Ein Zwiegespräch mit Lucas Cranach d. Ä.
Hubert Sowa begegnet dem humanistischen Erbe Lucas Cranachs
veröffentlicht am 02.10.2026 | Lesezeit: ca. 2 Min. | von Ludwig Märthesheimer
Hubert Sowa, „Das Goldene Zeitalter“ - Zeichnung nach Lucas Cranach d.Ä., 1996, Feder auf Bütten, 15 x 21 cm, Foto © Hubert Sowa
Grausame Säge hier, paradiesischer Fluss dort: Wenn der Bamberger Künstler Hubert Sowa im Kronacher Kunstverein sein Projekt „Kronach Corpus“ zeigt, tritt er in einen Dialog mit einem Künstler, der vor mehr als 500 Jahren in Kronach geboren wurde. Lucas Cranach d. Ä. liefert mit dem Holzschnitt „Das Martyrium des Hl. Simon“ und dem Gemälde „Das Goldene Zeitalter“ die beiden Pole, zwischen denen Sowa seine Werkschau aufspannt: Zerstörung und Fülle, Krieg und Frieden.
Im ersten Teil versammelt Sowa Tausende Zeichnungen und Fotografien in enzyklopädischer Ordnung und schichtet sie zu einem kristallinen Turm. Gedanklicher Ausgangspunkt ist Pico della Mirandolas Schrift „De dignitate hominis“. Der Mensch, ohne festgelegte Gestalt geschaffen, besitzt demnach die Freiheit, sich selbst zu formen – zum Niederen ebenso wie zum Göttlichen. Sowa nimmt dieses humanistische Menschenbild beim Wort: Sein „Kronach Corpus“ zersägt Mensch und Welt gleichsam in ihre Einzelteile, nicht um sie zu zerstören, sondern um ihre Vielfalt sichtbar zu machen.
Der zweite Teil setzt dieser analytischen Zerlegung etwas entschieden Sinnlicheres entgegen. Neue Flussbilder zeigen den Paradiesfluss, der aus dem Schoß der Erde hervorströmt. Wasser erscheint als Ursprung des Lebens, als Element von Genuss und Gemeinschaft. „Es ist Zeit, sich von der Säge abzuwenden und den Fluss endlich wieder zu genießen“, formuliert Sowa selbst den Perspektivwechsel.
Der 1954 in Bamberg geborene Künstler bewegt sich zwischen Zeichnung, Malerei, Performance, Kunstphilosophie und Kunstvermittlung. In Kronach verbindet er diese Interessen mit Cranachs humanistischem Erbe – und macht daraus keine historische Rückschau, sondern eine Frage an die Gegenwart: Was bedeutet Humanismus heute?
„Kronach Corpus“ ist noch bis 15. Oktober 2026 im Kronacher Kunstverein zu sehen. Mehr Informationen unter www.kunstverein-kronach.de.