Klang einer neuen Heimat
Wie aus einem fränkischen Neubeginn ein Stück Musikgeschichte wurde
veröffentlicht am 28.09.2026 | Lesezeit: ca. 20 Min. | von
Man kann Bubenreuth auf einer Landkarte leicht übersehen. Die Gemeinde liegt nördlich von Erlangen, eingebettet in jene fränkische Landschaft, in der die Orte längst enger zusammengerückt sind als die Erinnerungen an ihre früheren Grenzen. Heute ist Bubenreuth vor allem Wohnort und Teil der Region Erlangen. Doch wer den Namen kennt, hört darin vielleicht noch einen anderen Klang: Geige, Gitarre, Bass. Über Jahrzehnte wurden hier Saiteninstrumente gebaut, die weit über Franken hinaus verkauft wurden. Einige gelangten in die Hände von Musikerinnen und Musikern, deren Namen um die Welt gingen.
Am berühmtesten ist der Höfner 500/1, jener geschwungene E-Bass, den Paul McCartney bei den Beatles spielte. Seine Form erinnert an ein Streichinstrument, sein Klang gehört zur elektrischen Musik, sein Bild zur Ikonografie der Popgeschichte. Dass ein solches Instrument aus einem kleinen Ort bei Erlangen kam, wirkt zunächst wie ein erstaunlicher Zufall. Tatsächlich erzählt der Bass ziemlich genau, was Bubenreuth besonders macht. Hier traf eine alte europäische Handwerkstradition auf die Nachkriegswirtschaft, auf neue Märkte und schließlich auf die globale Popkultur.
Die Geschichte beginnt allerdings nicht mit den Beatles und auch nicht in Bubenreuth, sondern in Schönbach im böhmischen Egerland, dem heutigen Luby in Tschechien. Dort hatte sich über Generationen ein bedeutendes Zentrum des Geigen- und Saiteninstrumentenbaus entwickelt. Als die deutschsprachige Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurde, verloren die Instrumentenbauer nicht nur ihre Häuser, sondern auch Werkstätten, Maschinen, Materiallager und gewachsene Geschäftsbeziehungen. Viele mussten ihren Beruf in einer völlig neuen Umgebung wieder aufnehmen. Ein Teil von ihnen kam nach Bubenreuth. Das kleine Dorf wurde dadurch innerhalb weniger Jahre grundlegend verändert. Die Neuankömmlinge sollten nicht lediglich untergebracht werden, sondern wieder arbeiten können. Häuser und Werkstätten entstanden, Unternehmen wurden gegründet, Lehrlinge ausgebildet. Aus einem Flüchtlingsproblem wurde ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Aufbauprojekt. Die Integration vollzog sich dabei nicht allein durch politische Entscheidungen, sondern auch im täglichen Leben der Werkstätten und Betriebe.
Aus Schönbach kam das Wissen, wie man Holz zum Klingen bringt. In Bubenreuth traf dieses Wissen auf eine wachsende Bundesrepublik und einen sich verändernden Musikmarkt. Neben Geigen, Bratschen und Celli wurden zunehmend Gitarren gefertigt, später elektrische Gitarren und Bässe. Firmen wie Höfner, Framus und Klira prägten den Ruf des Ortes. Die Instrumente gingen in Musikschulen und Wohnzimmer, in Vereine, Tanzsäle und Jazzclubs, auf deutsche Bühnen und in den internationalen Handel.
Bubenreuth wurde dadurch zu einem ungewöhnlichen Ort: zu einem Zentrum des Handwerks, das zugleich industrialisiert wurde, und zu einem Erinnerungsort für Menschen, die ihre erste Heimat verloren hatten. Die großen Fabriken sind inzwischen verschwunden oder haben ihre Produktion verlagert. Geblieben sind Instrumente, Werkzeuge, Fotografien, Firmengeschichten und die Erinnerung an eine Zeit, in der der Ortsname Bubenreuth auf Instrumenten in aller Welt stand.
Heute wird diese Geschichte neu erzählt. Der Kulturhof H7 existiert seit Mai 2025 und arbeitet seither bereits programmatisch als Ort für Kunst und Kultur. Neben der Bibliothek und einer Cafeteria gehört ein akustisch hochwertiger Veranstaltungssaal zum Haus. Im selben Gebäude entsteht derzeit das neue museum für Musik und Integration auf rund 400 Quadratmetern. Es verbindet die Geschichte des Instrumentenbaus mit den Themen Heimatvertriebene, Popkultur und Integration – und macht damit sichtbar, dass die Geschichte Bubenreuths weit über die Herstellung von Geigen und Gitarren hinausreicht. Die Eröffnung ist für den 12. November 2026 vorgesehen. Dann soll auch das Kulturhof-Projekt in seiner Gesamtheit fertiggestellt sein und mit mehreren tausend Quadratmetern Fläche einen neuen Schwerpunkt für Kunst und Kultur im Ort bilden. Bubenreuth verwirklicht damit ein Projekt, das beispielgebend für den ländlichen Raum sein kann: Kultur wird nicht nur bewahrt, sondern als lebendiger Teil des Gemeindelebens verstanden. Die aktuelle Kulturpflege resoniert die Geschichte von Heimat. Denn die Geschichte Bubenreuths handelt am Ende nicht nur davon, wo Instrumente gebaut wurden. Sie handelt davon, wie Menschen nach einem historischen Bruch eine neue Existenz aufbauen, wie aus handwerklichem Wissen wirtschaftliche Stärke entstehen kann – und wie eine verlorene Heimat in einem anderen Ort eine zweite Stimme findet.
Wo alles begann: Schönbach
Eine Geige beginnt nicht unbedingt in einer Werkstatt. Ihre Geschichte kann viele Jahre früher beginnen, im Wald, bei einer Fichte oder einem Ahornbaum. Das Holz muss geeignet sein, es muss trocknen und lagern, und irgendwann muss jemand erkennen, was aus diesem besonderen Stück Material werden kann. In Schönbach war dieses Wissen über Generationen gewachsen. Die Stadt im böhmischen Egerland war ein Zentrum des europäischen Saiteninstrumentenbaus. Dabei bestand das Gewerbe nicht nur aus einzelnen Meistern, die jedes Instrument von Anfang bis Ende selbst herstellten. Vielmehr gab es ein fein gegliedertes System von Werkstätten und Spezialisten. Einer fertigte Zargen, ein anderer Hälse, wieder jemand anderes übernahm das Biegen der Hölzer oder die Lackierung. Instrumente konnten auf diese Weise in größeren Stückzahlen gefertigt werden, ohne dass die handwerkliche Erfahrung bedeutungslos wurde.
Gerade diese Verbindung aus Spezialisierung und praktischem Wissen sollte später für Bubenreuth entscheidend werden. Denn der Instrumentenbau ließ sich zwar organisieren und teilweise standardisieren, aber nie vollständig von der Erfahrung des Einzelnen lösen. Holz verhält sich nicht wie ein genormtes Metallteil. Zwei Bretter derselben Holzart können unterschiedliche Eigenschaften besitzen. Wer eine Geige, eine Gitarre oder einen Bass baut, muss deshalb nicht nur Maße kennen, sondern Material beurteilen können. Dieses Wissen war 1945 plötzlich von einem politischen Einschnitt bedroht. Die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung der Tschechoslowakei zerstörte die gewachsene Wirtschaftsstruktur Schönbachs. Für die Instrumentenbauer bedeutete das den Verlust ihrer Werkstätten und ihrer Existenzgrundlage. Sie hatten ihren Beruf noch, aber der Ort, an dem dieser Beruf über Generationen funktioniert hatte, war ihnen genommen.
Ein Neubeginn mit Werkbank
Bubenreuth bot nach dem Krieg ungewöhnliche Voraussetzungen für einen Neuanfang. Die Gemeinde lag nahe Erlangen, war verkehrstechnisch gut erreichbar und verfügte über Flächen für eine neue Siedlung. Vor allem aber entstand die Idee, Wohnen und Arbeiten miteinander zu verbinden. Die Schönbacher sollten nicht in einer bloßen Übergangslösung untergebracht werden, sondern die Möglichkeit erhalten, ihre beruflichen Fähigkeiten wieder einzusetzen.
Das veränderte den Ort tiefgreifend. Innerhalb weniger Jahre wuchs Bubenreuth durch den Zuzug der Vertriebenen stark. Neue Häuser entstanden, Werkstätten wurden eingerichtet, Betriebe aufgebaut. Die Veränderung brachte Konflikte und Anpassungsprobleme mit sich, wie jede tiefgreifende Veränderung einer gewachsenen Gemeinde. Die Alteingesessenen mussten mit einer neuen sozialen und räumlichen Wirklichkeit umgehen; die Vertriebenen mussten in einer Umgebung Fuß fassen, die ihnen zunächst fremd war. Die gemeinsame Arbeit wurde dabei zu einem wichtigen Bindeglied. Wer einen Beruf ausüben konnte, war nicht mehr nur Empfänger von Hilfe. Er konnte Einkommen erzielen, Mitarbeitende beschäftigen, Lehrlinge ausbilden und wirtschaftliche Verantwortung übernehmen. Aus Geflüchteten und Vertriebenen wurden allmählich Kolleg:innen, Unternehmer:innen, Nachbar:innen und schließlich Bürger:innen des neuen Ortes. Das erklärt einen Teil des späteren Erfolgs. Bubenreuth übernahm die Schönbacher Tradition nicht einfach unverändert. Der Instrumentenbau musste sich an die wirtschaftlichen Bedingungen der Bundesrepublik anpassen und neue Märkte erschließen.
Die Geige bekommt Konkurrenz
Zunächst blieb der klassische Saiteninstrumentenbau ein wichtiger Bestandteil der Produktion. Geigen, Bratschen, Celli und Kontrabässe wurden für Musikschulen, Vereine, Orchester und private Musiker hergestellt. Doch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung veränderten sich auch die Bedürfnisse der Kunden. Immer mehr Familien konnten sich Instrumente leisten, Musikunterricht wurde verbreiteter, und die Gitarre gewann gegenüber dem traditionellen Streichinstrument eine neue gesellschaftliche Reichweite. Die Gitarre war vergleichsweise handlich und vielseitig. Sie konnte im Unterricht eingesetzt werden, im Wohnzimmer, im Verein oder auf einer Bühne. Mit der Ausbreitung von Tanzmusik, Jazz und später Beat und Rock entstanden zusätzliche Anforderungen. Die akustische Gitarre bekam einen Tonabnehmer, der Verstärker wurde Teil des Instrumentsystems, und aus dem vertrauten Holzkorpus wurde zunehmend auch ein Stück Bühnendesign.
Framus stand für diese Entwicklung. Fred Wilfer, selbst aus Schönbach stammend, baute in Franken ein Unternehmen auf, das zunächst an die traditionelle Fertigung anknüpfte und sich dann immer stärker elektrischen Instrumenten zuwandte. Jazzgitarren mit gewölbten Decken, halbakustische Modelle und elektrische Gitarren gehörten zum Programm. Damit war Bubenreuth nicht mehr nur ein Ort, an dem eine aus Böhmen überlieferte Handwerkstradition weitergeführt wurde. Die dort gefertigten Instrumente gehörten zu einer Musik, die sich gesellschaftlich gerade neu erfand. Musik verließ zunehmend die traditionellen Räume des Konzertsaals. Sie erklang in Tanzsälen, Jugendkellern, Rundfunkstudios und auf großen Bühnen. Das Instrument musste nun nicht nur gut klingen, sondern sich in einem neuen technischen und visuellen Umfeld behaupten. Die Pop- und Rockkultur schrieb mit ihnen ihre Geschichte.
Der Bass, der um die Welt ging
Höfner zeigt diese Entwicklung auf besonders anschauliche Weise. Die Firma blieb dem klassischen Instrumentenbau verbunden und produzierte gleichzeitig Gitarren und elektrische Bässe. Der Höfner 500/1, später als „Beatle-Bass“ bekannt, wurde durch Paul McCartney weltberühmt. Seine Violinenform stellte eine eigentümliche Verbindung zwischen europäischer Streichinstrumententradition und moderner Popmusik her.
Der Erfolg des Instruments war ein Glücksfall für die Marke und für den Ort, aber er erklärt nicht allein die Bedeutung Bubenreuths. Der Bass wurde berühmt, weil hinter ihm eine jahrzehntelange Entwicklung stand: das Wissen der Schönbacher Instrumentenbauer, der Wiederaufbau in Franken, die Fähigkeit zur Serienproduktion, die Anpassung an neue musikalische Anforderungen und schließlich ein internationaler Markt.
Vor allem aber darf der Blick auf den Weltstar nicht darüber hinwegtäuschen, für wen die Instrumente sonst gebaut wurden. Die meisten Bubenreuther Instrumente gelangten nicht auf eine Weltbühne. Sie lagen in Musikschulen und Wohnzimmern, wurden von Kindern und Jugendlichen gespielt, von Vereinsmusikschaffenden und Tanzkapellen, von Amateur- und Berufsmusikschaffenden. Manche wurden über Jahrzehnte genutzt und immer wieder repariert. Diese unspektakuläre Seite gehört zum Kern der Geschichte. Ein Instrumentenbauzentrum lebt nicht allein von seinen Spitzenprodukten. Es braucht einen breiten Markt. Bubenreuth produzierte deshalb für unterschiedliche Ansprüche und Preisklassen. Die Schülergeige hatte eine andere Aufgabe als ein hochwertiges Orchesterinstrument, und eine Einsteigergitarre musste anderen wirtschaftlichen Bedingungen genügen als ein aufwendig ausgestattetes Bühnenmodell.
Fabrik und Handwerk
Dass diese Vielfalt möglich war, verdankte Bubenreuth einer besonderen Verbindung von Handwerk und Serienproduktion. Arbeitsgänge wurden aufgeteilt, Bauteile vorbereitet und Instrumente in größeren Mengen hergestellt. Das erhöhte die Produktivität und machte unterschiedliche Preisstufen möglich. Gleichzeitig blieb die Herstellung auf Fachkräfte angewiesen. Holz ließ sich nicht vollständig normieren, und gerade bei der Endbearbeitung, der Einrichtung und der Qualitätskontrolle war Erfahrung entscheidend. Hinter den Markennamen standen deshalb zahlreiche Menschen, deren Namen in den Firmengeschichten kaum auftauchen. Sie sortierten Holz, bogen Zargen, formten Hälse, richteten Griffbretter ab, lackierten, montierten, prüften und reparierten. Auch in Verwaltung, Vertrieb und Ausbildung war eine große Zahl von Beschäftigten daran beteiligt, dass aus dem Dorf ein international ausgerichteter Produktionsstandort werden konnte.
Diese Arbeit war weniger romantisch, als es die Vorstellung vom Geigenbauer vermuten lässt. In den Werkstätten wurde wiederholt, was sich wiederholen ließ, und zugleich musste ständig kontrolliert werden, ob das Material die gewünschte Bearbeitung zuließ. Der Instrumentenbau war präzise Handarbeit unter industriellen Bedingungen.
Als die Fabriken leiser wurden
Die Blütezeit hielt nicht ewig. Mit der Internationalisierung des Instrumentenmarktes gerieten die deutschen Hersteller zunehmend unter Kostendruck. Amerikanische Firmen, im Marketing gut aufgestellt, übernahmen die Marktführerschaft. Produzierten heimisch und global. Japanische Unternehmen wurden zu wichtigen Konkurrenten, später kamen Hersteller aus Korea und China hinzu. Vor allem bei standardisierten Instrumenten im mittleren Preissegment konnten deutsche Produktionsstandorte mit den niedrigeren Kosten internationaler Anbieter immer schwerer mithalten. Die Unternehmen reagierten mit Verlagerungen, Veränderungen ihrer Produktprogramme und neuen Eigentümerstrukturen. Framus verlegte die Produktion nach Straubing, andere Firmen verschwanden oder verloren ihre frühere Bedeutung. Bubenreuth verlor damit seine Stellung als geschlossenes Industriezentrum.
Für den Ort bedeutete das mehr als den Verlust einzelner Arbeitsplätze. Fabriken schaffen soziale Strukturen. Sie beschäftigen Auszubildende, bringen Menschen zusammen, prägen Arbeitswege und Tagesabläufe. Wenn sie verschwinden, wird ein Ort nicht plötzlich geschichtslos, aber ein Teil seiner alltäglichen Identität geht verloren. Der Instrumentenbau selbst verschwand allerdings nicht vollständig. Kleinere Werkstätten widmeten sich stärker der Reparatur, Restaurierung und individuellen Anfertigung. Damit veränderte sich auch die Beziehung zwischen Instrument und Handwerk. Wo früher größere Stückzahlen produziert wurden, ging es nun häufiger um einzelne Instrumente und einzelne Kunden.
Was ein Museum mit einer solchen Geschichte macht
Die Erinnerung an diese Entwicklung wird in Bubenreuth seit Jahrzehnten gesammelt. Aus einer Ausstellung zum Instrumentenbau entstand 1979 die Grundlage des Bubenreutheums. Im Laufe der Jahre kamen Instrumente, Werkzeuge, Fotografien, Kataloge, Dokumente und persönliche Zeugnisse hinzu. Das Museum erzählt inzwischen nicht nur von der Herstellung von Geigen und Gitarren, sondern auch von Flucht, Vertreibung, Ankunft und Integration. Das ist eine anspruchsvolle Verbindung, weil die Dinge selbst mehrere Geschichten gleichzeitig erzählen. Ein Werkzeug verweist auf eine handwerkliche Tätigkeit, ein Instrument auf einen Hersteller und einen Markt, ein Foto auf eine Familie oder einen Betrieb. Ein abgenutztes Griffbrett kann außerdem von einem langen Musikerleben erzählen, das mit der eigentlichen Produktion nichts mehr zu tun hat.
Gerade deshalb sind Instrumente interessante Museumsobjekte. Sie sind nicht nur Produkte, sondern Gebrauchsgegenstände mit Biografie. Eine Geige aus einer Musikschule kann über Jahrzehnte von Kindern gespielt worden sein. Ein alter Bass kann Umbauten und Reparaturen aufweisen, weil sein Besitzer ihn an neue musikalische Anforderungen angepasst hat. Solche Veränderungen sind keine bloßen Beschädigungen. Sie gehören zur Geschichte des Instruments.
Die bisherige Ausstellung des Bubenreutheums im Rathaus machte diese Zusammenhänge anhand von Instrumenten, Dokumenten, Fotografien und einer nachgebildeten Geigenbauwerkstatt anschaulich. Eine besondere Bedeutung besitzt die sogenannte „Kriegsgeige“, die der Geigenbauer Andreas Hoyer während seiner Kriegsgefangenschaft aus improvisiertem Material anfertigte. Sie steht für eine Erfahrung, die den Bogen der Bubenreuther Geschichte ungewöhnlich weit spannt: Selbst unter extremen Bedingungen konnte handwerkliches Wissen weitergegeben und angewendet werden.
Die Geschichte zieht um
Mit dem neuen Standort im Kulturhof H7 erhält diese Erinnerung einen anderen Rahmen. Der Kulturhof ist bereits seit Mai 2025 in Betrieb und entwickelt seither ein eigenes kulturelles Programm. Bibliothek, Cafeteria und ein akustisch hochwertiger Veranstaltungssaal machen ihn zu einem Ort, an dem Lesen, Begegnung, Musik und Kultur zusammenkommen. Im Mittelpunkt der musealen Erweiterung steht derzeit die neue Dauerausstellung auf rund 400 Quadratmetern.
Die Ausstellung verbindet die Geschichte der Schönbacher Instrumentenbauer mit der Geschichte ihrer Ankunft in Bubenreuth und mit der Entwicklung der Musik. Die Themen Heimatvertriebene, Instrumentenbau, Popkultur und Integration gehören dabei unmittelbar zusammen. Sie erzählen von Menschen, die nach einem erzwungenen Neuanfang ihr handwerkliches Können mitbrachten, von einem Ort, der ihnen eine neue wirtschaftliche Existenz ermöglichte, und von Instrumenten, die schließlich Teil einer internationalen Musikkultur wurden.
Die Eröffnung der neuen Dauerausstellung ist für den 12. November 2026 vorgesehen. Dann soll auch das Kulturhof-Projekt insgesamt fertiggestellt sein. Mit mehreren tausend Quadratmetern Fläche für Kunst und Kultur entsteht damit ein für den ländlichen Raum bemerkenswertes Projekt. Bubenreuth setzt bewusst darauf, Kultur nicht an den Rand des Gemeindelebens zu stellen, sondern mitten im Ort einen Raum für Begegnung, Bildung, Musik und Erinnerung zu schaffen.
Entscheidend ist dabei nicht allein der größere Ausstellungsraum. Der Kulturhof H7 verbindet das Museum mit Bibliothek, Cafeteria und Veranstaltungsangeboten. Konzerte, Jazz-Sessions und offene Bühnen gehören zum kulturellen Programm. Bei „Eine Bühne für alle“ können beispielsweise Musikschulkinder und andere Musikschaffende auftreten. Dadurch entsteht eine Verbindung, die für Bubenreuth besonders passend ist: Die Geschichte des Ortes wird nicht nur ausgestellt, sondern findet in einem Haus statt, in dem auch heute Musik gemacht wird.
Das Museum bekommt damit eine Chance, die über reine Erinnerungskultur hinausgeht. Es kann erklären, wie aus einem böhmischen Handwerk ein fränkischer Wirtschaftszweig wurde, wie Heimatverlust und Integration zusammenhängen und wie Instrumente aus Bubenreuth Teil der Popkultur wurden. Zugleich kann es zeigen, dass diese Geschichte nicht abgeschlossen ist. Wer heute ein Instrument spielt, repariert oder baut, steht in einer langen Reihe von Menschen, die mit Holz, Werkzeug und Klang gearbeitet haben.
Zwei Heimaten, ein Gedächtnis
Bubenreuth ist ohne Schönbach nicht zu verstehen. Doch ebenso wenig sollte die Gemeinde als bloße Fortsetzung der verlorenen böhmischen Heimat betrachtet werden. Die Instrumentenbauer brachten ihre Kenntnisse mit, aber sie mussten sie verändern. Sie trafen in Franken auf andere wirtschaftliche Bedingungen, neue Märkte und eine Musik, die sich innerhalb weniger Jahrzehnte radikal wandelte.
Aus dem traditionellen Geigenbau entwickelte sich ein breiter Saiteninstrumentenbau. Die Arbeit wurde stärker organisiert und teilweise industrialisiert, gleichzeitig blieb das handwerkliche Urteil notwendig. Die klassische Geige existierte neben der Gitarre, die Gitarre neben der elektrischen Gitarre, und schließlich stand ein Bubenreuther Bass auf den Bühnen der Beatles.
Das Entscheidende an dieser Entwicklung ist vielleicht, dass sie sich nicht planen ließ. Niemand konnte 1945 wissen, welche Geschichte aus dem Neubeginn in Bubenreuth entstehen würde. Die Vertriebenen wollten zunächst vor allem wieder arbeiten und leben können. Die Unternehmen mussten Märkte finden. Die Instrumente mussten Kundschaft finden. Und irgendwann wurde aus einer regionalen Handwerkstradition ein Teil der internationalen Musikgeschichte.
Heute ist davon vieles verschwunden, was einst selbstverständlich war. Die Fabriken sind nicht mehr das Zentrum des Ortes, und die großen Produktionszahlen gehören der Vergangenheit an. Geblieben sind Werkstätten, Sammlungen, Instrumente und vor allem ein Wissen darüber, dass wirtschaftliche und kulturelle Geschichte manchmal an sehr kleinen Orten entsteht. Bubenreuth erzählt deshalb mehr als die Geschichte einiger berühmter Marken. Es erzählt von Menschen, die nach einer erzwungenen Migration eine berufliche Existenz neu aufbauen mussten. Es erzählt davon, dass Integration auch über Arbeit, Ausbildung und wirtschaftliche Teilhabe funktioniert. Und es erzählt von einer Tradition, die nur überlebte, weil sie sich verändern konnte. Vielleicht liegt darin die eigentliche Besonderheit dieses Ortes. Bubenreuth bewahrt nicht einfach eine unveränderte Vergangenheit. Es bewahrt die Erinnerung an einen Wandel: von Schönbach nach Franken, von der Werkstatt zur Fabrik, von der Geige zum E-Bass und von der industriellen Blüte zur musealen und kulturellen Gegenwart.
Wenn das Bubenreutheum künftig im Kulturhof H7 seine Geschichte erzählt und im selben Haus Musikerinnen und Musiker auftreten, wird aus dieser Vergangenheit wieder ein Teil des gegenwärtigen Lebens. Dann stehen nicht nur Instrumente hinter Glas, sondern die Geschichte verbindet sich erneut mit dem, wofür diese Instrumente ursprünglich gebaut wurden: mit Musik.
Und vermutlich ist das für Bubenreuth die angemessenste Form der Erinnerung. Denn ein Instrument bewahrt die Spuren seines Erbauers, aber es erfüllt seinen eigentlichen Zweck erst in den Händen eines Menschen. So kann auch die Geschichte des Ortes mehr sein als ein abgeschlossenes Kapitel. Sie bleibt hörbar, solange Menschen sich für die Instrumente interessieren, sie bauen, restaurieren, sammeln oder spielen. Was einst als Verlust begann, hat dadurch eine zweite Heimat gefunden – und Bubenreuth, der fränkische Ort mit böhmischem Gedächtnis, trägt diese Geschichte bis heute weiter.