„Freischütz“ ohne Schauerromantik und Waldtümelei
Die Nürnberger Staatsoper hat ihr Gemeinschaftsprojekt mit der Opéra national du Rhin (Straßburg) vollendet
veröffentlicht am 14.04.2026 | Lesezeit: ca. 4 Min. | von Martin Köhl
Eine Braut zu erschießen, ist keine gute Idee. Aber man kann sie sich ja auch „erschießen“, und genau um dieses Thema geht es in Carl Maria von Webers „Freischütz“, diesem Urmodell der deutschen romantischen Oper. Egal, um welche Variante es sich handelt, gute Kugeln können da hilfreich sein. Wer gerade aus einem Krieg nach Hause kommt, kennt sich im Waffenmetier gut aus, sei es mit Kugeln oder neuerdings mit Drohnen.
Nachkriegszeit ist ja immer, Vorkriegszeit übrigens auch. Und so lag es durchaus nahe für Sergio Morabito und Jossi Wieler, ihre 2019 für das Straßburger Opernhaus entworfene Inszenierung in diesem Sinne zu aktualisieren. Der Nürnberger Kooperationspartner, also die Staatsoper, profitierte insofern vom seinerzeitigen Missgeschick, das durch die Corona-Pandemie verursacht worden war. Aber halt mit mehrjähriger Verspätung.
Schon während der Ouvertüre, die komplett bei geschlossenem Vorhang absolviert wird (wo gibt es das heutzutage noch?), deuten die allmählich auftauchenden Schatten von Drohnen jenes Unheil an, das der Anfangskonstellation des Plots zugrunde liegt. Es geht nämlich nach dem Fehlschuss des Jägerburschen Max darum, dem Jungen eine zweite Chance zu verschaffen, will er doch seine Agathe erobern.
Nina von Mechow, in der Vergangenheit vor allem als Kostümbildnerin bekannt geworden, hat eine Bühne entworfen, die ebenso mit Leere wie mit Üppigkeit arbeitet. Letzteres naheliegenderweise in der Wolfsschlucht-Szene, die in figuralen Riesendimensionen herbeigezaubert wird, freilich ohne Assoziationen an deutsche Waldtümelei oder die Schauerromantik zuzulassen. Ob aber der Muttergeist bühnenhoch auftauchen musste? Na ja. Was das Textile betrifft: Vor zotteligen Waldwesen scheut von Mechow genauso wenig zurück wie vor züchtiger Koketterie in der Jungfernkranz-Szene. Ihre Arbeit ist aber in jedem Fall ein triftiger Grund, sich diese Inszenierung anzuschauen.
Andere sind es weniger. Da ist zunächst die aufgesetzte Idee, ausgerechnet die Waffentechnik in den Vordergrund zu rücken, und da beileibe nicht nur das Gießen von Freikugeln. Drohnen wirken wie eine bemühte Aktualisierung, mögen sie auch das Thema der Zielgenauigkeit fokussieren, das im „Freischütz“ genauso wichtig ist wie in Schillers „Wilhelm Tell“. Da ging es allerdings nur um eine Armbrust, während hier russisches Roulette gespielt wird. Ob sich Rheinmetall und Hensing darüber freuen? Die alchimistische Zaubertrank-Szene wirkt in diesem Kontext umso unpassender. Moderne Technik hat nichts mit Quacksalberei zu tun.
Da ist zum anderen die befremdliche Idee, die gesprochenen Texte, von Schauspielenden aufgenommen, aus dem Off einzuspielen, und das noch in einem extrem langsamen, geradezu mühseligen Tempo. Sinnstiftend ist dieser künstlich verlangsamte Redefluss kaum, dramaturgisch allerdings verheerend. Es wirkt lähmend, dabei zuzuschauen, wie sich die Zweierszenen in die Länge ziehen, am schlimmsten die Szene mit Agathe und Ännchen, die minutenlang aneinander herumnesteln müssen, um die Zeit zu überbrücken. Es ist eine sehr gewollt wirkende gestische Begleitung des Textes. Und das, nota bene, während die Musik schweigt.
Musikalisch ist von diesem Premierenabend einmal mehr nur das Beste zu berichten – wie in letzter Zeit so oft in Nürnberg. Roland Böer am Dirigentenpult macht mächtig auf Sturm und Drang, vergisst dabei aber nicht eine sehr genaue und mitatmende Leitung des vorzüglichen Opernchores. Die Frauenrollen sind mit Julia Grüter (Agathe) und Veronika Loy (Ännchen) sehr überzeugend besetzt, die Männerrollen mit den beiden Jägerburschen Kaspar (Stephan Schäfer) und Max (Tristan Blanchet) sogar vorzüglich. Den Vogel schießt allerdings Nicolai Karnolsky ab, der mit seiner profunden Stimme den finalen Auftritt des Eremiten zu einem besonderen Moment zu gestalten weiß. Trotz überwiegender Zustimmung blieben dem Regieteam am Premierenabend einige Äußerungen von Missfallen nicht erspart.
Mehr Informationen zum Stück und zu den weiteren Terminen gibt es unter www.staatstheater-nuernberg.de.