kunst.
Für diese Kriminalgeschichte müssen natürlich Tatorte her, und die erscheinen alsbald in Form eines geschickten Arrangements von gläsernen Vitrinen (Bühne und Kostüme: Susanne Maier-Staufen). Hier ist fast alles transparent, u. a. auch hinter einem Gaze-Vorhang, was die Zuschauer allwissend macht.
Das erste Opfer ist ein Kavalier, der seiner Angebeteten trotz Bedenken den kostbarsten Schatz aus der Werkstatt des Goldschmieds Cardillac besorgen will. Kaum erscheint er bei ihr zur Liebesnacht und überreicht den wertvollen Schmuck, wird er auch schon von dem bislang geheimnisvollen Mörder umgebracht. Dass man in Meiningen auf die neuerdings ubiquitären Pistolen als Mordwerkzeuge verzichtet und wie früher auf einen veritablen Dolch zurückgreift, registriert man erfreut.
Der nächste Mordversuch hängt mit Cardillacs eigener Tochter zusammen, um die ein Offizier wirbt. Die überlässt ihm der Goldschmied gerne, aber das Ansinnen, ihm das schönste je von ihm geschaffene Geschmeide abzukaufen, versetzt ihn in Panik. Nach einer Verwechslungsgeschichte mit einem Goldhändler, Lynchgelüsten des feiernden Volkes und der Drohung, alle Kunstwerke in Cardillacs Werkstatt zu zerstören, entlarvt sich dieser reuelos als Mörder, um seine Kunstwerke zu retten, wird aber umgebracht.
Giulia Giammona (Regie) hat eine sehr gradlinige, schnörkellose Inszenierung auf die Beine gestellt, in der es keine unnötigen Verrätselungen gibt (sieht man einmal von den Unheil andeutenden Rabenfiguren ab). Dafür sind eine durchdachte Dramaturgie, Personenführung und Choreographie (Matthias Heilmann und Alessandra Bareggi) konstitutiv.
Der von Roman David Rothenaicher einstudierte Chor bewältigte seine schwierige Partie mit minutiöser Präzision. Beeindruckend geriet der Ausklang: der Chor musste a capella und im Piano harmonisch anspruchsvolle Modulationen beherrschen. Die Meininger Hofkapelle unter GMD Killian Farrells Leitung hatte zuvor drei kurze Akte lang die expressionistische Klangwelt Paul Hindemiths plastisch zu charakterisieren vermocht.
Die ausgezeichnete Sängerbesetzung tat ein Übriges: Shin Taniguchi als Cardillac, Lena Kutzner als Tochter, Roman Payer als Offizier, Isaac Lee als Kavalier und Secuk Hakan Tirašoglu als Goldhändler erwiesen sich als stimmlich ideale und darstellerisch souveräne Mitwirkende an dieser sehenswerten Inszenierung. Die nächsten Aufführungen sind am 8. März und 17. April.