Vorhang auf!

Tumult bei der Wahrheitsfindung

Das ETA-Hoffmann-Theater Bamberg reüssiert mit seiner Version von Kleists „Der zerbrochne Krug“

veröffentlicht am 30.06.2026 | Lesezeit: ca. 4 Min. | von Martin Köhl

Die Calderón-Spiele in Bamberg

Die Calderón-Spiele in Bamberg, Foto © Dominik Huß

Wenn Eric Wehlan zerlumpt und mit den abstrusesten Verrenkungen ins Theaterrund der Alten Hofhaltung hineinprescht, dann ahnt man sofort: Das wird jetzt eine heftige Darbietung. Das muss es auch werden, denn was der von Wehlan personifizierte Dorfrichter Adam dem Personal von Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ – und auch dem Publikum – zumutet, ist schon starker Tobak. Da er selber in jene Sache involviert ist, über die es prozessual zu verhandeln gilt, hat er großes Interesse daran, durch Ablenkungsmanöver und Sabotageakte Unruhe zu stiften.

Deshalb können in der Inszenierung von Jasper Brandis (Ausstattung: Anna Siegrot) gerne auch mal die Gerichtsakten durch die Luft fliegen und in einem Blätterregen niederprasseln. Erschwerend kommt für den Dorfrichter hinzu, dass er in der turbulenten Nacht, die dem Gerichtstermin vorausging, sich diverse Wunden zugezogen hat und überdies seine Perücke verloren hat. Und die ist nun einmal sehr wichtig für einen ordentlichen Prozessverlauf.

Als würde all dieses Malheur nicht reichen, kommt auch noch der Gerichtsrat Walter zum Inspiziensbesuch vorbei. Der macht zwar einen konvenablen Eindruck, muss aber bezüglich eines korrekten Procedere der Verhandlung das eine oder andere Admonitum anbringen. Stephan Ullrich oszilliert in dieser Rolle zwischen Ungeduld und freundlicher Nachsicht als typischer Vorgesetzter, der Ärger möglichst vermeiden will, aber zunehmend genervt wird durch die stockende Wahrheitsfindung. Und der, wenn Adam zunehmend spinnerter wird und sich in den Alkohol flüchtet, gerne das eine oder andere Gläschen mittrinkt.

Was war eigentlich passiert in dieser ereignisreichen Nacht, in der ein Krug zerbrach? Nun, der Krug ist nicht so bedeutungsvoll, obwohl eine gewisse Martha seinen Verlust schmerzensreich beschreibt. In das Zimmer von deren Tochter Eva war ein nächtlicher Besucher unter einem Vorwand eingedrungen. Dass es der Dorfrichter höchstselbst gewesen ist, enthüllt die peinliche Befragung erst gegen Ende.

Der Plot muss ja gefüllt werden, weshalb das Hin und Her in diesem „Prozess“ den wesentlichen Inhalt darstellt – zumal das Stück handlungsarm ist. Aber es ist reich an Situationskomik, die natürlich von einem so brillanten Schauspieler wie Eric Wehlan weidlich ausgekostet wird. Allein seine ständigen Einwürfe und gestisch-mimischen Kommentare lohnen den Besuch dieser Aufführung, denn es ist gar zu köstlich.

Dass diese Inszenierung beim Bamberger Calderón-Sommertheater am Ende noch einen ganz anderen Kulminationspunkt ansteuerte, lag an Laura Röseler, die den großen „Attest-Monolog“ der Eva in berührender Weise gestaltete. Selten hat man Fassungslosigkeit angesichts einer unvermeidlichen „Beichte“ so eindringlich dargestellt gesehen. Das weitere Personal – Marek Egert als Schreiber, Iris Hochberger als Marthe, Daniel Warland als Ruprecht und Nika Wanderer als Frau Brigitte – bestätigte die schauspielerische Qualität dieser Aufführung.

Die bewusst einfach gehaltene Ausstattung begünstigte die Konzentration auf das Schauspielerische: ein Podest mit einem eher lächerlichen Richterstuhl, ein paar umstürzende Archivregale – das genügte und lenkte kaum ab von dem quirligen Spiel, das im Halbrund der Alten Hofhaltung für schmunzelnde Zustimmung des Publikums sorgte. Weitere Termine für diesen Lustspiel-Klassiker bis 18. Juli.

Passende Termine

Schlagworte:

Ähnliche Artikel: