Hintergrund

Das fliegende Künstlerzimmer

Das Künstlerhaus Villa Concordia begrüßt den neuen Jahrgang

veröffentlicht am 13.07.2026 | Lesezeit: ca. 5 Min.

Im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia ist ein deutsch-tschechischer Jahrgang eingezogen

Im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia ist ein deutsch-tschechischer Jahrgang eingezogen, Foto © Künstlerhaus Villa Concordia, Ronald Rinklef

Es gibt Häuser, die wirken, als hätten sie ein Gedächtnis. Die Villa Concordia in Bamberg ist so ein Haus. Hinter ihrer barocken Fassade lagern nicht nur Stipendienakten, gedruckte Wörter und Konzertprogramme, sondern fast drei Jahrzehnte europäischer Gegenwartskunst: Stimmen, Entwürfe, Probennächte, Schreibkrisen, Flügelklänge, Übersetzungen, vermutlich auch sehr viel Kaffee. Seit diesem Frühjahr leben und arbeiten dort wieder 13 Künstlerinnen und Künstler – sieben aus Deutschland, sechs aus Tschechien. Für fünf oder elf Monate wird Bamberg damit erneut zu einem konzentrierten Versuchslabor Europas.

Man könnte diese Nachricht als routinierte Kulturverwaltungsmeldung lesen. Der Freistaat Bayern vergibt Aufenthaltsstipendien, monatlich 1.500 Euro, dazu eine Wohnung, öffentliche Auftritte und den schönen Satz vom „interkulturellen Dialog“. Aber vielleicht lohnt sich ein anderer Blick: Was bedeutet es eigentlich, Künstlerinnen und Künstlern schlicht Zeit zu schenken? Denn genau das passiert hier. Zeit wird organisiert, finanziert und gegen den Druck der permanenten Verwertbarkeit verteidigt. Während draußen die Gegenwart immer hektischer ihre Aufmerksamkeit umschichtet, entsteht in der Villa Concordia ein Raum, in dem jemand drei Wochen lang an einem einzigen Absatz feilen darf oder eine Komponistin nachts um halb eins entscheidet, dass ein Tonstück noch zehn Sekunden Stille braucht. Das klingt romantisch, ist aber erstaunlich konkret.

2026 begegnen sich dort die Sparten Bildende Kunst, Literatur und Musik. Eingeladen sind die bildenden Künstlerinnen und Künstler Johanna Ehmke, Luca-Maria Hien, Monika Immrová und Karel Štědrý. In der Literatur wohnen und arbeiten Leon Engler, Franziska Hauser, Dora Kaprálová, Christine Koschmieder und Eva Profousová. Die Musik vertreten Jiří Kadeřábek, Lou Kilger, Julia Mihály und Pavel Šabacký. Man stellt sich unwillkürliche Begegnungen vor, die in keiner offiziellen Pressemitteilung auftauchen werden: Die deutsche Autorin Franziska Hauser trifft beim Frühstück auf die tschechische Schriftstellerin Dora Kaprálová. Der Komponist Jiří Kadeřábek läuft mit Notenblättern durch denselben Garten, in dem Johanna Ehmke über eine Installation nachdenkt. Vielleicht diskutieren Julia Mihály und Pavel Šabacký bis tief in die Nacht über elektronische Klangräume, während Christine Koschmieder an einem neuen Text arbeitet. Solche Konstellationen sind kulturpolitisch kaum messbar – und oft gerade deshalb produktiv.

Interessant ist dabei die Wahl des Gastlandes. Tschechien liegt geografisch nah, kulturell aber immer noch weiter entfernt, als man in einem grenzenlosen Europa gern behauptet. Zwischen Bayern und Böhmen existiert eine eigentümliche historische Spannung aus Nachbarschaft, Trennung und Wiederannäherung. Die Villa Concordia arbeitet seit ihrer Gründung 1997 genau an dieser empfindlichen Zone: Kunst nicht als nationales Schaufenster zu verstehen, sondern als Dreh- und Angelpunkt auf Zeit, als Übersetzungsmaschine und ungezwungenen Schmelztiegel. Dabei geht es nicht nur um Sprache. Übersetzt werden auch Temperamente, Arbeitsweisen, Humor. Vielleicht ist das eigentliche Programm der Villa nicht Internationalität, sondern Reibung. Gute Kunst entsteht selten aus Harmonie allein.

Und Bamberg? Die Stadt spielt in diesem Modell eine stille Hauptrolle. Anders als die großen Kulturmetropolen besitzt sie in ihrer traditionellen, baulich hoch gekürten Kulisse, keine nervöse Selbstinszenierung. Gerade deshalb funktioniert sie als Resonanzraum. Wer aus Berlin, Prag oder München kommt, erlebt hier eine andere Geschwindigkeit. Die mittelalterlichen Fassaden, die Flussschleifen, die touristische Behäbigkeit – all das bildet einen seltsam produktiven Kontrast zur Gegenwartskunst, die im Inneren der Villa entsteht.

Am 19. Mai wurden die neuen Stipendiatinnen und Stipendiaten offiziell von der Direktorin Nora-Eugenie Gomringer begrüßt. Wahrscheinlich gab es Reden, Wein und vorsichtigen Applaus. Vielleicht stand jemand etwas verloren mit einem Glas im Garten. Vielleicht begann dort schon die erste Zusammenarbeit. Auch für diese Geschichten bietet die Villa Raum. Die eigentliche Arbeit passiert ohnehin später: nachts in Ateliers, in Notizbüchern, zwischen zwei Sprachen, in unfertigen Skizzen. Und vielleicht ist genau das die schönste Vorstellung von diesem Förderprogramm: Dass mitten in einer Zeit permanenter Beschleunigung ein Haus existiert, das Künstlerinnen und Künstlern erlaubt, für ein paar Monate einfach nur genauer hinzusehen, umgeben von Kreativität, die aus alten Mauern atmet.

Weitere Informationen zum Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia sind unter www.villa-concordia.de zu finden.

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