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Das Licht bleibt

Zum Tod von David Hockney, der die Moderne mit Farbe, Blicklust und unerschöpflicher Neugier offenhielt

veröffentlicht am 12.06.2026 | Lesezeit: ca. 5 Min. | von Ludwig Märthesheimer

KÜNSTLERPORTRAIT

KÜNSTLERPORTRAIT, Foto © Foto Jean-Pierre Gonçalves de Lima, © David Hockney

David Hockney ist tot. Mit ihm verliert die Kunst der Gegenwart einen ihrer hellsten, eigensinnigsten und produktivsten Zeugen. Geboren 1937 in Bradford, aufgewachsen im Norden Englands, wurde Hockney zu einem jener seltenen Künstler, deren Werk sofort erkennbar ist, ohne je auf eine einzige Formel zusammenschrumpfen zu können. Er war Pop-Künstler, Zeichner, Porträtist, Bühnenbildner, Fotograf, Landschaftsmaler, Experimentator am iPad – und vor allem ein unermüdlicher Forscher des Sehens.

Sein Ruhm begann in den 1960er-Jahren, als er am Royal College of Art in London studierte und sich mit einer Mischung aus Witz, Trotz und stilistischer Kühnheit gegen die Schwere der Nachkriegsmoderne stellte. Während Andy Warhol die Warenwelt spiegelte und Roy Lichtenstein das Comicbild monumental machte, suchte Hockney nicht die kalte Oberfläche, sondern das leuchtende Gegenüber. Seine Pop Art war nie bloß Zitat, nie bloß Ironie. Sie war von Anfang an persönlicher, verletzlicher, sinnlicher.

Der entscheidende Ortswechsel führte ihn nach Kalifornien. Los Angeles wurde für Hockney nicht nur Kulisse, sondern Befreiungsraum. Dort entstanden die berühmten Poolbilder, darunter „A Bigger Splash“ und „Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)“: Gemälde, in denen Wasser, Architektur, Körper und Licht zu einer neuen Grammatik des modernen Lebens finden. Neben Ed Ruscha oder John Baldessari wirkte Hockney weniger konzeptuell, aber nicht weniger reflektiert. Er dachte über Bilder nach, indem er sie malte.

Hockneys Kunst lebte von Klarheit, doch sie war nie einfach. Seine Räume kippen, Perspektiven öffnen sich, Oberflächen flirren. Er stellte die Zentralperspektive infrage, ohne sich in Theorie zu verlieren. Picasso war für ihn ein großer Bezugspunkt: nicht als Stilvorlage, sondern als Erlaubnis zur Verwandlung. Wie Picasso wechselte Hockney die Mittel, ohne den Kern seines Blicks zu verlieren. Wie Matisse glaubte er an Farbe als geistige Kraft. Doch anders als viele seiner berühmten Kollegen verweigerte er dem Schönen den Verdacht der Naivität. Hockney wusste: Freude kann eine Form der Erkenntnis sein.

Von besonderer Bedeutung bleiben seine Porträts. Freunde, Liebhaber, Eltern, Sammler, Weggefährten – Hockney malte Menschen nicht als psychologische Rätsel, sondern als Gegenwarten im Raum. Seine Bilder sind oft still, manchmal kühl, doch nie gleichgültig. In ihnen liegt eine Zärtlichkeit, die ohne Pathos auskommt. Auch darin unterscheidet er sich von Francis Bacon, dessen Körperbilder von existenzieller Verzerrung leben. Hockney suchte nicht die Wunde, sondern den Blick, der bleibt.

Früh machte er seine Homosexualität sichtbar, lange bevor dies im Kunstbetrieb selbstverständlich war. Diese Offenheit war nicht programmatisch im engen Sinn, aber sie war politisch, weil sie selbstverständlich auftrat. Männerliebe, Begehren, Nähe und Distanz fanden in seinem Werk eine Form, die weder versteckte noch agitierte. Hockney malte ein Leben, das da war.

Seine Neugier bewahrte ihn vor dem Denkmal. In den 1980er-Jahren zerlegte er Fotografie in Polaroid-Collagen, später untersuchte er historische Bildtechniken, arbeitete mit Faxgerät, Kopierer, Video, digitaler Zeichnung und iPad. Andere Künstler seiner Generation wurden von der Gegenwart eingeholt; Hockney ging ihr entgegen. Seine späten Landschaften aus Yorkshire und der Normandie zeigen keinen Rückzug, sondern eine späte Ausweitung. Bäume, Wege, Hecken, Jahreszeiten: Das scheinbar Vertraute wurde bei ihm zu einem Ereignis des Sehens.

Gerade deshalb bleibt Hockney ein Sonderfall. Er war populär, ohne gefällig zu sein. Er war intellektuell, ohne hermetisch zu werden. Er war modern, ohne dem Fortschritt blind zu vertrauen. Neben Warhol erscheint er menschlicher, neben Richter heiterer, neben Lucian Freud leichter, aber nicht weniger ernst. Während Freud den Körper als Last malte, gab Hockney dem Sehen eine Beweglichkeit zurück. Während Richter das Bild misstrauisch befragte, bestand Hockney darauf, dass Welt noch immer angeschaut werden kann.

Sein Werk umfasst sieben Jahrzehnte und zahllose Medien, doch sein eigentliches Thema blieb konstant: Wie sehen wir? Wie erinnern wir? Wie verwandelt Licht eine Fläche in Erfahrung? Hockney beantwortete diese Fragen nicht mit Manifesten, sondern mit Bildern, die ihre Intelligenz unter der Oberfläche der Schönheit tragen.

David Hockney hat die zeitgenössische Kunst nicht durch Bruch allein geprägt, sondern durch Beharrlichkeit, Offenheit und Lust an der Wahrnehmung. Sein Tod beendet ein großes Künstlerleben. Sein Blick aber bleibt gegenwärtig: in Blau, Grün, Rosa, in Fenstern, Pools, Gesichtern, Bäumen – und in der einfachen, radikalen Annahme, dass die Welt noch immer wert ist, gesehen zu werden.

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