Musealität oder Praktikabilität?
In der Bayreuther Klaviermanufaktur Steingraeber wurde der Konzertflügel Richard Wagners wieder zu neuem Leben erweckt
veröffentlicht am 29.09.2026 | Lesezeit: ca. 5 Min. | von Martin Köhl
Richard Wagners Steinway-Konzertflügel nach Restaurierung zurück im Haus Wahnfried, Foto © Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, Bayreuth
Wenn es um die Pflege historisch wertvoller Musikinstrumente geht, stellt sich regelmäßig die Frage, ob deren rein musealer Charakter im Vordergrund steht oder ob es wünschenswert und erreichbar ist, die damit verbundenen Klangerlebnisse für die Nachwelt zu erhalten und erfahrbar zu machen – was letztlich eine Frage der Praktikabilität ist.
Die traditionsreiche Bayreuther Klaviermanufaktur Steingraeber ist ein idealer Ort für historisch getreue Restaurierungen, weil sie Erfahrungen mit den Konstruktionen aller bedeutenden Klaviermarken bis zurück ins frühe 19. Jahrhundert besitzt. Bei den Restaurierungen im Hause Steingraeber kann der museale Aspekt im Vordergrund stehen, aber gleichwohl die Spielbereitschaft mehr als nur ein willkommener Nebeneffekt sein. Entscheidendes Ziel ist jedoch stets der Erhalt historischer Identität.
Im Richard-Wagner-Museum „Haus Wahnfried“ steht nicht nur das erste Bühneninstrument des Bayreuther Festspielhauses, ein von Steingraeber restauriertes Tafelklavier aus dem eigenen Hause, sondern auch Richard Wagners Steinway-Konzertflügel aus dem Jahre 1876, dessen Spielwerk bei Steingraeber sorgfältig rehistoriert wurde, nachdem vorhergegangene Reparaturen mittels moderner Hämmer und anderer Maßnahmen den historischen Reiz des Klangs sehr beeinträchtigt hatten.
Dieses Instrument, ein Geschenk der Firma Steinway für Richard Wagner anlässlich der ersten Bayreuther Festspiele (1876), ist nun wieder spielbar und steht damit für besondere Konzertanlässe im Hause Wahnfried zur Verfügung. Dazu gehört auch ein Termin am 4. Oktober, wenn beim 2. Wahnfriedkonzert der Kulturfreunde Bayreuth Rafael Fingerlos (Bariton) und Sascha El Mouissi (Klavier) auftreten werden.
Art. 5|III stellte den Steingraeber-Fachleuten Fragen zur Restaurierung des Wagner-Flügels.
Ist der Anspruch, mit einer umfassenden Restaurierungsmaßnahme wieder zum originalen Klang eines Instruments zurückkehren zu können, eine Illusion oder ist er wirklich einlösbar?
Der Klang der damaligen Zeit kann wieder entstehen – dem Klang eines individuellen Instruments kann man sich aber nur nähern, wenn auch ziemlich weit: Denn der Konzertflügel hat sich mit seinen 150 Jahren verändert und bringt eine gewisse Reife mit, die er zu Wagners Zeiten noch nicht hatte. Diese Reife liegt im besonderen Maß in den Eigenschaften des Resonanzbodens. Holz wird mit zunehmenden Jahren steifer und härter, was einen positiven Einfluss auf die Klangentwicklung hat.
Technisch gesagt, reagiert der Resonanzboden schneller und kann somit mehr Obertöne wiedergeben, als ein vergleichbar neues Instrument es tut. Bei der Restaurierung wurde daher der größte Teil des historischen Resonanzbodens erhalten und nur schmale „Späne“ von neuem Resonanzbodenholz dort eingesetzt, wo das alte Holz im Laufe der Jahre gerissen war und der Boden an Spannung verloren hatte. Diese Spannung wurde im Rahmen der Resonanzbodenaufarbeitung wiederhergestellt.
Man kann also sagen: Wagners Klang ist wieder da … aber in einer gereiften Form.
Ein weiterer großer Faktor ist die Beschaffenheit der Hammerköpfe. Filz ist Verschleißmaterial und kann nach wenigen Jahren (längstens nach wenigen Jahrzehnten) nicht mehr die originale Klangfarbe und Dynamik erzeugen und wiedergeben. Aus diesem Grund wurde bereits früher ein komplett neuer Hammersatz eingesetzt, allerdings nach den Kriterien der 1970er Jahre. Die „Re-Historisierung“ bedeutet, dass die Balance zwischen Resonanzboden / Stegen / Besaitung und dem Klangerzeuger in die korrekte historische Balance gebracht wurde.
Bei historischen Saiteninstrumenten stellt sich die Frage, ob und wie die Ausrüstung mit Saiten traditioneller Herstellungsweisen und Materialeigenschaften sinnvoll und machbar ist. Wie wurde in dieser Hinsicht beim historischen Steinway-Flügel aus Wagners Besitz vorgegangen?
Die Besaitung des Instrumentes wurde nach den damaligen Materialeigenschaften ausgewählt und erneuert. Dies bedeutet, dass der Saitendraht wesentlich weicher ist als heute – das ergibt eine niedrigere Zugfestigkeit, die dem späten 19. Jahrhundert entspricht.
Moderne Hämmer beeinträchtigen den historischen Reiz des Instrumentenklangs. Inwiefern? Wie kann man das Ergebnis der vorgenommenen „Rehistorisierung“ charakterisieren?
Moderne Hämmer attackieren die Saiten deutlich stärker als historische – dieser Wandel ist dem immer größer gewordenen Wunsch nach immer lauteren Klavieren geschuldet. 1976 waren sowohl die Saiten als auch die Hämmer nach modernen Maßstäben eingesetzt worden. Das ergab zum einen ein Missverhältnis zum alt gebliebenen Resonanzboden, zum anderen verfremdeten diese Maßnahmen das originale Klangbild.
Es war also unumgänglich, neue Hammerköpfe nach alten „Rezepten“ und Maßen einzusetzen; diese neuen / „alten“ Hämmerchen wurden von Steinway/Renner nach Originalen von ca. 1885 gebaut, waren also schon „moderner“ als die von 1876. Deshalb habe ich sie genau nach den damaligen Maßen um 1876 von Hand nachgearbeitet („geschnitzt“). Im Vergleich zu heutigen sind die Hämmerchen jetzt nur noch halb so schwer und damit auch elastischer. Nicht nur ihre Klangerzeugung kommt jener von 1876 nun sehr nahe, sondern auch das Spielgefühl.