Wagners Erbe im Jubiläumslicht
Bayreuth erzählt 150 Jahre Festspielgeschichte neu
veröffentlicht am 27.05.2026 | Lesezeit: ca. 13 Min. | von Martin Köhl
Früher gehörte es zu den gusseisernen Vorurteilen über Bayreuth und sein Kulturleben, dass die Stadt sommers, also zur Festspielzeit, aus einer Art Winterschlaf erwache und bald nach dem Ende der Richard-Wagner-Saison auch wieder in denselben versinke. Doch so recht stimmt das wohl nicht, denn Bayreuth hatte auch außerhalb seines weltweit im Fokus stehenden Festivals schon immer einiges zu bieten. Freilich kulminiert das kulturelle Angebot während der Festspiele in besonderer Weise, nicht zuletzt weil viele Gäste auch außerhalb der Wagner-Aufführungen im großen Opernhaus auf dem Grünen Hügel Zeit und Interesse für andere Angebote haben – oft genug ganz einfach deshalb, weil sie gar nicht alle wünschenswerten Karten ergattern konnten.
Eigentlich sind es ganz normale Menschen, die alljährlich nach Bayreuth pilgern; freilich kommen sie aus der ganzen Welt, was man schon am babylonischen Sprachgewirr feststellen kann, das einen auf dem Festspielareal umgibt. Allerdings – Stichwort „pilgern“ – eint sie eines: Sie begeben sich an einen geradezu „heiligen“ Ort der Musikwelt, denn sie sind der magischen Klangaura der Werke Richard Wagners verfallen. Manche sprechen sogar von der geradezu opiatischen Wirkung dieser Musik. Kein Wunder also, dass es auch manche Fehlurteile über dieses sehr spezielle Publikum gibt.
Zum Beispiel jenes: Die Wagnerianer würden ihre Opernlibretti auswendig kennen. Das wäre zwar hilfreich wegen fehlender Texteinblendungen, stimmt aber nicht. Allerdings ist ihnen in der Regel der Inhalt der Werke sehr vertraut. Man ist unter Kennern, und das hat dann auch Folgen für die Pausengespräche, das Applausverhalten – in Bayreuth gibt es noch Buhgewitter! – oder allgemeine Verhaltensweisen, für die es durchaus ungeschriebene Regeln gibt. Wer es durch die – nach dem Berliner Berghain – härtesten Türen der Welt geschafft hat, sollte in den langen Sitzreihen tunlichst stehen bleiben, denn die Besucherinnen und Besucher, die sich zu früh setzen, outen sich umgehend als Novizen.
Der Grüne Hügel erhebt sich zwar vor den Toren Bayreuths, aber die Festspiele imprägnieren trotzdem das Innenstadtleben in markanter Weise. Die Bewohnerschaft ist sichtlich stolz auf das internationale Flair, freut sich über eine sehr quirlige Atmosphäre und profitiert natürlich auch wirtschaftlich davon. Dass am Ende in einer Stadt mit nur 75.000 Menschen doch das gesamte Festspielpublikum irgendwie untergebracht werden kann, grenzt alljährlich fast an ein Wunder.
Indessen teilt sich die Zuhörerschaft im Festspielareal während der Opernpausen auf originelle Weise. Manche scheuen nicht den Weg bergaufwärts zur Bürgerreuth, wo es etwas feiner zugeht, oder in die umliegenden Freiluftschänken in den Wiesen. Andere bleiben lieber in den angrenzenden Festspielrestaurants, wo es freilich ebenfalls „Klassenunterschiede“ gibt.
Die dritte „Partei“ zieht es bergabwärts in eine einfache Bierschwemme, wo man auf einfachen Holzbänken sitzt und sich nicht wundern darf, wenn neben einem der Bürgermeister von Hamburg oder eine berühmte Künstlerin sitzt. Alles mischt sich, Standesdünkel sind aufgehoben, das ist sommerliche Demokratie à la Bayreuth!
Festival150 in der gesamten Stadt
Anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der ersten Festspiele im Jahre 1876 veranstaltet die Stadt Bayreuth ein stadtweites Festival unter der Überschrift „Festival150“. Begleitend zu den Jubiläums-Festspielen auf dem Grünen Hügel werden hundertfünfzig Bühnen im gesamten Stadtgebiet und im Landkreis bespielt. Noch bis Dezember zeigt die ganze Region ihre kulturelle Vielfalt – mit Musik, Theater und Kunst, die den Bogen von Wagners Werk bis in die Gegenwart spannt. Da gibt es beispielsweise Ende Juni ein „Campus-Festival150“ oder im September eine „Lange Nacht der Kultur“.
Zwei Tage vor Festspielbeginn lockt ein Klavierabend mit Katharina Thalbach und Kit Armstrong in das Markgräfliche Opernhaus, das zweite Musiktheater-Kleinod Bayreuths. Dass Bayreuth neben dem klanglich und atmosphärisch besten Operngebäude, also dem Festspielhaus, auch das architektonisch und stilistisch schönste Theater Deutschlands besitzt, nämlich das Markgräfliche Opernhaus, kann nicht oft genug betont und wiederholt werden. Es wurde 2012 zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt und in der Folge mit großem Aufwand restauriert. Seit seiner Wiedereröffnung steht es neben den ganzjährigen Besichtigungsmöglichkeiten im Rahmen des Museumsbetriebs auch für einen denkmalverträglichen Spielbetrieb zur Verfügung – zumindest während der milderen Jahreszeit. Die atemberaubende Schönheit dieses puristisch stilreinen Rokokobaues, den Wilhelmine von Bayreuth in Auftrag gegeben hatte, lockt längst auch andere Veranstalter nach Bayreuth, unter anderem den Sänger und Impresario Max Emanuel Cencic, der hier ein barockes Opernfestival aus der Taufe gehoben hat und mit großem Erfolg und internationaler Relevanz alljährlich realisiert. Mehr zu diesem „Bayreuth Baroque“, das heuer vom 4. bis 13. September stattfindet, in der nächsten Ausgabe von Art. 5|III.
„Meisterwerke.Leidenschaft.Bayreuth“
Die Bayreuther Festspiele stehen 2026 unter dem Leitgedanken „Meisterwerke.Leidenschaft.Bayreuth“ und beginnen wie üblich am 25. Juli. Vorgeschaltet am 24. Juli ist ein Festspiel Open Air, das vom Festspielorchester gestaltet wird und kostenfrei auf dem Hügel vor dem Festspielhaus stattfindet. Eine Wiederholung erfolgt am 2. August. Die eigentliche Eröffnung wird im Jubiläumsjahr nicht mit einer Operninszenierung zelebriert, sondern mit der Aufführung von Beethovens 9. Symphonie, die für Wagner und damit auch für Bayreuth eine besondere Bedeutung besitzt, erklang sie doch schon anlässlich der Grundsteinlegung des Festspielhauses am 22. Mai 1872 im Markgräflichen Opernhaus und fortan auch aus verschiedenen Anlässen im fertiggestellten Festspielhaus.
Am 26. Juli beginnen dann die Opernaufführungen mit einer Neuerung, die Richard Wagner wohl mit einem Kopfschütteln kommentiert hätte. Der „Rienzi“, Wagners dritte Oper, die ihrerzeit ein großer Erfolg war, jedoch vom Komponisten nie als festspielwürdig erachtet wurde, erklingt erstmals auf dem Grünen Hügel. Ein außergewöhnliches Ereignis! Sie wird nicht weniger als neun Mal unter der Leitung von Nathalie Stutzmann aufgeführt. Für die Regie, die Bühne und die Kostüme zeichnen sich Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka verantwortlich. Die Premiere wird live aus dem Festspielhaus in Kinos im deutschsprachigen Raum übertragen. Seit 2012 ermöglichen die Bayreuther Festspiele mit „Wagner im Kino“ einem breiten Publikum, ausgewählte Produktionen vom „Grünen Hügel“ auf der großen Leinwand zu erleben.
Ab dem 27. Juli beginnt mit dem „Rheingold“ ein Experiment von „visionärer Kraft“, nämlich die Inszenierung der Tetralogie in einer Weise, die nicht nur Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ als Musikdrama aufführt, sondern seine Rezeptionsgeschichte in den Mittelpunkt stellt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Festspiele wird dabei Künstliche Intelligenz auf der Bühne mitspielen – nicht figürlich, sondern als bildgebende Kraft. Jede Vorstellung wird einzigartig sein, weil auch die Bilder und Assoziationen nicht stillstehen. Am 28. Juli schließt sich die „Walküre“ an, am 30. Juli der „Siegfried“ und am 1. August die „Götterdämmerung“. Zwei weitere Zyklen des „Ringes“ beginnen am 4. und 12. August. Alle Aufführungen stehen unter der Leitung von Christian Thielemann und sehen prominente Sängerbesetzungen vor, unter anderem Klaus Florian Vogt als Loge, Siegmund und Siegfried (!), Michael Volle als Wotan, Camilla Nylund als Brünnhilde und Gerhard Siegel als Mime. Die Dramaturgie obliegt Andri Hardmeier; Marcus Lobbes und Nils Corte kümmern sich um die künstlerisch-technische Konzeption.
Ab 31. Juli wird der von Jay Scheib in Szene gesetzte „Parsifal“ wieder aufgenommen, dirigiert von Pablo Heras-Casado und mit Michael Volle als Amfortas, Georg Zeppenfeld als Gurnemanz und Andreas Schager als Parsifal hervorragend besetzt. Auf Jordan Shanahan als Klingsor und Miina-Liisa Värelä als Kundry wird man gespannt sein dürfen. Die ebenfalls schon ältere Inszenierung von „Der fliegende Holländer“ ist ab 29. Juli zu sehen. Oksana Lyniv dirigiert das Werk, für das die Regie von Dmitri Tscherniakov stammt.
Weitere Formate wie „venus, engel & die nacht“ (ab 29. Juli), ein Chor Open Air (1. August) und „Brünnhilde brennt: ein Spiel mit dem Feuer“ (am 3. August im Friedrichsforum) ergänzen heuer die Bayreuther Festspiele in ihrem Jubiläumsjahr.
Diskurse in Bayreuth
Zeitlich in der Mitte der Festspiele findet wieder die seit 2017 angebotene Veranstaltungsreihe „Diskurs Bayreuth“ statt. Heuer steht sie unter der Überschrift „Die Erfindung der Vergangenheit“ und bietet am 7. und 8. August Vorträge zu Themen wie „Geschichte im Musiktheater“, „Erinnerungskultur“, „Die Verklärung der Gegenwart durch die Vergangenheit“, „Zu lebendiger Zeit unnützes Erinnern“ oder „Was geht mich alle Baukunst der Welt an!“ – das Bayreuther Festspielhaus. Der Eintritt zu diesen Veranstaltungen in der Probebühne IV des Festspielhauses ist frei.
Rund um die Festspiele
Wer als Besucherin oder Besucher der Wagner-Festspiele neben den Opernabenden noch genügend Zeit hat und für mehrere Tage in Bayreuth bleiben will, kann sich entweder jenen Veranstaltungen zuwenden, die speziell parallel zur Festspielzeit angeboten werden, oder sich den kulturell wichtigen Orten zuwenden, die man eigentlich auch ganzjährig besuchen kann, die aber jetzt sozusagen „nahe liegen“. Dazu gehören die Stadtkirche mit ihren Konzertprogrammen ebenso wie die durchaus zahlreichen Museen Bayreuths, die mit ihren gewichtigen Inhalten locken. In der Stadtkirche – oder besser: in die Stadtkirche – lockt beispielsweise am 21. August ein Konzert mit Transkriptionen von Werken Giacomo Meyerbeers und Siegfried Wagners.
Unter den Museen sind unter anderem erwähnenswert das Urwelt-Museum, in dem sich Erdgeschichte hautnah erleben lässt, das der Geschichte Bayreuths gewidmete Historische Museum, das 2013 neu gestaltete Jean-Paul-Museum, das Kunstmuseum Bayreuth, das direkt gegenüber dem Haus Wahnfried gelegene Franz-Liszt-Museum (mit interessanten Exponaten von Wagners Schwiegervater) oder das interessante, im Logenhaus untergebrachte Deutsche Freimaurermuseum. Diesbezüglich gibt es übrigens in Bayreuth eine lange Tradition: Markgraf Friedrich III. stiftete vor 275 Jahren hier die damals sechste Freimaurerloge Deutschlands.
Nicht zu vergessen ist natürlich das Richard Wagner Museum. Dieses nimmt zum Festspiel-Jubiläum eine besondere Rolle ein. Nicht nur beherbergt es die weltweit bedeutendste Sammlung zu Wagners Leben, Werk und der Festspielgeschichte, auch feiert das Museum selbst in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. Zum großen Doppeljubiläum sind von Juli bis Oktober zahlreiche, vielfältige Veranstaltungen geplant, unter anderem ein Symposium, Konzerte und Angebote aus den Bereichen Bildende und Darstellende Kunst. Und für alle, die es noch nicht gewusst haben sollten: Die ehemalige Villa des Komponisten ist der Kern des Museums. Es können die Wohnräume Wagners besichtigt und in die Atmosphäre des 19. Jahrhunderts eingetaucht werden. Wagner-Feeling pur!
Steingraeber & Söhne
Der zweite große Player während der Festspielzeit ist seit jeher die traditionsreiche Firma Steingraeber & Söhne, die zu den Premiumherstellern ihres Faches gehört. Seit 1852 und mittlerweile in sechster Generation fertigt diese Klaviermanufaktur Tasteninstrumente, vor allem Klaviere und Flügel, für die Bühnen der Welt, aber natürlich auch für den Privatgebrauch. Das Steingraeber-Haus in der Innenstadt ist eines der wenigen original erhaltenen Bauten des Bayreuther Rokokos. Die Werkstätten im Nachbargebäude stehen bei Führungen zur Besichtigung offen.
Jährlich finden rund 75 Konzerte und andere Veranstaltungen statt, besonders konzentriert natürlich auf die Festspielzeit. Neben den obligatorischen Einführungsvorträgen zu den Opern Richard Wagners und den beliebten Fabrikführungen gibt es eine Fülle von Klavierrezitals. Am 9. Juni wartet Aurelia Visovan am Liszt-Flügel mit den zwölf „Grandes Études“ von Franz Liszt auf die geneigte Zuhörerschaft.
Die „Führung Klavierwelt“ ist ein Klassiker unter den Führungen im Pianokosmos und findet am 11. Juni ebenso statt wie am 2. und 24. Juli. Natürlich ist auch zu Festspielbeginn am 25. Juli eine mittägliche Führung, weitere in dichtem Abstand im August. Während der Festspiele gibt es sie ebenso in englischer Sprache. Am 13. Juni und 18. Juli musiziert der pianistische Nachwuchs unter der Leitung von Lisa Wellisch im Steingraeber-Haus.
„Stars von morgen“ werden für den 18. Juni im Kammermusiksaal angekündigt; die Klavierprofessoren Evgenia Rubinova und Christoph Hammer kümmern sich um sie. Gar zu einer "Feuerprobe" im Friedrichsforum laden Martin Stadtfeld und Lilian Akopova ein. Das Klavierduo spielt beliebte Klavierwerke aus drei Jahrhunderten an zwei Konzertflügeln. Eine Ausstellung von Antoine Wagner zum Festspieljubiläum wird am 22. Juli in der Galerie Steingraeber eröffnet.
Als besonderes Schmankerl darf man gewiss den gemeinsamen Auftritt von Katharina Thalbach und Kit Armstrong bezeichnen, die Klaviermusik und Texte im Spiegel ihres Premierenbesuchs der Bayreuther Festspiele 1876 offerieren. „Von Takt zu That“ steht über dem Programm, womit nichts anderes gemeint ist als Richard Wagners festen Vorsatz, nach den Noten für die Opern nun auch das "neumodischste Opernhaus der Welt" zu realisieren.
Wer mehr zu den 150. Festspielen in Bayreuth erfahren möchte, der kann sich gerne unter www.bayreuther-festspiele.de in das umfassende Programm einlesen.