Der Wolf im Schafspelz der Vorstadt
Madeline Cashs Debüt seziert eine amerikanische Familie zwischen Ehekrise und Verschwörungswahn
veröffentlicht am 15.10.2026 | Lesezeit: ca. 3 Min. | von Ludwig Märthesheimer
Buchcover Madeline Cash: Verlorene Schäfchen, Foto © Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Muenchen
Die amerikanische Vorstadtidylle ist ein literarisches Trümmerfeld, auf dem sich seit den Simpsons und Malcolm mittendrin trefflich wildern lässt. Madeline Cash, Mitgründerin des Online-Magazins „Forever Mag“ und bereits mit dem Erzählband „Earth Angel“ aufgefallen, wagt sich mit ihrem vielbeachteten Debütroman „Verlorene Schäfchen“ dennoch beherzt in dieses überstrapazierte Terrain – und zieht daraus tatsächlich noch Funken.
Im Zentrum steht die Familie Flynn, äußerlich ein Musterbeispiel amerikanischer Sonntagskirchgänger-Normalität, innerlich längst ein Trümmerhaufen. Mutter Catherine öffnet in einer Sinnkrise die Ehe, Vater Bud zieht ins Auto in der Garage und sucht Trost in einer Selbsthilfegruppe, die dem Roman seinen Titel leiht. Die drei Töchter treiben es nicht minder wild: Die jüngste wittert eine Weltverschwörung, eine zweite verheddert sich in einer fragwürdigen Online-Beziehung, die dritte datet einen schweigsamen jungen Mann mit zweifelhaftem Spitznamen. Über allem thront, natürlich, ein zwielichtiger Milliardär.
Cash erzählt das mit einer Lakonie, die hierzulande und in den USA gleichermaßen für Furore gesorgt hat, überzeichnet ihre Figuren bis zur Karikatur und lässt sie doch, wie durch einen Kunstgriff, seltsam lebendig und verletzlich wirken. In der klugen Übersetzung von Sophie Zeitz trägt der trockene, oft bösartige Witz weite Strecken des Buches, ehe die Handlung eine Wendung ins Verschwörungsgroteske nimmt, die nicht allen Kritikern behagt hat – zumal Cashs frühere Nähe zu New Yorks „antiwoker“ Szene den vermeintlichen Klamauk in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Ob man diesen Kniff als mutige Zuspitzung liest oder als Koketterie mit gefährlichem Gedankengut, bleibt am Ende Geschmackssache. Als Familienroman über Lügen, Sehnsucht und die mühsame Kunst des Zusammenraufens funktioniert „Verlorene Schäfchen“ dennoch verblüffend gut – ein Buch, das lauter lacht, als es einem manchmal lieb ist, und einen dabei doch nicht kalt lässt.
Madeline Cash: Verlorene Schäfchen, Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Sophie Zeitz. Penguin Verlag, München 2026, 320 Seiten, gebunden, 24,00 Euro. ISBN 978-3-328-60451-8. Originaltitel: Lost Lambs, 2026 bei Farrar, Straus and Giroux, New York, erschienen.