Oper passt in jede Tasche
Ein Band erzählt von fünfzig Jahren Opernungehorsam
veröffentlicht am 01.10.2026 | Lesezeit: ca. 2 Min. | von Ludwig Märthesheimer
Wer Wagner in den Waschsalon schickt, Gluck mit Saxofonen kreuzt und die Götterdämmerung zwischen Grillzange und Hawaiihemd ansiedelt, hat sich um die Ehrfurcht vor dem Bildungskanon nie geschert. Seit 1974 beweist die Nürnberger Pocket Opera Company, dass man Oper verkleinern kann, ohne sie kleinzumachen.
Der von Franz Killer, Florian Reichart und Beat Wyrsch herausgegebene Band erzählt von Deutschlands ältestem freien und mobilen Musiktheater. Essays, Chroniken und Fotografien ergeben ein vielstimmiges Porträt. Im Zentrum steht das „Dreigestirn“ Elizabeth Kingdon, David Seaman und Beat Wyrsch. Aus der Flucht vor den Routinen des Stadttheaters erwuchs eine Institution des Ungehorsams.
Stark ist das Buch, wenn es die ästhetische Haltung sichtbar macht: Spielorte waren nie Kulisse, sondern Mitspieler. Fabrikhallen, Zirkuszelte, Kinos oder Waschsalons zwangen die Werke, sich zur Gegenwart zu verhalten. Dazu kam die Lust an verschütteten Partituren und brisanten Stoffen. So erscheint die POC weniger als Oper im Taschenformat denn als Stachel im Fleisch des Repertoirebetriebs.
Ganz entkommt der Band dem Jubiläumston nicht. Manches Statement verbeugt sich zu tief, manche Detailfülle gehört eher ins Archiv. Doch auch prekäre Finanzierung und die Abwehr des etablierten Betriebs werden benannt. Treffend heißt es, der Tanker sei eifersüchtig auf das Rettungsboot gewesen.
Das Buch ist mehr als die Bilanz von fünfzig wilden Jahren. Es zeigt, wie aus Improvisation Beharrlichkeit und aus Randständigkeit Bedeutung wird. Und erinnert daran: Oper lebt dort, wo man ihr etwas zumutet.
Franz Killer, Florian Reichart, Beat Wyrsch (Hg.): Die Pocket Opera Company. ars vivendi, 2026, 264 Seiten, 40 Euro. ISBN 978-3-7472-0754-3.