Vorhang auf!

Wenn das Meer nach Würzburg kommt

Das Mainfranken Theater zeigt mit „Das Klima (no pressure)“ ein Theaterstück über Hoffnung, zerrissene Rollen und Klimakollaps

veröffentlicht am 10.04.2026 | Lesezeit: ca. 3 Min. | von Elke Walter

v. links/ vor dem Eisbär: Geronimo Hartwig, Laura Storz (als Kinder der Familie); auf dem Eisbär sitzend: Linda Rohrer, Toomas Täth (als Eltern der Familie)

v. links/ vor dem Eisbär: Geronimo Hartwig, Laura Storz (als Kinder der Familie); auf dem Eisbär sitzend: Linda Rohrer, Toomas Täth (als Eltern der Familie), Foto © Nik Schölzel

Juhu! Es geht an die See, Familienurlaub mit den beiden Kindern und Eisberg gucken. Aber warum gerade nach Würzburg? Norddeutschland ist längst abgesoffen, die Ostseeküste verläuft mittlerweile bei Würzburg, echtes Gartengrün ein Luxusobjekt. Autor Fayer Koch hat das Szenario für sein Stück „Das Klima (no pressure)“ im Rahmen seines Leonhard-Fink-Stipendiums am Mainfranken Theater Würzburg entworfen, inszeniert hat es Albrecht Schroeder. Es spielt in einer, nicht genau beschriebenen, näheren Zukunft.

Die Probebühne erwies sich als genau richtig für dieses Event-Setting. Nur ein Rahmen, auf dem in großen Lettern „Der letzte Eisberg“ (Licht Anna Vakhovska) steht, ist zu sehen. Dahinter ein dunkler Vorhang, der auf das zu Erwartende hoffen lässt, an der Seite eine lebensgroße Eisbären-Figur. Hinter dem Vorhang, der wie eine Verheißung mal ruhig, mal bewegt da hängt, ist das Meer. Ein Schiff wird erwartet, mit dem letzten Eisberg der Welt im Schlepptau. Noch scheint er groß zu sein.

Durch die unmittelbare Nähe zum Geschehen wird das Publikum schnell mit einbezogen. Verstärkt wird das auch, da das vierköpfige Ensemble, das waren bei der Uraufführung am 9. April 2026 Linda Rohrer, Laura Storz, Toomas Täth sowie Geronimo Harting, von der ersten Reihe aus agiert. Ihre Plätze dort dienten, neben der Spielfläche selbst, auch als angedeutete Garderobe (Bühne und Kostüme Laila Rosato) und Aktionsraum gleichermaßen.

Drei Personengruppen stehen bei dem Mega-Greenwashing-Event im Fokus. Die bereits genannte Familie, ein Aktivisten-Trio und zwei CEO-Vertreter, die per Rakete zum Event anreisen und über ihre jeweilige Hauptsponsoren-Rolle uneins sind. Das Aktivisten-Trio findet auch nicht zusammen, was sich daran zeigt, dass die drei nicht einmal ihre Protest-Wortbausteine in die richtige Reihenfolge zu bringen scheinen. Dem Klima und den Menschen steht der Schweiß auf der Stirn, der Eisberg schmilzt weiter. Es wird viel geredet und nicht wirklich gehandelt, Konzept des Spiels. Alles, was im Theater sonst aktiv gespielt oder Kulisse sein könnte, wird mit Worten beschrieben, mehr nicht.

In knackigen Textpassagen oder Sprechgesängen wird über alles geredet, doch in die Gänge kommt keiner der Protagonisten. Was hat das mit uns zu tun? Haben die Menschen längst resigniert? Kann der oder die Einzelne überhaupt etwas ausrichten? Nur die CEOs, die vielleicht noch etwas anstoßen könnten, kümmern sich nur um ihr Krisenbewältigungs-Image. Trotz der düsteren Situation schafft es die Inszenierung, auch witzige Momente einzubauen. Vieles grenzt an Galgenhumor. Großartig, wie das Ensemble fließend in die einzelnen Rollen schlüpft, etwa vom CEO-Vertreter zum streitenden Geschwisterpaar mutiert, um im nächsten Moment wieder als Aktivist präsent zu sein. Eine unheimliche Aura bekommt die Inszenierung auch durch die Klanggestaltung von Chris Schalko. Lösungsvorschläge gibt das Stück bewusst nicht, lässt zum Glück den erhobenen Zeigefinger stecken und so die Publikumsohren offen. Großer Applaus war dem Ensemble, dem Autor und der Regie sicher.

Informationen zum Stück unter www.mainfrankentheater.de.

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