Maß und Proportion

Architekturbücher aus dem Bestand des Germanischen Nationalmuseums

Maß und Proportion

 Architekturtraktate, Perspektiv- und Baulehren, Muster- und Säulenbücher: Der Bestand an Architekturbüchern in der Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums umfasst mehr als 1.000 Bände. Er gehört zu den bedeutendsten und umfangreichsten Sondersammlungen an Architekturbüchern in öffentlichem Besitz. Die Studioausstellung präsentiert noch bis Herbst 2019 eine kleine Auswahl von rund 30 Büchern und knapp 20 Einzelblättern, die einen Einblick in theoretische Schriften, praktische Anleitungen und großformatige Ansichtswerke zur Baukunst geben. Die Präsentation basiert auf dem umfangreichen, 2014 erschienenen Bestandskatalog von Eduard Isphording.

„Architekturbücher begeistern mich seit meiner Studentenzeit. Und die Auswahl in der Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums ist einzigartig, hier kann man große Entdeckungen machen“, schwärmt Generaldirektor und Bauforscher Prof. Dr. G. Ulrich Großmann. „Das Besondere ist, dass diese Werke noch keine Massenware waren und individuell gedruckt wurden. Jedes Exemplar eines Buches ist daher anders.“

Gegliedert ist die Ausstellung in drei Themenkomplexe. So steht das berühmte Traktat „De Architectura Libri Decem“ von Vitruv am Anfang der Studioausstellung und führt in den Themenkomplex „Die Theorie der Architektur“ ein. Denn die antike Architekturtheorie ist heute vor allem durch diese Quelle bekannt. In ihr formulierte Vitruv, dass menschliche Proportionen als Maß aller Baukunst dienen sollen. Besonders war, dass er seine Theorien auf Latein und nicht auf Griechisch verfasste und damit einer breiteren Leserschaft zugänglich machte. Das GNM zeigt Vitruvs Abhandlung in einer illustrierten Florentiner Ausgabe von 1522.

In der Renaissance erfuhren die Aufzeichnungen neue Beachtung und beeinflussten die zeitgenössische Architektur nachhaltig. Bücher italienischer Renaissance-Baumeister wie Alberti, Serlio und Palladio, deren Theorien auf Vitruv fußen, ergänzen die Sektion. Die erste Perspektivlehre in deutscher Sprache schrieb Albrecht Dürer. Seine „Underweysung der messung“ legte den Fokus auf die korrekte Darstellung und Berechnung der Perspektive – wie eine Erstausgabe von 1525 veranschaulicht.

In der Folgezeit stieg die Anzahl an Publikationen zu Spezialthemen an. Es erschienen Werke explizit zu Sakral-, Profan- oder auch Gartenbaukunst, wie Beispiele aus dem 16. bis 18. Jahrhundert belegen. Beachtenswert ist ein kleines Büchlein von Joseph Furttenbach d. J. von 1694, das sich mit den Folgen der Reformation für den Kirchenbau auseinandersetzt. Ein protestantischer Gottesdienst folgt anderen Regeln als ein katholischer. Dementsprechend unterscheiden sich auch die architektonischen Anforderungen. Auch Profanbauten hatten sich ihrer Funktion unterzuordnen, sie sollten wehrhaft oder repräsentativ, für militärische oder zivile Zwecke geeignet sein. Die Natur wurde ebenfalls architektonischen Vorstellungen unterworfen, wie Pläne geometrisch gestalteter Gärten und Parkanlagen verdeutlichen. Symmetrie und Achsialität waren die Maßgabe. Beispiele von Vredemann de Vries aus dem 17. Jahrhundert zeigen sein Bemühen, sogar die antike Säulenordnung auf den Gartenbau zu übertragen.

Des Weiteren beschäftigt sich die ­Ausstellung im zweiten Themenbereich mit der „Architektur als Bedeutungsträger“, denn um 1800 begann sich in Zentraleuropa die Einstellung zum Mittelalter zu wandeln. Das Interesse an Geschichte stieg, historische Ereignisse wurden mythisch aufgeladen, die Größe des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation heraufbeschworen – und historische Bauwerke wandelten sich zu nationalen Wahrzeichen, wurden zum Stolz der Bevölkerung.

Monumentale Ansichten, detailliert ausgearbeitete Aufrisse und romantische Blicke aus der Distanz erschienen und unterstützten die Vorstellung einer geschichtsträchtigen, bedeutungsschweren Architektur. Zwei Paradebeispiele sind in der Ausstellung exemplarisch zu sehen: die Marienburg (im heutigen Polen) und der Kölner Dom.

Das dritte Themengebiet begreift „Architektur als Aufgabe“. Mit der Überhöhung einzelner Bauwerke ging die Frage ihrer Erhaltung – im Falle des Kölner Doms sogar ihrer Vollendung – einher. Wie umgehen mit vor Jahrhunderten begonnenen und bis dato nicht fertiggestellten Kathedralen? Existierten Pläne, die bei einem Wiederaufbau helfen könnten? Erstmals stellten sich Architekten Fragen, die heute die Denkmalpflege beschäftigen. Der Erhalt und die Wiederherstellung wichtiger Kulturgüter wurde Thema. Erste Denkmal-Inventare entstanden. Mit dem frühesten von Ferdinand von Quast, dem ersten Denkmalpfleger Preußens, endet die Schau – und öffnet zugleich den Raum für Überlegungen, wie wir heute mit Kulturgut umgehen.

Zu sehen ist die Studioausstellung im Germanischen Nationalmuseum noch bis 8. September 2019. Der erschienene Katalog „Mit Richtscheit und Zirkel. Kommentiertes Bestandsverzeichnis der Architektur-traktate, Säulenbücher, Perspektiv- und Baulehren, Musterbücher und Ansichtenwerke bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts im Germanischen Nationalmuseum“ von Eduard Isphording (Nürnberg 2014) ist für die Dauer der Ausstellung zum reduzierten Preis (24,90 €) erhältlich.

 

Fotocredits:

Innenansicht der Nürnberger Frauenkirche, aus: Johann Andreas Graff: Urbis Noribergensis Insigniorum Templorum, erschienen 1694, Foto © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Treppenkonstruktion, aus: Johann II. Pfalzgraf bei Rhein: Eyn schön nützlich büchlein …, erschienen 1531, Foto © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg


04.02.2019

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