Szene

Jazzclub Bamberg

Mit Blues, Funk und musikalischen Entdeckungen durch den November

veröffentlicht am 30.10.2026 | Lesezeit: ca. 7 Min. | von Ludwig Märthesheimer

Boogiemen´s Friends feat. Albert Koch

Boogiemen´s Friends feat. Albert Koch, Foto © Jakob Paessler

Der November hat bekanntlich ein gewisses Talent, sich unbeliebt zu machen. Er löscht früh das Tageslicht, stellt die Bäume unbekleidet in den Regen und empfiehlt dem Menschen, sich mit seinen Gedanken zu beschäftigen. Man muss diesem Vorschlag nicht jeden Abend folgen. In der Oberen Sandstraße 18 lässt sich die Welt auch mit anderen Mitteln betrachten: mit einer kräftigen Portion Blues, einer Prise pianistischer Respektlosigkeit und jener Lust am Unvorhersehbaren, ohne die Jazz allenfalls eine hübsche Archivangelegenheit wäre. Der Jazzclub Bamberg bietet im November reichlich Gelegenheit, den Mantel abzugeben und den eigenen Horizont ein wenig auszulüften.

Zum Auftakt gehört die Bühne am 4. November der Jazzclub-Session. Bei freiem Eintritt erinnert sie daran, dass diese Musik vom Zusammentreffen lebt: vom Zuhören, Einsteigen, Weiterdenken. Das Programm eines Clubs besteht eben nicht allein aus den Namen auf seinen Plakaten. Es entsteht auch dort, wo Musiker miteinander ins Gespräch kommen und noch niemand genau weiß, welchen Verlauf der Abend nehmen wird.

Zwei Tage später darf der Widerstand gegen die jahreszeitliche Schwermut ausdrücklich körperlich werden. The Global Blues Resistance rückt am 6. November aus Nürnberg an und hat für diesen Zweck Gitarre, Orgel, Bass und Schlagzeug im Gepäck. Peter Pelzner, Julia „Jules“ Fischer, Ferdinand Roscher und Simon Froschauer bewegen sich zwischen Blues und Funk, zwischen eigenen Stücken und dem Repertoire von The Meters, Ray Charles oder Freddie King. Das ist ein musikalischer Stammbaum, an dessen Ästen sich trefflich rütteln lässt. Pelzners Gitarre und Fischers Leslie-Orgel haben dabei genügend Möglichkeiten, einander anzufeuern; gesungen wird von den beiden ebenfalls. Roscher und Froschauer sorgen für den rhythmischen Untergrund. Wer unter handgemachter Musik vor allem etwas Behäbiges versteht, dürfte hier seine Begriffe überprüfen müssen.

Am 13. November führt der Weg in offeneres Gelände. Das Joe Fonda New Origin Trio verbindet die Beweglichkeit freier Improvisation mit kompositorischer Gestaltung. Der amerikanische Kontrabassist Joe Fonda und sein Landsmann Harvey Sorgen am Schlagzeug treffen auf den französischen Klarinettisten Christophe Rocher. Dessen poetische, zugleich explosive Klangsprache verspricht einen reizvollen Gegenpart zu zwei Musikern, deren Erfahrung weit in die Geschichte des zeitgenössischen Jazz hineinreicht. Zu den künstlerischen Weggefährten Fondas und Sorgens zählen unter anderem Anthony Braxton, Wadada Leo Smith und Karl Berger. Solche Namen sind allerdings vor allem dann interessant, wenn aus der Vergangenheit eine hellwache Gegenwart entsteht. Genau darauf zielt dieses Trio: auf Musik, die ihre Form im Austausch gewinnt, Spannungen zulässt und Freiheit als gemeinsame Arbeit versteht. Freitag, der Dreizehnte, wäre damit für ein produktives Abenteuer reserviert.

Schon am folgenden Abend, dem 14. November, bekommt die klassische Ahnenreihe Besuch vom Luca Sestak Trio. Chopin darf funky werden, Bach sich im Jazzclub umsehen – beide dürften musikalisch einiges auszuhalten wissen. Sestak, der bereits als Elfjähriger mit Klaviervideos im Internet Aufmerksamkeit erregte, sucht auf seinem Album „Lighter Notes“ nach überraschenden Verbindungen zwischen Jazz, Klassik, Pop, Blues und Funk. Dabei beschränkt sich seine Neugier keineswegs auf die Tasten: Für eigene Kompositionen greift er gelegentlich auch zu Filz und Klebeband, um dem Instrument andere Klangfarben zu entlocken. Der Flügel wird zum Versuchsfeld, die Virtuosität zum Mittel einer spielfreudigen Grenzüberschreitung. Zwischen pianistischer Attacke und zurückgenommenen Passagen bleibt dabei Platz für Humor. Auch große Komponisten müssen schließlich nicht ständig mit ernster Miene empfangen werden.

Zur Monatsmitte öffnet der Club seine Bühne erneut: Am 18. November heißt es bei der Jazzclub Open Stage „Eintritt und Bühne frei“. Am 20. November folgt mit den Anonymen Impronikern eine Gastveranstaltung. Der November bewahrt sich also auch zwischen den Konzerten seine offenen Stellen.

Eine andere Art der musikalischen Verbindung erkundet YÆLLEE am 21. November. Im Mittelpunkt steht die armenische Sängerin Yelena Mashkaryan; um ihre Stimme entfaltet sich eine Musik, in der moderner Jazz, Neo-Soul und armenische Folklore zueinanderfinden. Die Songs beschäftigen sich mit Selbstbewusstsein und innerem Durcheinander, mit Liebe und Verletzlichkeit – mithin mit Dingen, die selten sauber nacheinander auftreten. Vielschichtige Arrangements und eingängige Melodien geben diesen Erfahrungen Raum, während folkloristische Einflüsse eigene Akzente setzen. Die Band erhielt 2024 den Sparda Jazz Award; ihr Debütalbum „Untold Stories“ brachte ihr zudem eine Nominierung für den Deutschen Jazzpreis 2026 ein. In Bamberg lässt sich nun hören, wie diese bislang „unerzählten Geschichten“ auf der Bühne Gestalt annehmen.

Dass musikalische Entdeckungen auch unmittelbar vor der eigenen Haustür beginnen, zeigt der 27. November. Gleich drei Bands der Städtischen Musikschule Bamberg kommen in den Club. Das Trio Traction Drive verbindet eigene Stücke mit Covers unter anderem von High Fade, Casiopea und John Mayer. The Grooveties steuern als Quintett Classic Rock, Blues und Soul bei, mit Gitarrenriffs, Gesang, Hammondorgel und Piano. JazzLab, die dienstälteste Band der Musikschule, spannt den Bogen von Swing und Modern Jazz bis zu Soul und harmonisch anspruchsvollen Popsongs. Die Ensembles bestehen aus aktuellen und ehemaligen Schülerinnen und Schülern; die Leitung liegt bei Rupert Aumüller und Norbert Schramm. Für fünf Euro Eintritt gibt es damit drei Perspektiven auf die erfreuliche Tatsache, dass musikalische Bildung irgendwann die Übungsräume verlässt und öffentlich zu grooven beginnt.

Den Schlusspunkt setzen am 28. November Boogiemen’s Friends feat. Albert Koch. Wobei „Punkt“ für einen Abend mit zwei Klavieren vermutlich das falsche Satzzeichen ist. Ulrich Zenkel und Marc Hupfer widmen sich dem Boogie-Woogie und Blues der 1930er-Jahre: Zenkel mit dem kraftvollen Spiel Albert Ammons’ im Ohr, Hupfer stärker vom Blues und von Vince Weber geprägt. Dazu kommen Deirdre Kelly am Gesang, der Bluesharper und Sänger Albert Koch sowie Matthias Hohmann am Schlagzeug. Mit Kelly finden auch Nummern des großen Blues- und Boogie-Sängers Big Joe Turner ins Programm. 176 Tasten stehen bereit – genug, um dem November zum Abschied noch einmal gründlich die Müdigkeit auszutreiben.

Wer zwischendurch den Blick von der Bühne löst, entdeckt, dass Musik in diesem Haus auch sichtbare Spuren hinterlässt. Die aktuelle Galerieausstellung zeigt Zeichnungen und Gemälde von Sabrina Catowiez, die sich seit vielen Jahren von den im Club auftretenden Musikern inspirieren lässt. Reduzierte Tuschearbeiten stehen neben ausgearbeiteten Acrylgemälden; zu sehen sind sie an den Konzertabenden bei freiem Eintritt. So setzt sich an den Wänden fort, was auf der Bühne beginnt. Draußen mag der November die Farben einziehen. Hier werden sie weiter gebraucht.

Alle genannten Veranstaltungen beginnen um 20 Uhr, Einlass ist jeweils eine Stunde vorher. Jazzclub Bamberg, Obere Sandstraße 18. Weitere Informationen: www.jcbamberg.de. Das Programm des Jazzclub Bamberg stellen wir wie immer hier zum Download bereit.

Passende Termine

Schlagworte:

Ähnliche Artikel: