Grachten, Tulpen, und…?

Ist Amsterdam (wirklich) eine museale Reise wert?

Grachten, Tulpen, und…?

 Eigentlich sollte dieser Artikel gar nicht erscheinen, weil im Voraus nicht geplant. Zu oft war man schon in den Niederlanden und natürlich auch in Amsterdam. Nun lag das letzte Mal aber schon einige Jahre zurück und war, zwecks entsprechender Freizeitaktivitäten, auch eher dem ländlichen Teil unseres Nachbarstaates gewidmet. Dieses Mal also deshalb das reine Amsterdam-Programm, galt es doch, die ein oder andere Wissenslücke, vor allem kultureller Art, zu schließen.

Wenn man sich im Vorfeld einen Überblick über das insbesondere museale Angebot verschafft, bleibt man eigentlich immer an den gleichen Namen hängen: Rijksmuseum, Stedelijk Museum, Van Gogh Museum, Moco Museum (Modern Contemporary Museum) und das Anne Frank Haus. Um es vorweg zu nehmen, das Moco (in dem eine Banksy Ausstellung lief) haben wir wegen der ­unsäglichen Menschenschlangen davor gar nicht erst besucht und auch das Anne Frank Haus blieb (aus persönlichen Gründen) außen vor. Trotzdem sollte ja mit den drei anderen musealen Schwergewichten noch genug „Futter“ übrigbleiben, um den kulturellen Hunger zu stillen. Die Betonung liegt hier auf „sollte“, weil wir aus den verschiedensten Gründen enttäuscht wurden. Doch der Reihe nach.

Das Rijksmuseum, Aushängeschild der niederländischen Hauptstadt, zeigt eine große Sammlung der Malerei aus dem Goldenen Zeitalter der Niederlande (Rembrandt, Vermeer, Van de Velde etc.) entspricht aber, trotz deutlich sichtbarer Anpassungsarbeiten, nicht dem Stand moderner Museumsarchitektur. Damit ist gar nicht so sehr die Präsentation der Kunstwerke gemeint als vielmehr die mehr oder weniger nicht vorhandene Orientierung für die Besucher. Vor der berühmten „Nachtwache“ Rembrandts „landet“ man automatisch, aber danach wird es schon kompliziert, insbesondere wenn man in den dritten Stock oder in die andere Hausseite gelangen will. Der Aufstieg über die „Treppe“ war ohne Hilfe vom Fachpersonal nicht zu finden – ein Unding. Dafür kann hier die offizielle App des Museums gelobt werden, die zum einen bei der Orientierung hilft und zum anderen sehr gut aufbereitete Informationen zu bestimmten Bildern bereithält. Das würde man sich öfters wünschen.

Als nächste Station stand das Stedelijk Museum auf dem Plan und vor allem wollten wir uns die Ausstellung „Stedelijk Base – Highlights in art and design from 1880 to now“ ansehen. Haben wir auch – oder auch nicht – so ganz sicher können wir uns da nicht sein. Die Art und Weise der Präsentation, die vom Museum selbst ja als „innovative Art eine Dauersammlung zu präsentieren“ bezeichnet wird, war für uns das Unübersichtlichste, was wir in den letzten Jahren gesehen haben. Scheinbar thematisch wahllos nebeneinander, ohne erkennbare chronologische Ordnung (auch wenn das Museum seine „Perimeter-Chronologie“ anpreist) – das ist einfach zu wenig für ein Museum dieses Ranges. Da hätten wir uns deutlich mehr erwartet.

Die Enttäuschung schlechthin aber war das Van Gogh Museum. Dass man Tickets nur online kaufen kann, erfährt man spätestens am örtlichen Ticketschalter, wenn einem das freundliche Personal ebendies erklärt. Betritt man dann das Museum innerhalb des vorgegebenen 30-minütigen Zeitfensters (bestimmt um die Zuschauerströme zu entzerren), steht man erst einmal vor endlosen Schlangen an den Garderoben. Also Jacke anlassen, Tasche mitnehmen, schließlich will man ja Kunst sehen und keine Zeit verplempern. Und „Kunst sehen“ ist nun schon der Kern des Problems. Da Van Gogh ja bekanntermaßen nicht gerade großformatig gemalt hat, kann man sich vielleicht ausrechnen, wie viele Menschen vor einem Bild stehen können, damit auch der letzte noch etwas sehen kann. In diesem Museum sieht man vor lauter Menschen die Bilder nicht und wenn doch einmal, bleibt einfach keine Zeit und keine Ruhe, um sich darauf einlassen zu können, drängen doch ständig neue Horden schaubegieriger Van-Gogh-Anhänger in die Räume. Spätestens an dieser Stelle merken wir, dass das mit dem „Zeitfenster und der Kontrolle der Besucherströme“ wohl doch nicht so funktioniert, wie sich die Verantwortlichen das vorgestellt haben. Hier hätte eine App, die den Besucher mit Hintergrundinformationen versorgt, eventuell hilfreich sein können, aber die sucht man im App-Store leider vergebens. Genauso wie beim Stedelijk Museum – das ist in der heutigen Zeit ein großes Manko beider Häuser. Da könnte man sich eine ordentliche Scheibe vom Rijksmuseum abschneiden, so viel ist sicher.

Unser Fazit: Amsterdam ist sicher eine Reise wert, wenn auch weniger wegen der Museen. Aber eine Grachtenfahrt mit dem Boot gleicht vieles aus.

 

Fotocredits:

Van Gogh Museum, Foto © 2mcon

Stedelijk Museum, Foto © 2mcon

Ludwig Märthesheimer
04.02.2019

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