Vorhang auf!

Eine Frage der Erinnerung

Stas Zhyrkovs Inszenierung von „Nach dem Leben“ im Schauspielhaus Nürnberg sucht das Glück im Vergangenen

veröffentlicht am 21.04.2026 | Lesezeit: ca. 4 Min. | von Elke Walter

Staatstheater Nürnberg: „Nach dem Leben“

Staatstheater Nürnberg: „Nach dem Leben“, Foto © Konrad Fersterer

Der Tod ist eine ernste Sache, zugegeben, und die Publikums-Begrüßung „Sie sind alle schon gestorben“ zunächst befremdlich. Wo also befanden sich die Besucher:innen im Schauspielhaus gerade? In einem Vorraum zur Ewigkeit. „Nach dem Leben“, der Film des japanischen Filmemachers Hirokazu Kore-eda aus dem Jahr 1998, spürt diesem Szenario nach. Der ukrainische Regisseur Stas Zhyrkov inszenierte die Film-Adaption für das Staatstheater Nürnberg, nach der Bühnenfassung von Jack Thorne. Am Samstag war Premiere im Schauspielhaus.

Dann wurden einige mit Reihen- und Sitzplatznummer auf die Bühne, die mit drei Sitzreihen den Publikumsraum spiegelte (Bühne Jan Hendrik Neidert, Kostüme Lorena Diaz Stephens), gerufen: Die 91-jährige Beatrice Killick (Adeline Schebesch), lange graue Haare, tiefe Augenränder, die nicht loslassen kann, sich unentwegt um ihre zurückgebliebene Katze sorgt, die sehr jung verstorbene Jill Smith (Marie Dziomber) mit rosa Plüschdelfin im Arm, die direkt aus einem Disney-Rummelplatz gefallen zu sein schien, Hiro Mochizuki (Pius Maria Cüppers), ein stiller alter Mann im Trenchcoat, Graham Jenkins (Joshua Kliefert), der noch immer den Klang eines Glöckchens im Ohr hatte, sowie Obafemi Taylor (David Gaviria), der sich überaus aktiv jeglicher Entscheidung für eine Erinnerung verweigerte. Gelandet waren die fünf in einer Art Zwischenraum, nicht mehr im Leben und doch noch nicht in der Ewigkeit. Es ging nicht um Gut oder Böse, Himmel oder Hölle, sondern darum, von welchem Glücksgefühl sie in der Ewigkeit umfangen sein wollten.

Eine einzige Erinnerung nur durfte mitgenommen werden. Nicht so einfach, im eigenen Leben den einen glücklichen Moment herauszukristallisieren. Das mussten die Anwärter aber nicht alleine schaffen, ein Team von Erinnerungslotsen im grau-blauen Einheitsanzug (Alexander Darkow, Kinan Hmeidan, Claudia Gyasi Nimako, Kristina-Maria Peters, Luca Rosendahl) unterstützte sie dabei. Die drei Männer und zwei Frauen wussten, um was es ging, hatten sie selbst doch keine Erinnerung finden können und waren daher im Vorraum zur Ewigkeit hängengeblieben. Jetzt versuchten sie, anderen zu helfen, dienstbeflissen, umsorgend, hilflos oder sich der eigenen Sache noch gar nicht so sicher. Eine schwarzhumorige Schrägheit begleitete dieses Memory-Team, das aus den jeweiligen besonderen Momenten ein Erinnerungsvideo für die Ewigkeit anfertigen sollte.

Die Suche nach dem Glück im Vergangenen gestaltet sich schwierig. In Zweiergesprächen versuchen Lotsen und Verstorbene, den Erinnerungs-Schlüssel zum Tor der Ewigkeit zu finden. Intime, einfühlsame Momente entstanden dabei, manchmal sogar eine unerwartete Leichtigkeit. Die Beschäftigung mit dem Leben der Klient:innen hinterließ aber auch Spuren beim Team. Etwa bei dem, der feststellte, dass er dieselbe Frau geliebt hatte wie sein Klient. Hat vielleicht auch er jetzt seine bisher unentdeckte Erinnerung gefunden? Musik und Sound von Bohdan Lysenko schufen eine atmosphärisch emotionale Aura.

Das Ensemble spielte mit enormer Empathie für die jeweiligen Figuren und deren Befindlichkeiten. Großartiges Theater, nachdenklich, gleichermaßen unterhaltsam und schräg. Stellt sich die Frage: Darf man so ein ernstes Thema, das meist im Schweigen aller Betroffenen untergeht, mit humoriger Leichtigkeit behandeln? Ja, darf man, zumal dann, wenn dies nicht in Banalität mündet. Humor als Impuls, sich dem Thema überhaupt zu nähern. Starke Bilder, die lange nachwirken werden.

Mehr Infos zum Stück und zu den einzelnen Terminen unter www.staatstheater-nuernberg.de.

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