Große Gefühle und distanzierte Ironie
Die Opernhäuser der Region haben sich für den Spielzeitbeginn ambitionierte Ziele gesetzt
veröffentlicht am 24.08.2026 | Lesezeit: ca. 11 Min. | von Martin Köhl
Das Theater Altenburg Gera stürzt sich zu Saisonbeginn auf einen Blockbuster des Musiktheaters, nämlich Giuseppe Verdis „La Traviata“, in der Alfredo bekennt, er sei „bebend von jener ungekannten Liebe, die der Herzschlag des ganzen Universums ist“. Die Premieren finden am 11. Oktober in Altenburg und am 30. Oktober in Gera statt. Zuvor wird's allerdings noch populärer, denn das Musical „Cats“ von Andrew Lloyd Webber kommt in Gera bereits am 1. Oktober auf die Bühne. Altenburg muss sich noch gedulden bis zum April 2027. Zum Jahreswechsel gibt es die originelle „Lustige Oper“ Paul Hindemiths mit dem Titel „Neues vom Tage“ in Altenburg (17. Januar). Gera folgt am 5. März.
Das Stadttheater Amberg eröffnet seine Beiträge zur Sparte Musiktheater am 25. September mit einem Gastspiel der Harztheater gGmbH, welche „Il Barbiere di Siviglia“ auf die Bühne bringt. Das Landestheater Bayern ist am 29. Januar zu Gast und präsentiert den preisgekrönten Musical-Klassiker „Titanic“. „Die Dreigroschenoper“ wird am 25. Februar vom Theater Kempten aufgeführt. Prominent wird die Saison mit Giuseppe Verdis „La Traviata“ zu Ende gebracht, vom Theater Freiberg am 12. Mai.
Am Landestheater Coburg wird es in der kommenden Saison fünf Neuproduktionen geben, darunter mit Giuseppe Verdis „La Traviata“ (Premiere am 31.10.) eine besonders prominente und vielgespielte Oper. Das Musical „My Fair Lady“ wird ab dem 14. November wieder aufgenommen. Zur Saisoneröffnung gibt es eine Uraufführung mit dem Titel „Caligari“ zu erleben. Die weiteren Titel sind „Der Graf von Monte Christo“ (ab 6. Februar), „Beatrice di Tenda“ (ab 20. März) und „Der Vampyr“ (ab 8. Mai).
Beim Landestheater Eisenach geht es in der Musiktheatersparte erst im neuen Jahr los, aber dann so richtig: Vom Staatstheater Meiningen kommt mit Mozarts „Don Giovanni“, Eisenach-Premiere ist am Samstag, den 9. Januar, ein Juwel der Opernliteratur über einen unersättlichen Frauenhelden. Bei der zweiten Musiktheaterproduktion in der Spielzeit 2026/27 handelt es sich um die Meininger Erstaufführung der Oper „Castor et Pollux“ (Eisenach-Premiere am Samstag, den 13. März 2027), ein Meisterwerk der französischen Barockmusik – und zugleich ein Familienmythos über die Frage, ob Loyalität mehr wiegt als das Verlangen nach einer Frau. Das Bühnenbild zur Oper stammt von Star-Bildhauer Tony Cragg.
Das Theater Erfurt hat sich für die neue Spielzeit ein Motto erkoren, das bestens zu den Veränderungen passt, denen das Haus in der letzten Zeit ausgesetzt war: „Verwandlungen“. Das Musiktheater beginnt mit einem der großen Werke des Repertoires, mit „Eugen Onegin“ von Peter Tschaikowsky. Der Komponist hatte sich 1877 voller Empathie den Charakteren aus Alexander Puschkins stilprägendem Nationalepos zugewandt. Durch seine Musik wurde aus distanzierter Ironie der Vorlage die Unmittelbarkeit ganz großer Gefühle. Als Klassiker des Repertoires kommen die „Fledermaus“ und „Hänsel und Gretel“ im November und Dezember aufs Programm. Anfang April wartet mit „Tristan und Isolde“ noch eine üppige Wagner-Oper auf das Publikum. Für Neugierige empfiehlt sich die zweiaktige Oper „The Listeners“ von Missy Mazzoli, die ab dem 23. Januar präsentiert wird.
Das Stadttheater Fürth zeigt zum Saisonbeginn in Kooperation mit dem Musical Frühling Gmunden ein Schauspiel über Hoffnung in dunklen Zeiten mit der Musik von Bob Dylan: „Girl from the North Country“ (Premiere: 16. Oktober). Ebenfalls im Oktober auf dem Programm steht Georges Bizets Opéra-Comique „Carmen“. Gespielt wird in französischer Sprache mit deutschen Untertiteln. Premiere ist am 27. Oktober. Im neuen Jahr geht es dann mit Emmerich Kálmáns „Gräfin Mariza“ weiter (Premiere: 29. Januar).
Weitere Höhepunkte der Spielzeit sind Georg Friedrich Händels Zauberoper „Alcina“ Anfang Mai sowie die Uraufführung des Musicals „Tanzwut – Der Sommer der Freiheit 1945“ von Thomas Pigor und Thilo Wolf Ende Mai. Den Abschluss des Musiktheaterprogramms bildet im Juni Jean-Philippe Rameaus Oper „Castor et Pollux“, die in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln aufgeführt wird.
Von Sitten und Unsitten am Theater wird der Opernauftakt im Theater Hof handeln. Die neue Spielzeit wird allerdings zunächst durch ein Theaterfest in und um das Haus eröffnet. Einen ganzen Nachmittag lang kann man am 13. September hinter die Kulissen blicken, Kostproben aus den ersten Inszenierungen erleben sowie spannende Führungen machen dürfen. Das Musiktheater setzt ab 19. September mit Gaetano Donizettis „Le convenienze ed inconvenienze teatrali“ ein Ausrufezeichen. Die Hofer bieten diese Komische Oper unter dem Titel „Evviva Mamma!“ an und übersetzen den italienischen Titel mit „Sitten und Unsitten am Theater“.
Ab dem 19. Dezember wird es in Hof wieder eine „Lustige Witwe“ geben. Franz Lehárs wird in einer Neufassung von Thomas Enzinger und Jenny W. Gregor als „Revueoperette“ angeboten. Eine wahre Opernrarität wartet auf das Hofer Publikum ab dem 27. März. Dann wird die Oper „Two Remain“ von Jake Heggie als Europäische Erstaufführung präsentiert. Das Stück handelt von zwei Menschen, deren Stimmen beinahe aus der Geschichte verschwunden wären, und basiert auf den wahren Erlebnissen einer polnischen Schriftstellerin.
„The Addams Family“, ein Musical-Comedy von Andrew Lippa, wird ab dem 8. Mai auf dem Programm stehen. Da kann man nur sagen: Willkommen bei der wohl ungewöhnlichsten Familie der Musicalwelt! Schwarzer Humor, großes Herz, schaurige Eleganz und Familienscharmützel sind angesagt. Die Sparte Musiktheater bietet zum Saisonfinale mit Giacomo Puccinis „Manon Lescaut“ nochmals große Oper an. Benedikt Arnold inszeniert diese von Leidenschaft, Glanz und Untergang geprägte erste große Operntat Puccinis. Peter Kattermann kümmert sich um die opulente Musik.
Das Staatstheater Meiningen hat sich in den letzten Jahren einen exquisiten Namen gemacht auf dem Gebiet Neuentdeckungen. In diesem Stil scheint es auch weiterzugehen, wie der Blick ins neue Programm nahelegt. Ein zeitgenössisches Werk als Spielzeiteröffnung zu wählen, dazu gehört Mut. Meiningen macht das mit dem Faust-Stoff, allerdings nicht mit jener Version, die durch Goethe zum Mythos und zur Weltliteratur geworden ist. Vielmehr greift das Opernprojekt, mit dem die Meininger die Saison 2026/27 eröffnen werden, auf das Volksbuch über den historischen Faust zurück: Zur Eröffnung der Saison, am 18. September, wird Alfred Schnittkes „Historia von D. Johann Fausten“ gespielt.
Mit der Uraufführung des Musicals „Der Herzog & Ich“ (Premiere: 5. Dezember) stehen Georg II. selbst und vor allem seine dritte Frau, die Schauspielerin Ellen Franz, im Zentrum einer neuen und zeitgemäßen Auseinandersetzung. Mit Camille Saint-Saëns’ monumentaler Oper „Henry VIII.“ (Premiere: 26. Februar) gibt Starregisseur Andreas Kriegenburg sein Operndebüt in Meiningen. Erstmalig kommt es dann mit Händels „Flavio, Re de’ Longobardi“ zur Zusammenarbeit mit dem Bayreuth Baroque Festival. Premiere ist am 23. Oktober. Komplettiert wird der Spielplan mit der Meininger Erstaufführung von Mozarts „La clemenza di Tito“ im April. Und mit Verdis „Falstaff“ gibt GMD Killian Farrell seinen Abschied von Meiningen.
Das Staatstheater Nürnberg mag zu Saisonbeginn vom „Rausch“ geprägt sein (siehe Artikel in der Sparte Ballett und Tanztheater), doch im Oktober gibt es natürlich auch wieder pures Musiktheater. Nach der Wiederaufnahme von Verdis „La Traviata“ findet am 10. Oktober die Premiere von Richard Wagners „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ statt. Darin geht es auch um den Rausch, und das nicht zu gering, denn Tannhäuser kann sich nicht entscheiden zwischen dem ekstatischen Rausch der Sinne im Venusberg und der Teilhabe an der Gemeinschaft der Meistersinger.
Richard Wagner vermischt in seiner romantischen Oper antike Mythologie, Sängerkriegssage und Heiligenlegende, um von einem Menschen zu erzählen, der auf der Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft zwischen seinen Sehnsüchten aufgerieben wird. Der Komponist hat selbst immer wieder Hand an seinen „Tannhäuser“ gelegt und verschiedene Versionen erarbeitet. Am Staatstheater Nürnberg wird die Oper in der Wiener Fassung von 1875 gespielt. Die Inszenierung liegt in den Händen von Barbora Horáková Joly, die musikalische Leitung obliegt Roland Böer.
Mit „Cosa Nostra“ steht ab 28. November eine Oper von Anno Schreier mit höchst aktuellem Thema auf dem Programm. Sie erzählt von den Verhältnissen im Palermo der 70er und 80er Jahre, als Bandenkriege zwischen verschiedenen Mafia-Fraktionen die Stadt beherrschten. Nur die beiden tapferen Untersuchungsrichter Paolo Borsellino und Giovanni Falcone stellten sich der alltäglichen Gewalt entgegen – und bezahlten das mit ihrem Leben. Jens-Daniel Herzog inszeniert das packende Werk.
Das Staatstheater Regensburg wagt sich zur Saisoneröffnung an Karol Szymanowskis impressionistische Oper „Krol Roger“, die in den letzten Jahren an den Opernbühnen der Welt eine Renaissance erlebt hat. Es geht darin um einen dionysischen Kult, der den König Roger zur Entscheidung zwischen Staatsraison und Verführung zwingt. Die Inszenierung besorgt Sebastian Ritschel, GMD Stefan Veselka wird die musikalische Leitung übernehmen. Die nächsten Premieren sind „Der geheime Garten“, eine Familienoper von Jonathan Dove (ab 5. Dezember), das Musical „Next to Normal“ von Tom Kitt (ab 6. Februar), „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach (ab 10. April) und die zweiaktige Oper „Powder Her Face“ von Thomas Adès (ab 20. Juni).
„Odyssee“ lautet am Mainfranken Theater Würzburg das Stichwort für ein spartenübergreifendes Stadtraumprojekt, mit dem sich das Theater, die vertrauten Räume verlassend, durch die ganze Stadt wagt. Eine Vorlage mit einem solchen Titel kann sich natürlich nur auf Homer beziehen und dessen „Odyssee“. Schon die Namen der für dieses Projekt Verantwortlichen unterstreichen, dass es alle Sparten sind, die mitmachen, und das unter der Ägide des Intendanten Daniel Morgenroth. Premiere ist am 12. Juni.
Weniger spartenübergreifend, aber mit purem Musiktheater wird der Opernauftakt am 17. Oktober mit Giuseppe Verdis „Nabucco“ ausfallen. Für seine dritte Oper hatte Verdi einen Stoff aus dem Alten Testament ausgewählt: Der babylonische König Nabucco (biblisch: Nebukadnezar) hat das hebräische Volk besiegt und in seine Hauptstadt verschleppt. Seine jüngere Tochter Fenena, die den Hebräer Ismaele liebt, versucht, zwischen den beiden Völkern zu vermitteln, wodurch sich das junge Paar aber den Unmut beider Völker zuzieht.
Weitere Saisonprojekte sind die Operette in acht Bildern mit dem Titel „Der Orlow“ von Bruno Granichstaedten (ab 6. Dezember), Richard Wagners „Tannhäuser“ (ab 6. Februar) sowie die Uraufführung von „Mondrausch“, einem Stück von Justus Wilcken und Konstantin Dupelius, das sich als „Komische Oper mit offenem Ende“ versteht.