Vorhang auf!

Schlechte Aussichten für ein Happy End

Brigitte Fassbaender führt an der Staatsoper Nürnberg die Regie für die Inszenierung von Mozarts „La finta giardiniera“

veröffentlicht am 26.03.2026 | Lesezeit: ca. 6 Min. | von Martin Köhl

„La finta giardiniera“ am Staatstheater Nürnberg

„La finta giardiniera“ am Staatstheater Nürnberg, Foto © Staatstheater Nürnberg, Ludwig Olah

Nanu, ein „Dramma giocoso“ beginnt an der Nürnberger Staatsoper mit einer Begräbnisszene, wie sie trister nicht aussehen könnte. Wo soll das hinführen? Wolfgang Amadeus Mozarts „La Finta giardiniera“ (Die vorgebliche Gärtnerin) ist eine Oper, in der eine bunte Mischung von Erwartungen, Verwechslungen, Enttäuschungen und Überraschungen dafür garantiert, dass Verlässlichkeiten nicht mehr gelten.

Nach dem düsteren Grabesbild ist erst einmal eine Vorstellungsrunde fällig, und die beginnt ausgerechnet mit zwei Pechvögeln der Liebe, die hier eingangs heftig besungen wird. Frau singt ihren Schmerz heraus – insbesondere Sandrina, die Doppelgängerin der eigentlichen Protagonistin Violante – und gesellt sich dann zu einer Runde, die erst mal keine sein kann, weil Rampensingen angesagt ist.

Es wird der Tag des Amor begangen, und die Stuhlmöblierung in der Gärtnergesellschaft sorgt einstweilen nicht für Durchblick bezüglich des komplizierten Personaltableaus. Wer mit wem und warum, das bleibt offen, aber sicher ist, dass ein Mord am Anfang der Geschichte steht. Oder doch nicht? Als wahrscheinlich gilt, dass der Graf Belfiore seine Geliebte Violante, die als Gärtnerin auf dem Landgut des Bürgermeisters Podestà arbeitete, wegen Eifersucht umgebracht hat. Tja, Liebe gibt's halt nur im Doppelpack mit Eifersucht.

Das eröffnet Arminda, einer Edeldame aus Mailand, die Chance, sich den Grafen zu angeln, und das tut sie so nachdrücklich und selbstbewusst, dass einem das Libretto um die Ohren fliegt. Mozart muss sich gekringelt haben, wenn er las, die Herzen der Frauen seien „hart wie Eisen, weder Hammer, Meißel noch Liebe rühren die Herzen einer Frau“. Deshalb der ultimative Rat: „Wenn ihr eine seht, ergreift die Flucht!“ Die düsteren Exemplare unter ihnen „stören meine Empfindungen“, und sogar instrumentale Folgen hat deren Gehabe, denn die „Fagotte und Kontrabässe werfen mich zu Boden“.

Aber dann geht's erst richtig los mit der Klärung der Kräfteverhältnisse in diesem Plot, und die ist bei der Mailänder Edeldame Arminda in furiosen Händen. Die will sich nämlich den Grafen Belfiore angeln, weil immer noch die Annahme im Raum steht, seine Violante sei tot. Sie will klare Verhältnisse, und wenn es zu „Gewalt in der Ehe“ kommt, „fahre ich die Krallen aus“. Ein aktuelles, sehr zeitgemäßes Statement! Caroline Ottocan macht aus dieser langen Arie ein Meisterstück. Es ist eigentlich schon der vorweggenommene Höhepunkt des Abends.

Anschließend klagt Violante ihr Leid, und Belmonte wundert sich über ihre Gärtnerkleidung. Da stehen sie nun zu dritt auf der Bühne und kennen sich nicht mehr aus. Dramaturg Georg Holzer hat daraus eine sehr starke Szene mit burlesken Zügen gemacht, zumal in mimisch-gestischer Hinsicht.

Überhaupt, diese Bühne (Ausstattung: Dietrich von Grebmer)! Sie ist mit allerlei Gemüse garniert, und aus der gärtnerischen Unterwelt grüßt sogar ein Maulwurf, den die Soufflage in die Luft reckt. Wenn der Graf herein kommt, ist prompt eine Rachearie fällig, und man befürchtet schon, dass das gesamte Programm der barocken Operntradition mit seinen diversen Eifersuchts-, Wut- und Liebesarien abgespult wird. Nichts davon, denn Brigitte Fassbaender (Regie) hat ihre immense Bühnenerfahrung walten lassen und eine Strichfassung der „Finta“ realisiert, die Redundanzen vermeidet und trotz der Kürzung auf zweieinhalb Stunden – das Original würde ca. 4 Stunden dauern! – keine Wünsche bezüglich der Affektenvielfalt übrig lässt.

Nach der Pause beginnt ein Verwirrspiel, das mit allerlei Seilen mehr als nur andeutend begleitet wird. Man verheddert sich, ist komplett verwirrt und landet schlussendlich in einer Traumlandschaft, die durch allerlei Spargel phallisch angereichert ist und in der sogar eine Vulva als aufgeritzte Erdbeere nicht fehlen darf – sexueller Geschlechterproporz ist also garantiert. Pilze entfalten als „narrische Schwammerl“ ihre halluzinogenen Wirkungen so nachhaltig, dass man sich alsbald auf dem Olymp wähnt. Violante mimt vernehmbar die "Königin der Nacht", und Don Giovanni schaut mit der Arie „Reich mir die Hand, mein Leben“ herein.

Kann es nach so vielen Missverständnissen und Wutausbrüchen noch zu einem lieto fine kommen? Brigitte Fassbaender hat bezüglich eines Happy Ends ihre Zweifel, und Georg Holzer verweist auf die ähnlich schlechten Prognosen späterer Mozartpaare wie in „Cosi fan tutte“. Das spürt man bei dem quirligen Spiel der ausgezeichneten Besetzung, die bei der Nürnberger Staatsoper an diesem Abend im Vokalbereich aufgeboten wird, natürlich nicht.

Hans Kittelmann spielt den Podesta von Lagonero wie einen vielbeschäftigten Provinzbürgermeister, der den ganzen Betrieb mit dem Smartphone am Ohr managt, und Sergei Nikolaev gibt den mal besorgten, mal Frauen erobernden Graf Belfiore. Die Hosenrolle des Ramiro ist mit Corinna Scheuerle markant besetzt. Von der brillanten Caroline Ottocan war schon die Rede.

Bleibt die Namensgeberin der frühen Mozartoper, also die Gärtnerin alias Marchesa Violante Onesti. Chloë Morgan verlieh ihr zunächst einen Schuss Harmlosigkeit, doch als die Angelegenheit spannend wurde, spielte sie die Souveräne, die wie nebenbei auch mal die Arie der „Königin der Nacht“ trällern kann. Sehr nonchalant!

Dirigent Christopher Schumann gab der Musik mächtig Drive mit auf den Weg und hatte dafür ein sehr motiviertes und die Detailarbeit mögendes Orchester zur Verfügung. Ein Sonderlob dem Korrepetitor, der manche Mozartiana elegant einflocht. Die Nürnberger Staatsoper kann diese Inszenierung als großen Erfolg verbuchen, was sich auch am buhfreien und einhelligen Applaus zeigte. Man sollte sich weitere Regietaten dieses Teams wünschen.

Gespielt wird die Oper noch bis Mitte Mai. Mehr Informationen unter www.staatstheater-nuernberg.de.

Schlagworte:

Ähnliche Artikel: