Tanz mit Gott
Peter Lund inszeniert Andrew Lloyd Webbers Musical „Jesus Christ Superstar“ für die Domstufen Festspiele
veröffentlicht am 09.08.2026 | Lesezeit: ca. 3 Min. | von Nele Wicher
Wer einmal in einer stillen Abendstunde auf den Stufen des Erfurter Doms saß, wird sie spüren, die fast feierliche Magie des Platzes. Raus aus der Hast des Alltags, hinein in die Stille, ins Wahrnehmen, Bleiben und Sein. Dem Satz nachspüren: „Die Liebe endet nimmermehr.“ Love. Vier Buchstaben in Holz, stehend auf den Domstufen. Sie empfangen die Besucherinnen und Besucher der diesjährigen Domstufen Festspiele. Sie stehen für die Botschaft, die Jesus verkündete.
So spektakulär wie die Rockoper beginnt – ein Krankenwagen mit Martinshorn und Blaulicht fährt über den Platz und wirft Jesus hinaus – so eindrucksvoll inszeniert Peter Lund die letzten Tage Jesu. Sieben überdimensionale Bilderrahmen auf den Domstufen symbolisieren den klassischen Kreuzweg. Domberg und Severi-Kirche werden so zur perfekten Bühne. Das Ensemble, mit Lukas Mayer in der Hauptrolle, Katja Bildt als Maria Magdalena und Til Ormeloh als Judas, spielt, singt und tanzt, als gäbe es nur ein Hier und Jetzt. Ein Hier und Jetzt, bei dem es um alles geht. Herausragend Lukas Mayer als Jesus. Charismatisch, glaubwürdig, virtuos. Nichts wirkt gestellt, nichts ist kitschig. Das ist auch der großartigen Bühnen- und Kostümgestaltung aus der Feder von Hank Irwin Kittel und Ulrike Reinhard zu verdanken. Es entsteht der Eindruck einer bis ins Detail durchdachten Gesamtästhetik. Kostüme, Bühnenbild und Lichtkonzept ergänzen sich nahtlos und verleihen der Rockoper eine unverwechselbare visuelle Handschrift. In Verbindung mit der kraftvollen musikalischen Umsetzung und einer differenzierten Klanggestaltung unter der musikalischen Leitung von Clemens Fieguth entwickelt die Aufführung eine hohe atmosphärische Dichte. Mit seiner Regie überführt Peter Lund den berühmten Klassiker souverän in die Gegenwart und verleiht ihm eine eindringliche gesellschaftliche Relevanz.
Am Ende von „Jesus Christ Superstar“ gibt es keine Auferstehung. Jesus ist ans Kreuz genagelt und Maria Magdalena zündet eine Kerze an. Schweigen. Ernüchterung. Trauer. Es ist der Schluss, den Webber und Rice vorgesehen haben.
Mit stehenden Ovationen feiert das Publikum die berührende Inszenierung, die herausragenden Darstellerinnen und Darsteller sowie all jene, die diesen Abend möglich gemacht haben. Zum Schluss bleiben die Bilder: das Kreuz im Abendlicht, die Kerze in Maria Magdalenas Hand und die Frage, was von einer Botschaft der Liebe in unserer Zeit geblieben ist. Demut und Dankbarkeit – Gott würde es gefallen.
Bis 30. August stehen insgesamt 21 Aufführungen auf dem Programm. Nahezu alle 44.000 Karten für die Open-Air-Aufführungen der Rockoper sind bereits verkauft. „Dieses Phänomen haben wir nach 32 Jahren Domstufen Festspiele zum ersten Mal“, sagte eine Sprecherin des Erfurter Theaters. Im September startet das Theater in die neue Spielzeit, unter anderem mit der Opernpremiere „Eugen Onegin“ von Peter Tschaikowsky, die am 10. Oktober auf dem Spielplan steht. Und nach den Domstufen Festspielen ist vor den Domstufen Festspielen: 2027 wird Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ auf den Erfurter Domstufen zu hören, zu sehen und zu erleben sein.