Vorhang auf!

„Was wir hier erschaffen, muss Blockbuster-Qualität haben“

Interview mit Festspiel-Intendant Johannes Kaetzler

veröffentlicht am 15.05.2026 | Lesezeit: ca. 8 Min.

Johannes Kaetzler im Interview

Johannes Kaetzler im Interview, Foto © Andreas Kunkel

Seit fast 20 Jahren leitet Johannes Kaetzler die Feuchtwanger Kreuzgangspiele. Im Gespräch verrät er, was die rund 50.000 Besucher in der kommenden Saison erwartet.

Das Interview führte Andreas Kunkel.

Geht es nach den Vorverkaufszahlen, dann gehört die Saison 2026 zu den erfolgreichsten der Kreuzgang-Geschichte. Was bedeutet dieser frühe Erfolg?

Die Verkaufszahlen sind fantastisch. Sie geben uns enormen Rückenwind. Dazu kommen hervorragende Rahmenbedingungen hier in Feuchtwangen sowie ein Ensemble, von dem ich bei jedem einzelnen Mitglied zu 100 Prozent von seiner Schaffenskraft und seinem Enthusiasmus überzeugt bin. Trotzdem sind wir uns alle bewusst, dass eine Spielzeit mit über 180 Aufführungen auch eine Herausforderung ist. Aber sie gibt uns immer gleichzeitig Erlebnisreiches und Kräftigendes zurück.

Die Saison startet am 9. Mai. Was ist aktuell die größte Herausforderung bei den Proben?

Entscheidend ist, dass das Ensemble gut zusammenwächst und alle Vertrauen finden zueinander. Unsere Freilichtbühnen im Kreuzgang und im Nixel-Garten zwingen die Schauspielenden, sich sehr stark zu exponieren. Dazu gehört Mut, und dabei können wir uns gegenseitig alle unterstützen. Parallel dazu müssen wir aber auch darauf achten, dass sich niemand in den Vordergrund spielt. Wir sind ein Ensemble, wir sind ein Team. Als Team sind wir unschlagbar.

Gibt es ein Thema oder ein Motto, mit dem sich die Angebote der Kreuzgangspiele in dieser Saison überschreiben lassen?

Das Thema Wahrheit wird – wie in der vergangenen Spielzeit – auch in diesem Jahr eine wichtige Rolle spielen. Aber wir werden das Thema auch von einer neuen Seite beleuchten. In vielen unserer Stücke geht es um das Aufdecken von Unwahrheiten, das Entlarven von Lügen und Lebenslügen. In diese Vorgänge sind die großen Themen der Dramatik eingeschrieben: die Sehnsucht nach Wahrheit, Verwirklichung, Tiefe und – Liebe.

Sie bringen eine neue Fassung von „Der große Gatsby“ auf die Bühne. Was macht den Stoff heute so aktuell?

Der große Gatsby erzählt von dem geheimnisvollen Millionär Jay Gatsby, der in den 1920er-Jahren auf Long Island prunkvolle Feste veranstaltet, um seine verlorene Liebe zurückzugewinnen. Es ist eine Geschichte über Sehnsucht und Selbstentwurf – über einen Mann, der sich eine Biografie wie eine Bühne baut und glaubt, er könne damit Zeit und Verlust überlisten. Dieses Leuchten, das alle sehen sollen, ist zugleich Schutz und Falle: Je perfekter die Oberfläche wird, desto deutlicher wird die Leere dahinter.

Der Autor F. Scott Fitzgerald hatte eine hohe visionäre Begabung …

… und gleichzeitig war er ein zutiefst leidender Mensch. So liefert er uns einen großartigen Stoff, in dem verschiedene Bedeutungsebenen verpackt sind, ohne anstrengend zu werden für das Publikum. Der Roman ist ein Spiegel der politischen Wirklichkeit, wie wir sie derzeit erleben müssen. Das Regressive hat Hochkonjunktur – der Slogan, mit dem Donald Trump seine Wahl gewonnen hat, spricht in dieser Hinsicht Bände. F. Scott Fitzgerald ermöglicht uns einen Blick in die gesellschaftlichen Zerrissenheiten. Er will zeigen, dass wir nicht blind auf das Alte zurückgehen dürfen, sondern die Erfahrung des Erlebten nutzen müssen, um daraus Neues zu entwickeln. Das zu vermitteln ist unsere Aufgabe.

Aber das ist ein Ansatz, der das Risiko der Überfrachtung in sich trägt. Denn das Publikum freut sich auch auf einen unterhaltsamen Abend in einer lauen Sommernacht.

Hier kommt uns das Stück total entgegen. Ein Beispiel ist die merkwürdige Lebensfreude der Feste, die wir natürlich als Vergnügen inszenieren. Auf der anderen Seite stehen genau diese Feste auch für eine brüchige, vordergründige Lebendigkeit. Wie ist die Stimmung zwischen den Gästen, ist sie nicht merkwürdig schal? Diese Feste sind eine Plattform für das Dekorative und Willkürliche, gleichzeitig aber auch für die psychologische Bewegtheit der Figuren und für das politisch Fatale, über das wir erzählen wollen.

Das zweite große Stück der Saison ist Carlo Goldonis „Der Diener zweier Herren“.

Das Stück ist ein atemberaubendes Verwechslungsspiel: Der Diener Truffaldino versucht darin, gleichzeitig zwei Herren zu dienen, ohne dass sie voneinander wissen. Geleitet von Hunger und Überlebensinstinkt jongliert er Termine, Botschaften, Geld und Identitäten, immer kurz vor dem Auffliegen. Parallel dazu erleben die Zuschauer ein faszinierendes Liebes- und Intrigengeflecht: Verlobungen, heimliche Absichten und Eifersucht.

Was ist das Besondere an der Handschrift von Achim Conrad, der in diesem Jahr für die Inszenierung verantwortlich ist?

Neben seiner Regiearbeit werden die meisten Besucher und Besucherinnen der Kreuzgangspiele Achim Conrad vor allem als Schauspieler kennen. Im vergangenen Jahr etwa als Mr. Bennet in „Stolz und Vorurteil“ und als Sigismund von Ormstein in „Sherlock Holmes – ein Skandal“. Was seine Handschrift beim „Diener zweier Herren“ anbetrifft: Das Komödiantische dürfte zwar grundlegend sein, aber es ist nicht zwangsläufig das allein Entscheidende. Achim Conrad schafft es immer wieder, das herauszuarbeiten, was Menschen im Kern ausmacht. Das wird sehr berührend sein und komisch zugleich.

Zur 78. Saison der Kreuzgangspiele gehören noch vier weitere Inszenierungen: „Die kleine Hexe“ im Kreuzgang sowie „Die Prinzessin auf der Erbse“, eine moderne „Sandmann“-Adaption für Jugendliche und „1984“ für Erwachsene im Nixel-Garten. Wie stellen Sie sicher, dass diese Programme auch künstlerisch ebenso wahrgenommen werden wie die Hauptstücke?

Die Antwort ist recht einfach: Durch Qualität! Kinder merken sehr schnell, was gut ist und was nicht. Bei der „Sandmann“-Adaption haben wir den Anspruch, dem jungen Publikum Aufführungen anzubieten, die den Lebenswirklichkeiten von jungen Menschen entsprechen. „1984“ betrifft uns alle zutiefst – der Stoff wird von Jahr zu Jahr aktueller.

Was muss eine Saison im Kreuzgang leisten, damit sie Stammgäste begeistert und zugleich neue Besuchergruppen neugierig macht?

Eine Saison im Kreuzgang muss ästhetisch offen und zugleich emotional bewegend sein. Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass bekannte Stoffe allein schon tragen. Unsere Aufgabe ist es, Figuren und Situationen so lebendig zu machen, dass das Publikum in ihnen unsere Gegenwart erkennt. Dann entstehen Abende, die Stammgäste wiederkommen lassen und neue Besucher neugierig machen.

Die Kreuzgangspiele sind eng mit einer Freilichtbühne verbunden, die sich durch eine deutliche Breite und geringe Tiefe auszeichnet. Was kann Theater hier, was es anderswo nicht kann?

Nicht nur aufgrund der Bühnenbreite bedeutet die Kreuzgang-Bühne für mich stets großes Kino. Was wir hier erschaffen, muss Blockbuster- Qualität haben. Und das heißt, groß erzählte Geschichten zu unterstützen durch Feuer- und Soundeffekte und durch ein spektakuläres Lichtdesign. Diese Bühne gibt uns die Möglichkeit, existenzielle Konflikte, tiefe Leidenschaften, Sehnsüchte und Hoffnungen in besonderer Weise zu transportieren. Wer Theater macht, muss so etwas lieben.

Die Kreuzgangspiele gehören zu den bedeutendsten Freiluftspielen in Süddeutschland. Open Air bedeutet immer auch eine besondere Herausforderung – etwa was die Wetterverhältnisse anbetrifft.

Das Wetter lässt sich nicht planen, aber wir können uns vorbereiten. Wir werden dieses Jahr beispielsweise erstmals eine Vernebelungsanlage testen. Hoch über den Zuschauerreihen werden wir an den Traversen Wasserdüsen anbringen lassen, um im Bedarfsfall feinen Nebel erzeugen zu können. Dieser feine Wassernebel senkt sich sacht herab und verdampft, ohne dass die Zuschauer nass werden. Wir versprechen uns davon einen deutlichen Kühleffekt – insbesondere für die Nachmittagsvorstellungen. Und wir werden der Bühne in der Stadthalle Kasten als Ausweichspielort große Aufmerksamkeit widmen und die Vorstellungen dort so sorgfältig vorbereiten, dass wir bei schwerem Unwetter unserem Publikum eine sinnvolle Alternative zum Kreuzgang bieten können.

Welche drei Wünsche des Intendanten sollen in zehn Jahren in Erfüllung gegangen sein?

Ich wünsche mir, dass die Kreuzgangspiele erstens am Puls des Aktuellen bleiben, um positive Entwicklungen aufzunehmen und den Zeitgeist weiter kritisch zu begleiten. Zweitens würde ich mich freuen, wenn die Bedeutung der Kreuzgangspiele weiter steigt. Vor allem aber wünsche ich mir, dass Feuchtwangen ein Ort bleibt, an dem immer mehr Menschen kreativ und produktiv miteinander arbeiten können.

Die Kreuzgangspiele 2026 beginnen am 9. Mai und enden am 16. August 2026. Alle Stücke und Termine gibt es auf www.kreuzgangspiele.de.

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