Wenn Farben den Himmel öffnen
Ursula Jüngst begegnet Tiepolo im Rhythmus von Farbe und Welt
veröffentlicht am 06.11.2026 | Lesezeit: ca. 2 Min. | von Ludwig Märthesheimer
Zwischen Ursula Jüngst und Giambattista Tiepolo liegen fast drei Jahrhunderte – und doch scheint ihre Kunst miteinander zu sprechen. Die Ausstellung „Die Rhythmen der Welt“ im Martin von Wagner Museum bringt rund 30 Gemälde der in Nürnberg und Barcelona tätigen Malerin in unmittelbare Nachbarschaft zu Tiepolos berühmtem Treppenhausfresko in der Würzburger Residenz. Nicht Nachahmung verbindet beide, sondern eine überraschende künstlerische Wahlverwandtschaft.
Schon als Kind war die aus Miltenberg stammende Jüngst von Tiepolos monumentalem Fresko beeindruckt. Zwischen 2024 und 2026 setzte sie sich bei mehreren Würzburg-Besuchen erneut und nun ganz bewusst dem Deckenbild aus. Daraus entstanden Arbeiten, die dessen Bildwelt nicht zitieren, sondern grundlegende Prinzipien aufgreifen: Weite, Bewegung und das Verhältnis des Einzelnen zu einem größeren Ganzen.
Jüngsts Malerei kennt keine Figuren im herkömmlichen Sinn. Eine längliche, leicht gebogene Pinselsetzung dient ihr als wiederkehrendes Modul. Aus zahllosen solcher Farbformen entstehen offene, geradezu atmende Kompositionen. Beim Arbeiten dreht sie die Leinwände immer wieder, Farbfäden laufen aus verschiedenen Richtungen über die Bildfläche. Oben und unten verlieren ihre Eindeutigkeit – ähnlich jenem Gefühl, das Jüngst vor Tiepolos Fresko beschreibt: als könne man in den Himmel wie in ein Meer eintauchen.
Doch hinter der leuchtenden Farbigkeit steht ein ernster Impuls. Jüngst versteht ihr Malen als Widerstand gegen Trauer, Schmerz und Dunkelheit angesichts der Krisen der Gegenwart. Sie sucht nach Hoffnung und „Durchlichtung trotz allem“. Helligkeit ist bei ihr keine Flucht vor der Wirklichkeit, sondern eine bewusste künstlerische Haltung.
„Ursula Jüngst | Tiepolo. Die Rhythmen der Welt“ ist vom 3. Oktober 2026 bis 31. Januar 2027 in der Kleinen Galerie des Martin von Wagner Museums in der Würzburger Residenz zu sehen. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen unter www.martinvonwagner-museum.com.