Die größere Hoffnung im Schatten der Geschichte
Das Staatstheater Nürnberg zeigt Ilse Aichingers Roman als eindringliche Traum- und Erinnerungslandschaft der Kriegszeit
veröffentlicht am 22.02.2026 | Lesezeit: ca. 3 Min. | von Elke Walter
Kein unbeschwerter Stoff, den die österreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger (1921 bis 2016) in ihrem Roman „Die größere Hoffnung“ thematisiert und damit 1948 die Nachkriegsliteratur bewegte. Zeitgeschichte aus dem Blickwinkel von Kindern zu erzählen, die nach Ansicht der Herrschenden die „falschen Großeltern“ hatten, wirft ein anderes Licht auf diese düstere Zeit. Diese Kinder leben mit dem unheilbringenden Stern auf der Brust, alleingelassen während des Zweiten Weltkrieges, mit der Angst vor Deportation und Todesdrohung.
Das Staatstheater Nürnberg bringt den Stoff als deutsche Erstaufführung unter der Regie von Salome Schneebeli auf die Bühne im Schauspielhaus. Auf historischen Zeitkolorit verzichtet die Regisseurin und Choreografin, verortet das Geschehen in einem abstrakten Raum (Bühne: Demian Wohler, Kostüme: Una Jankov und Annina Gull), zwischen flirrenden Traumsequenzen, bedrohlichen Realitätsandeutungen oder auch poetischer Zartheit. Den atmosphärischen Klangraum liefern die Kompositionen von Alexandra Holtsch. Zwei große Metallgerüste, mit orangem Stoff überzogen, stehen im blau gehaltenen Raum auf einer Drehbühne. Die Stoffbahnen sind abnehmbar, ermöglichen eine vielfache Nutzung, etwa als Bilder für Konsulat, Kirche, Zimmer, Keller oder der Illusion einer zerstörten Stadt. Die leuchtenden Farben, die sich nach und nach eintrüben, sowie die Bühnenkonzeption befremden zunächst, erweisen sich aber im Lauf des Abends als wohldurchdacht.
Ellen ist elf Jahre, ihre Mutter als Jüdin bereits nach Amerika ausgewandert. Sie musste bei ihrer Großmutter zurückbleiben, da ihr ein Visum verwehrt blieb. In fieberhaft wirkenden Fantasieträumen versuchen Ellen und die anderen Kinder, mit ihrer Realität klarzukommen, auf der Suche nach dem Frieden einen Rest Haltung im Spielen zu bewahren. Ellen gehört aber nie richtig zu den anderen, die „nicht nur zwei falsche Großeltern“ haben. Sie vermisst ihre Mutter, sucht nach dem Zuhause, das nur dort sein kann, wo auch ihre Mutter ist.
Schneebeli erzählt die Geschichte nicht einfach nach, sondern verwendet Originaltextstellen (Dramaturgie: Paul Berg) und bringt so Aichingers Sprachkraft mit zum Wirken. Abwechselnd spricht das eindrucksvoll aufspielende Ensemble, das sind Marie Dziomber als Ellen sowie Marion Bordat, Alban Mondschein, Amadeus Köhli und David Gaviria in wechselnden Rollen, die Textpassagen. Die Fünf stemmen die gesamte Inszenierung mit atemberaubender Wandlungsfähigkeit, berührender Präsenz sowie einer bestechenden Leichtigkeit.
Mehr Informationen zum Stück und weiteren Terminen unter www.staatstheater-nuernberg.de.