Szene

Gegen den grauen Takt: Frankens Jazzherbst

Die wichtigsten Jazz-, Blues- und Soultermine im Herbst in der Region

veröffentlicht am 01.10.2026 | Lesezeit: ca. 9 Min. | von Ludwig Märthesheimer

Das Adam Ben Ezra Duo zu Gast beim Bayreuther Jazznovember

Das Adam Ben Ezra Duo zu Gast beim Bayreuther Jazznovember, Foto © Diego Garcia

Ein guter Jazzherbst beginnt mit der Frage, wo man zuerst zuhören soll. Zwischen Amberg, Nürnberg, Fürth, Bamberg, Bayreuth, Roth, Haßfurt, Neumarkt, Würzburg, Wendelstein und Weikersheim stehen große Namen neben jungen Formationen, Big Bands neben Duoformaten und Blues-Tradition neben produktiven Grenzüberschreitungen.

Den weitesten Bogen schlägt Jazzarise in Amberg. Das Wanderfestival gastiert vom 10. bis 25. Oktober an Orten vom Stadttheater über Luftmuseum und Stadtbibliothek bis zum Büro von TNT Productions. Der Auftakt verbindet eine Aktion auf dem Marktplatz mit der Munich Lab Band. Im Stadttheater folgen Solaire, Förderpreisträger des Bayerischen Jazzverbands 2026, sowie Moritz Renner & Strings. Das Silberwort Ensemble kombiniert im Luftmuseum Vibraphon und dreistimmigen Gesang; Paulo Morello, Sven Faller und Christoph Huber laden am 24. Oktober zur Session. Kinderprogramm, Workshops, Fotoausstellung und der Frühschoppen mit Diana Laden & Friends tragen den Jazz in den Alltag der Stadt.

Fast zeitgleich feiert Neumarkt ein rundes Jubiläum. Das 20. Neumarkter Jazzweekend eröffnet vom 16. bis 18. Oktober die neue „Klangraum“-Saison in den Festsälen der Residenz. Und hier lohnt sprachliche Genauigkeit: Am Freitag treten Fred Munker am Akkordeon und Lukas Kroczek am Violoncello auf; Uschi Faltenbacher begleitet den Abend mit Bildern. Édith Piaf, Astor Piazzolla und Klaus Paier stehen nicht auf der Bühne – ihre Musik bildet das Repertoire des Programms „Piaf – Piazzolla – Paier“. Am Samstag spielen Georg Gratzer und Klemens Bittmann ihr Programm „Lacrimosa“, das von Renaissance und Mozart bis zur steirischen Volksmusik reicht. Den Sonntagvormittag übernimmt das Familienkonzert „Swingin’ Kids“.

Die TauberPhilharmonie in Weikersheim setzt im Oktober gleich drei Akzente. Am 9. Oktober treffen Omar Sosa und die NDR Bigband mit „Raices unidas“ zum dritten Mal aufeinander; Sosa spielt Klavier und komponiert, Jaques Morelenbaum arrangiert, Steffen Schorn leitet. Afrokubanische Prägungen verbinden dabei Lateinamerika, Afrika und die USA. Am 11. Oktober bringt Miss Allie auf ihrer „Paradiesvogel“-Tour Liedermaching, Humor und Sozialkritik zusammen. Maybebop folgt am 16. Oktober: Das A-cappella-Quartett verspricht neue und bekannte Songs, Satire, spontane Setlisten und reichlich Mitsprache fürs Publikum.

In Nürnberg hält das JazzStudio im Oktober die Dichte hoch. Am 2. Oktober eröffnet das Shannon Barnett Quartett; der Bayerische Rundfunk zeichnet auf. Tags darauf verbindet das Paul Bernewitz Trio feingliedrige Kammermusik, Groove und atmosphärische Eigenkompositionen. Am 9. Oktober mischt das Sepp Eisele Trio Jazz, Blues, Latin und Folk, am 10. versammelt Vibraphonistin Izabella Effenberg ihre „Sisters in Jazz – Polish Edition“. Das Peter Sundlands Quintett trifft am 16. Oktober mit drei Saxofonen auf eine explosive Rhythmusgruppe; Round Square lässt am 17. Oktober vier Holzbläser von Bass und Schlagzeug antreiben. Für Rebecca Treschers „Walden“ zieht das Jazzstudio am 19. Oktober in den Festsaal des Künstlerhauses. Danach folgen Bastian Steins „Song Atlas“ mit Julius Gawlik am 23. und die Tiroler Miniatur-Bigband Grapha am 24. Oktober. Michael Arbenz stellt am 30. Oktober mit Wolfgang Zwiauer und Clemens Kuratle sein Trio 3Body Force vor; am 31. beendet das Gisela Horat Trio den Monat zwischen Ruhe, schroffen Kontrasten und Avantgarde.

Auch die Tafelhalle gehört nach Nürnberg, nicht nach Fürth – Geografie ist schließlich ebenfalls eine Form von Rhythmusdisziplin. Das Sunday Night Orchestra präsentiert dort am 25. Oktober „Slide Time“ mit Felix Fromms Big-Band-Musik zwischen New Orleans, Funk und modernem Jazz. Ein weiterer SNO-Abend ist für den 29. November angekündigt; ein eigenes Programm war bei Redaktionsschluss noch nicht benannt. Daggi Krauß & Band spielen am 15. Oktober – allerdings in der Fürther Kofferfabrik, nicht in der Tafelhalle.

Fürth antwortet mit Fülle und Stilfreude. In der Kofferfabrik laufen JazzMonday und BluesWednesday wie zwei Pulsadern durch den Kalender. Patrick V. Mabialas Trio eröffnet am 5. Oktober mit „Afro Bebop“; es folgen Joe Palt & The Moneymakers, Franz Hajak & The Blue Lunatics und Muddy What?. Daggi Krauß & Band verbinden am 15. Oktober Jazz, Latin, Soul und Pop, Sari Schorr kommt am 21. Oktober. Am 25. folgt Soft Machine, tags darauf Dancing Fourths; am 31. verbindet #zweiraumsilke Hip-Hop und Jazz. Im November reicht das Programm von den Jessicats über Danny Bryant, Solaire und das Pentaphone Project bis zum 14. Rory Gallagher Weekend am 27. und 28. November. Paul Millns beschließt am 29. den Monat.

Das Kulturforum Fürth setzt zwei Akzente seiner Jazzvariationen. Am 22. Oktober spielt das Ania Paz Trio „Inspiring Energy Live“, ausgewiesen als Contemporary Latin Jazz. Am 5. und 6. November treffen bei „TRANSIT“ das Peter Fulda Trio und das Orchester Ventuno aufeinander; gespielt wird Musik von Evgenij Zelikman und Peter Fulda – eine echte Begegnung zweier Klangkörper.

Im Bamberger Jazzclub reicht das derzeit veröffentlichte Programm bis zum 31. Oktober. Darin liegen bemerkenswerte Kontraste: David Helbock und Julia Hofer kombinieren am 3. Oktober Piano, E-Bass und Cello, die Sisters in Jazz gastieren am 9. Oktober, Swing’it beschwört am 18. Oktober die Roaring Twenties. Matthias Bublaths Hammond-B3-Band bringt am 24. Oktober Soul und Funk, Solaire spielt am 30. Oktober. Den Oktober beschließt am 31. die Hommage „Miles & Trane Centennial“ an Miles Davis und John Coltrane.

Anmerkung der Redaktion: Für das Jazzstudio Nürnberg und den Jazzclub Bamberg gilt: Die Novemberprogramme waren bei Redaktionsschluss noch nicht veröffentlicht. Sobald die Termine vorliegen, wird diese Vorschau in der Online-Ausgabe entsprechend ergänzt.

In Roth setzt die Kulturfabrik zwei höchst unterschiedliche Akzente. Wolfgang Haffner feiert am 6. Oktober mit Simon Oslender an den Keyboards und Thomas Stieger am Bass „The Jubilee Concert“ – seinen 60. Geburtstag und 50 Bühnenjahre. Am 4. November kommt Curtis Stigers mit „Songs From My Kitchen Live 2026“: Sänger und Saxofonist, Songwriter und Erzähler, der Jazz, Soul und Pop nicht gegeneinander ausspielt, sondern in sein Repertoire einbaut.

Haßfurt erinnert am 25. Oktober an den 100. Geburtstag von Miles Davis. In der Rathaushalle steht „Tribute to Miles Davis – 100 Years of a Jazz Legend“ auf dem Programm. Auf der Bühne stehen Martin Auer an der Trompete und Hubert Winter am Saxofon; der Abend widmet sich Davis’ legendären Quintetten. Das ist eine Hommage an einen 1926 geborenen Musiker, keine nebulöse Wiederauferstehung – eine Unterscheidung, die bei Jubiläumsprogrammen nie schadet.

Die Jegelscheune in Wendelstein startet schon am 25. September mit den Bakery Brothers in ihre Saison. Das Oktoberprogramm beginnt am 2. mit dem Gitarrenduo Joe Bawelino und Gige Brunner. Die Mojo Men folgen am 24. Oktober mit Henry Heggen und handgemachtem Blues, am 13. November kommen die Mufuti Twins mit Roots Blues, Soul, Vintage-Grooves und Sixties-Vibes. Den Schlusspunkt setzt am 20. November Martin Schmitt mit seinem Klavierkabarett „Schmitt happens“. Der kleine Vorausblick-Seitenhieb sei gestattet: Wer „Songs & Stories live – Teil 2“ und „Mojo Men Teil 2“ programmiert, vertraut offenbar so sehr auf sein Stammpublikum, dass Teil eins als Allgemeinbildung gilt. Musikalisch allerdings steht die Scheune erstaunlich breitbeinig zwischen Saitenkunst, Blues und bayerischem Wortwitz.

Würzburg bündelt den Blues am 13. und 14. November zu einem kompakten Clubfestival. Das dritte All is Blues Festival im Keller Z87 beginnt am Freitag mit Global Blues Resistance sowie Dr. Will and the Wizards; am Samstag folgen die See See Riders und Al Jones & Band. Die Spannweite reicht laut Veranstalter von Blues, Funk und Groove über Voodoo Swamp Blues bis zu akustischem String-Band- und klassischem Chicago-Blues. Bereits vom 1. bis 14. November läuft Martin Feldmanns Vintage-Fotoausstellung „Further on up the Road“, eröffnet mit einer Vernissage am 1. November. Das Festival war 2026 für den German Blues Award in der Kategorie „Festival“ nominiert – ein beachtlicher Befund für ein Festival in seiner erst dritten Ausgabe.

Bayreuth wartet nicht bis zum Jazz-November. Im Bechersaal eröffnet das Caro Trischler Trio am 3. Oktober mit leisen Tönen zwischen Jazz, Soul, Folk und brasilianischer Musik. Am 17. Oktober spielt das Alex Hitchcock Quartet den hochenergetischen Gegenwartsjazz des Albums „Letters From Afar“. Martin Listabarth widmet sein Trio-Programm „In Her Footsteps“ am 23. Oktober der Weltreisenden Ida Pfeiffer.

Vom 12. bis 15. November folgt dann der große Bayreuther Jazznovember mit sieben Konzerten. Marius Neset eröffnet „Cabaret“ mit Elliot Galvin, Conor Chaplin und Anton Eger; später spielt RKDIA. Am Freitag verbindet das Louis Matutes Large Ensemble in „Dolce Vita“ lateinamerikanische Einflüsse mit Indie-Jazz; als Gast ist Saxofonist Léon Phal dabei. Anschließend übernimmt das Adam Ben Ezra Duo. Am Samstag suchen Elias Stemeseder und Christian Lillinger mit Trompeter Peter Evans und Bassist Nick Joz die äußersten Ränder der Improvisation; danach spielt Solaire. Das Matthieu Saglio Quartet beendet das Festival am Sonntag mit Cello, Jazz, Flamenco, mediterranen Melodien und afrikanischen Rhythmen. Doch damit ist der Bayreuther November nicht vorbei: Am 28. November bringt Schlagzeuger Kesivan Naidoo sein südafrikanisches Akustikquintett Kesivan and The Lights auf Album-Release-Tour in den Bechersaal.

So zeigt dieser Herbst keine einheitliche Szene, sondern ein belastbares Netzwerk. Festivals liefern Dramaturgie und Reisegrund, Clubs Kontinuität und Risiko, Kulturhäuser besondere Paarungen. Im Jazz darf vieles offen sein. Namen, Besetzungen, Orte und Termine sollten es nicht sein.

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