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Geometrie neu gedacht

Museum Würth 2 zeigt Werkschau zum 100. Geburtstag in Künzelsau

veröffentlicht am 23.09.2026 | Lesezeit: ca. 3 Min. | von Ludwig Märthesheimer

Ausstellungsansicht von „Die Vielseitigkeit der Geometrie. François Morellet zum 100. Geburtstag, rechts mit François Morellets, Sphère-trames, 1962, Edelstahl, ø 60 cm, Sammlung Würth, Inv. 6626

Ausstellungsansicht von „Die Vielseitigkeit der Geometrie. François Morellet zum 100. Geburtstag, rechts mit François Morellets, Sphère-trames, 1962, Edelstahl, ø 60 cm, Sammlung Würth, Inv. 6626, Foto © Ufuk Arslan

Wenn ein Künstler mit hundert Jahren noch immer als Provokateur der Ordnung gilt, hat er etwas richtig gemacht. François Morellet, 1926 in Cholet geboren, war zeitlebens Autodidakt – und gerade das machte ihn zu einem der konsequentesten Vertreter der Konkreten Kunst. Das Museum Würth 2 in Künzelsau würdigt ihn nun mit der Ausstellung „Die Vielseitigkeit der Geometrie“, die seit dem 8. März 2026 und noch bis zum 24. Januar 2027 im lichten Atrium des Hauses zu sehen ist.

Rund 25 teils mehrteilige Arbeiten aus der Sammlung Würth zeichnen einen Bogen durch Morellets Schaffen: von systematischen Kompositionen über spielerische Versuchsanordnungen bis zur Lichtkunst, mit der er in den 1960er-Jahren zu den Pionieren zählte. In Dialog treten seine Werke mit denen von vierzehn weiteren Positionen der geometrischen Abstraktion – darunter Anni Albers, Max Bill, Günter Fruhtrunk, Almir Mavignier und Aurélie Nemours.

Was Morellets Werk trägt, sind selbstgesetzte Regeln: Aneinanderreihung, Überlagerung, Zufall, Interferenz, Fragmentierung – Prinzipien, denen er sich mit fast mathematischer Konsequenz unterwarf. Von der Malerei kommend, zählte er zu den Hauptvertretern der Op-Art und gehörte in Paris 1961 zu den Mitbegründern der Künstlergruppe GRAV (Groupe de recherche d'art visuel). Später realisierte er zudem zahlreiche Projekte im öffentlichen Raum, etwa für den Louvre oder das Paul-Löbe-Haus des Bundestags in Berlin.

Und doch ist da ja ein Witz, der die Strenge unterläuft. Morellet liebte das Wortspiel im Französischen: Der Titel „π piquant n° 1, 1 = 10°, 51 Dezimalen“ verweist zugleich auf die Kreiszahl π und auf das Wort „piquant“ – prickelnd, aber auch stachelig. Auch die berühmte Serie „Zufällige Verteilung von 40.000 Quadraten, den geraden und ungeraden Ziffern eines Telefonbuchs folgend“ lebt von dieser Ambivalenz aus Ordnung und Chaos. „Mir gefiel, dass diese Störungen, diese Unfälle aus einem programmierten Zufall heraus entstanden und nicht aus der Subjektivität meiner Künstlerlaune“, erklärte Morellet 1984 – eine Haltung, die seine gesamte Werkgruppe grundiert.

Die Schau ist eingebettet in ein Haus, das selbst mit Licht arbeitet: Das helle, teils tageslichtdurchflutete Atrium bildet einen passenden Resonanzraum für Morellets Auseinandersetzung mit Struktur und Helligkeit. Parallel läuft in der Ausstellung „Focus“ noch bis Frühjahr 2028 ein weiterer, intensiver Blick auf die gesamte Sammlung Würth – das Haus erweist sich damit gleich zweifach als Ort der Wiederentdeckung.

Weitere Informationen zur Ausstellung findet man unter www.kunstkultur.wuerth.com.

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