Die Schule der Aufmerksamkeit
Jacques Lusseyrans „Conversation amoureuse“ liest die Liebe nicht als Gefühl, sondern als geistige Praxis der Wahrnehmung
veröffentlicht am 25.06.2026 | Lesezeit: ca. 2 Min. | von Ludwig Märthesheimer
Buchcover Jacques Lusseyran: Gespräch über die Liebe - Conversation amoureuse, Foto © Verlag Freies Geistesleben
Es gibt Bücher über die Liebe, die Geschichten erzählen, und es gibt Bücher, die das Denken über die Liebe selbst verändern wollen. Jacques Lusseyrans „Conversation amoureuse“ gehört entschieden zur zweiten Kategorie. Der Autor, dessen Lebensweg von Blindheit, Widerstandserfahrung und intensiver philosophischer Selbstbeobachtung geprägt war, schreibt keinen Roman im klassischen Sinn, sondern eine tastende, zugleich präzise Reflexion über das, was zwischen Menschen entsteht, wenn sie einander wirklich begegnen.
Lusseyran versteht „Gespräch“ nicht als Austausch von Meinungen, sondern als Raum erhöhter Aufmerksamkeit. Liebe erscheint in seinen Betrachtungen weniger als romantische Erregung, denn als Form geistiger Gegenwart: Wer liebt, sieht genauer, hört differenzierter, nimmt die Welt in ihren Schattierungen wahr. Diese Grundidee verleiht dem Buch seine eigentümliche Ruhe. Der Text drängt nicht, er argumentiert nicht laut, sondern entfaltet seine Wirkung in behutsam entwickelten Gedankengängen, die immer wieder autobiographische Erfahrung mit philosophischer Intuition verbinden.
Gerade darin liegt die Stärke dieser Neuerscheinung: In einer Zeit, in der Liebesdiskurse häufig zwischen Psychologisierung und Ratgeberton schwanken, erinnert Lusseyran an eine ältere, beinahe klassische Tradition der geistigen Selbstprüfung. Sein Schreiben fordert Geduld, belohnt sie jedoch mit einer selten gewordenen Klarheit. Conversation amoureuse ist kein Buch für schnelle Lektüren, sondern eines, das man Abschnitt für Abschnitt liest – und vielleicht mit einem veränderten Blick auf die Qualität eigener Begegnungen wieder schließt.
Original:
Jacques Lusseyran: Conversation amoureuse. De l’amour à l’Amour. Paris: Les Trois Arches, 1990. Neuauflage: Paris: Éditions Triades, 2006. ISBN 978-2-911453-85-7.
Deutsche Ausgabe:
Jacques Lusseyran: Bekenntnis einer Liebe. Conversation amoureuse. Aus dem Französischen von Renate Daric. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 1994 (zuletzt 2023). 22 Euro. ISBN 978-3-7725-1474-6.