Hintergrund

Dirigenten als Impulsgeber und Inspiratoren

Jakub Hrůša über die Kunst des Dirigierens, die Mahler Competition und die Verantwortung musikalischer Führungspersönlichkeiten

veröffentlicht am 13.09.2026 | Lesezeit: ca. 7 Min. | von Martin Köhl

Jakub Hrůša, Chefdirigent der Bamberger Symphoniker

Jakub Hrůša, Chefdirigent der Bamberger Symphoniker, Foto © Andreas Herzau

Seit seiner Gründung im Jahr 2004 hat sich der Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker, international als „The Mahler Competition“ bekannt, zu einem der prestigeträchtigsten Wettbewerbe dieses Typus entwickelt. Im Dreijahresrhythmus ausgerichtet, erlebte er nun seine achte Ausgabe. Mitglied der prominent besetzten Jury ist selbstverständlich auch Jakub Hrůša, der seit zehn Jahren an der Spitze der Bamberger Symphoniker steht. Erst kürzlich wurde er als „Artist of the Year“ bei den International Classical Music Awards ausgezeichnet und mit dem Bayerischen Verdienstorden geehrt. Anlass genug, mit dem Spitzendirigenten über die Mahler Competition, den Dirigentennachwuchs und die unterschiedlichen Anforderungen des Konzert- und Operndirigats zu sprechen.

Herr Hruša, Sie sind zurzeit hin- und hergerissen zwischen Operndirigat und symphonischem Dirigat. Einerseits eine konzertante „Jenufa“ in Bamberg, andererseits ein symphonisch orientierter Dirigentenwettbewerb, also die „Mahler Competition“. Nicht zu vergessen das eigentliche Operndirigat im Orchestergraben eines Theaters, künftig für Sie vor allem im Londoner Covent Garden. Wie groß ist der Unterschied zwischen symphonischem und musiktheatralischem Dirigat?

Na ja, je nachdem, welches Repertoire man macht, ob man z.B. eine Oper von Richard Wagner dirigiert und andererseits eine Symphonie von Gustav Mahler. Da ist der Unterschied nicht so groß. Aber wenn man z.B. eine Oper von Vincenzo Bellini vergleicht mit einer Symphonie von Johannes Brahms, dann ist der Unterschied wahnsinnig groß, das sind einfach verschiedene Welten. Es geht also um das Repertoire und damit auch um die Komplexität der Werke. Sowohl in der Vorbereitung, als auch im Event, also der Aufführung selbst, ist das nicht vergleichbar aufgrund der unterschiedlichen Komplexität der Werke. Es geht also zunächst um das Repertoire, auf das wir schauen.

Wenn man den „Parsifal“ vergleicht mit der Aufführung von drei Mahler-Symphonien an einem Abend, dann merkt man, dass es um unterschiedliche Dimensionen geht.

Prinzipiell, also geistig, ist es allerdings dasselbe. Was der Dirigent initiiert, was er repräsentiert, was er künstlerisch erbringen sollte, das ähnelt sich doch sehr, das muss man ganz ehrlich sagen.

Und wichtig ist freilich auch, was von „oben“ kommt, also welche Organisationsform in einem Hause herrscht.

Das so genannte Repertoiretheater, das in Zentraleuropa vorherrscht, also namentlich in Deutschland und Österreich, ist ein anderes „Organisationstier“ als der Londoner Covent Garden. Das dortige Stagione-Prinzip ist ähnlicher unserer Arbeit in Bamberg, wo man zusammenkommt, um ein Programm einzustudieren, das dann ein paar Mal präsentiert wird, als Abokonzert in Bamberg oder als Gastspiel andernorts.

Ist es schwierig, von der einen Welt in die andere zu wechseln, also von der Oper zum Konzert oder umgekehrt?

Eigentlich nicht, aber natürlich ist der Weg vom Opernhaus zum Konzertsaal etwas einfacher wegen des schon erwähnten anderen Komplexitätsgrades. Allerdings sollte man nicht glauben, dass die symphonische Welt nur rein instrumental ist. Mit dem vokalen Kosmos hat das symphonische Dirigat zwangsläufig viel zu tun, denn abseits des Opernrepertoires warten ja auch Orchesterlieder und Kantaten auf ihre Darstellung im Konzertsaal.

Ist der Gewinner oder die Gewinnerin einer „Mahler Competition“ automatisch auch qualifiziert für das Operndirigat?

Natürlich nicht automatisch, aber er oder sie hat gewiss bei einem solchen Wettbewerbserfolg die besten Voraussetzungen dafür. Beim Operndirigat kommt es aber nicht nur auf das dirigiertechnische Können an, es braucht darüber hinaus eine Gabe, die ich mit „Instinkt“ bezeichnen würde. Da hier die Arbeit mit den Sängern besonders viel Zeit in Anspruch nimmt, kann es sein, dass Dirigenten die Detailarbeit im instrumentalen Bereich etwas vernachlässigen und sich auf die Routine der Orchestermusiker verlassen. Man muss ganz einfach Schwerpunkte setzen und auch mal was weglassen können. Im Übrigen hängt der Erfolg bzw. die Überzeugungskraft eines Opernabends in höherem Maße vom Dirigenten ab als andernorts. Er hat hier wirklich große Macht, weil er das ganze Theatergeschehen domestizieren, in eine bestimmte Richtung bringen und bündeln muss. Er ist der zentrale Impulsgeber und Inspirator. In einem Symphoniekonzert reichen die Qualitäten und die Erfahrung der Musikerschaft fast alleine schon aus, um einen gelungenen Abend zu garantieren. Die Rolle der Dirigentin oder des Dirigenten hat nicht jene elementare Bedeutung wie im Musiktheater.

Ist es sinnvoll, sich im Kapellmeister-Studium früh für die eine oder andere Richtung zu entscheiden, oder ist die Ausbildung grundsätzlich dieselbe?

Sie ist im Prinzip identisch, zumal zum symphonischen Repertoire auch Orchesterlieder und Oratorien gehören, bei denen eine qualifizierte Arbeit mit Vokalsolisten oder sogar Chören unabdingbar ist. Nein, die Orchestermusik kann man nicht vom Vokalen trennen, umso mehr, als sich manche Instrumente ja an der menschlichen Stimme orientieren. Der Hauptunterschied liegt natürlich in der Frage, wie groß der Theateranteil ist, also vor allem in die Frage, ob es eine Regie gibt.

Wie wichtig ist für das Operndirigat die Vertrautheit mit sängerischen Techniken, mit den Klangfarben, mit der Dynamik, mit dem Atmen?

Das Vokale ist super wichtig für die Orchesterarbeit. Ein Klangkörper, der keinen Bezug zum Vokalen hat, vermisst etwas. Es ist ja der Urgrund des Musizierens, denn die meisten Instrumente haben ja den Anspruch, die Stimme des Menschen zu imitieren. Deswegen ist es so wichtig, die bereits genannten musikalischen Formen zu pflegen, darüber hinaus auch Oper konzertant, wie wir es gerade mit der „Jenufa“ gemacht haben.

Was macht die unterschiedliche Platzierung des Klangkörpers – Orchestergraben im Theater versus Bühne im Konzertbetrieb – aus? Gerade die „weiße“ Akustik des Keilberthsaales birgt ja die Gefahr der Bevorzugung des Höhenbereiches und damit die Überforderung der Frauenstimmen.

Die Antwort ist ganz einfach: Eine optimale Klangbalance zwischen vokalem und instrumentalem Bereich herzustellen, ist Aufgabe des Dirigats, also der künstlerischen Leitung, die den Raum aushören und die dynamischen Verhältnisse „ordnen“ muss. Der Vorteil konzertanter Aufführungen von Opernmusik ist, dass die theaterspezifischen Kompromisse wegfallen. Auf der Opernbühne müssen sich die Vokalisten bewegen, sich manchmal vom Dirigenten abwenden, in die "falsche" Richtung oder gar im Liegen singen. Auf dem Konzertpodium hingegen ist alles fokussiert und daher vom Dirigierpult aus leichter zu beherrschen.

Vielen Dank, Herr Hrůša, für die interessanten Einblicke!

Jakub Hr?ša

Lebenslauf

  • Geboren: 1981 in Brünn (Tschechien)

  • Studium an der Akademie der musischen Künste in Prag

  • war Erster Gastdirigent des Philharmonia Orchestra, des Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia und des Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra
  • Bamberger Symphoniker: Chefdirigent seit 2016 (Vertrag verlängert bis 2028/29)

  • Royal Opera House (London): Musikdirektor seit September 2025

  • Tschechische Philharmonie: designierter Chefdirigent und Musikdirektor (ab 2028)

  • Jurymitglied der internationalen „Mahler Competition“

Auszeichnungen und Preise (Auswahl)

  • Artist of the Year – International Classical Music Awards (2026)

  • Tschechische Verdienstmedaille für sein Engagement für Musik (2025) 

  • Ehrenmitgliedschaft der Royal Academy of Music in London (2023)

  • OPUS KLASSIK-Dirigent des Jahres 2023

  • Bayerischer Staatspreis für Musik (gemeinsam mit den Bamberger Symphonikern)

  • Antonín-Dvořák-Preis der Tschechischen Akademie für klassische Musik (2020)

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