Hintergrund

„Theater ist ein Ort des Miteinanders – deshalb überlebt es seit 2.500 Jahren“

Theaterleiter Christof Wahlefeld über eine Bühne im Ausnahmezustand, kreative Improvisation und die Hoffnung auf einen Neuanfang

veröffentlicht am 02.09.2026 | Lesezeit: ca. 5 Min.

Das Theater der Stadt Schweinfurt

Das Theater der Stadt Schweinfurt, Foto © Christoph Thein

Das Theater der Stadt Schweinfurt lebt seit Jahren im Provisorium. Nun kommt der Sparkurs der Stadt hinzu. Ist das die schwerste Phase seit Beginn der Sanierung?

Es kommen gerade mehrere Krisen gleichzeitig zusammen. Die Sanierung selbst ist finanziell abgesichert – das ist die gute Nachricht. Die schlechte lautet: Der Zeitplan gerät ins Rutschen. Der ursprünglich anvisierte Eröffnungstermin im Herbst 2027 wird neu berechnet. Wann wir ins Große Haus zurückkehren können, ist offen.

Noch unmittelbarer trifft uns die Haushaltslage. Der Theateretat ist massiv geschrumpft – und das bleibt nicht abstrakt, sondern wird für das Publikum sichtbar. Bis zum 31. Dezember 2026 können wir nur noch das Weihnachtsmärchen und unser traditionelles Weihnachtssingen selbst veranstalten. Alles andere muss neu gedacht werden.

Gerade in dieser Situation zeigt sich aber auch, wie erfinderisch ein Theater sein kann. Aus den alten Sitzbezügen entstehen Taschen und Kissenbezüge – ein Stück Theater für zu Hause. Wir bauen die Zusammenarbeit mit Schulen aus und fragen uns jeden Tag neu: Was kann ein Theater noch sein, außer ein Ort für Vorstellungen? So unerquicklich die Lage ist – sie setzt auch Kreativität frei.

Wie fühlt sich ein Theater an, das seit Jahren auf seine Rückkehr wartet?

Ich würde nicht von einem Überlebenskampf sprechen. Eher von einem Kampf um Sichtbarkeit. Wir werden auch 2027 noch im Interim spielen. Gleichzeitig endet mit der vergangenen Spielzeit eine Ära. Alles, was wir bis zuletzt zeigen konnten, war bereits Jahre zuvor vertraglich vereinbart. Nun beginnt ein Bruch. Eigentlich planen wir zwei bis drei Jahre im Voraus. Doch solange niemand weiß, wie groß der Etat sein wird, bleibt jeder Spielplan vorläufig. Wir jonglieren mit Gastspielen, Terminen und Möglichkeiten – immer in der Hoffnung, dass Ende November mit den Haushaltsberatungen neue Planungssicherheit entsteht.

Manche fragen sich inzwischen, ob das Theater während der Sanierung nicht stärker auf Vermietungen und Fremdveranstaltungen setzen müsste.

Solche Veranstaltungen helfen uns durchaus. Wenn die Domspatzen – auch aus Verbundenheit – sich selbst veranstaltend auftreten oder andere externe Veranstalter das Haus mieten, verschafft uns das Luft. Aber daraus kann kein Geschäftsmodell werden.

Ein Theater ist kein Kongresszentrum. Würden wir den Schwerpunkt dauerhaft auf Fremdveranstaltungen legen, müssten wir den gesamten Betrieb neu organisieren – und würden unseren eigentlichen Auftrag infrage stellen. Unser Ziel ist ein anderes: Wir wollen Theater machen. Und wir wollen den 23 Menschen, die hier arbeiten und auch in der Krise beschäftigen wollen, darüber hinaus eine Perspektive geben.

Immer wieder steht Kultur in Sparzeiten unter Rechtfertigungsdruck. Warum lohnt es sich gerade jetzt, am Theater festzuhalten?

Weil Theater etwas leistet, was kaum ein anderer Ort kann. Seit rund 2.500 Jahren gibt es Theater. Es entstand im antiken Griechenland als Raum demokratischer Öffentlichkeit und hat Monarchien, Diktaturen und Revolutionen überdauert. Heute behauptet es sich gegenüber Streamingplattformen und digitaler Unterhaltung. Warum? Weil Menschen dort zusammenkommen. Sie erleben gemeinsam Kunst, streiten darüber und denken weiter. Theater schafft Öffentlichkeit – im besten Sinne des Wortes.

Deshalb bin ich überzeugt, dass die jetzigen Einschnitte eine Übergangsphase bleiben. Niemand investiert eine so große Summe, darunter etwa 47 Millionen Euro Fördermittel des Freistaats Bayern, in die Sanierung eines Hauses, um es anschließend leer stehen zu lassen. Im Gegenteil: Die Förderung ist an die klare Erwartung geknüpft, dass dort wieder regelmäßig Theater gespielt wird. Wenigstens 100 Vorstellungen pro Jahr!

Diese Durststrecke ist also schmerzhaft. Aber sie ist endlich.

Und wenn sich der Vorhang im sanierten Haus wieder hebt – wofür soll das Theater Schweinfurt dann stehen?

Für Begegnung.

Ich glaube, wir unterschätzen oft, welche verbindende Kraft Theater entfalten kann. Hier setzen wir uns mit Kunst auseinander – und immer auch mit uns selbst. Das Haus soll Menschen zusammenbringen, unabhängig davon, ob sie wegen der „Rocky Horror Show“, eines anspruchsvollen Kammerkonzerts oder einer migrantischen Theaterproduktion kommen, mit der wir zuletzt überaus positive Erfahrungen gemacht haben.

Genau darin liegt die Zukunft: ein offenes Theater, das unterschiedliche Lebenswelten zusammenführt und zeigt, dass Kultur nicht trennt, sondern verbindet. Ein Gastspiel-Treffpunkt, der ein facettenreiches, wertvolles Kulturprogramm in einem frisch sanierten, dafür ausgezeichnet ausgestatteten Haus zur persönlichen Begegnung einlädt.

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