Szene

Bamberg swingt in den Herbst

Der Jazzclub verbindet im September Gypsy Swing, Boogie und mutige Klangexperimente

veröffentlicht am 07.09.2026 | Lesezeit: ca. 9 Min. | von Ludwig Märthesheimer

Christoph Steinbach

Christoph Steinbach, Foto © Christoph Steinbach

Der September ist im Jazzclub Bamberg kein Monat des behutsamen Saisonbeginns. Das Programm startet unter freiem Himmel, öffnet anschließend die Bühne für Entdeckungen und führt schließlich von den Salons der 1920er-Jahre über handfesten Boogie bis zu einem ungewöhnlichen Zwiegespräch zwischen Vibraphon und Posaune. Fünf Abende zeigen dabei, wie weit sich der Begriff Jazz fassen lässt – vorausgesetzt, Neugier und Spielfreude behalten das letzte Wort.

Den Auftakt macht am Donnerstag, 10. September, JazzHouse in der KulturGärtnerei. Die fünf Musiker aus Bamberg und der Rhön spielen seit beinahe 30 Jahren zusammen – eine Beständigkeit, die im schnelllebigen Musikbetrieb fast schon selbst als Stilrichtung gelten könnte. Mr. Burger am Schlagzeug, Christian Wurm am Bass, Markus Flügel am Piano, Martin Schmelzer an der Gitarre und Tenorsaxofonist Martin Jakubaß setzen auf groovenden Feelgood-Jazz, eigene Kompositionen und Standards, die nicht ehrfürchtig konserviert, sondern eigenwillig bearbeitet werden. Seit diesem Sommer erweitert Sängerin Anna-Lena den Bandsound.
Das Konzert entsteht in Kooperation mit der IG Aktive Mitte und gehört zu deren Feierabendtreff in der KulturGärtnerei. Zwischen Rostscheune, geöffnetem Tor und Bar darf der Jazz hier jene unkomplizierte Geselligkeit entfalten, aus der er historisch einen guten Teil seiner Kraft bezogen hat: Musik nicht als zeremonieller Programmpunkt, sondern als selbstverständlicher Bestandteil eines gemeinsamen Abends.
JazzHouse spielt am 10. September von 18.30 bis 21.30 Uhr in der KulturGärtnerei, Rostscheune, Färbergasse 28. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.

Bühne frei für neue Töne
Am Mittwoch, 16. September, gehört der Jazzkeller allen, die nicht nur zuhören möchten. Bei der Jazzclub Open Stage können Bands eigene Stücke erproben, einzelne Musikerinnen und Musiker erstmals miteinander spielen oder spontane Formationen für einen Abend entstehen lassen. Flügel, Schlagzeug und Bassverstärker stehen bereit, auch Gesang ist möglich.
Solche Abende sind mehr als eine freundliche Ergänzung des Konzertbetriebs. Die offene Bühne erinnert an ein Grundprinzip des Jazz: Musik entsteht nicht allein im Probenraum, sondern in der Begegnung – und gelegentlich gerade dann, wenn vorher noch niemand genau weiß, wohin sie führen wird. Für das Publikum liegt der Reiz darin, Zeuge dieses offenen Prozesses zu sein. Nicht jeder Ton muss bereits für die Ewigkeit gedacht sein; manchmal genügt es, wenn er im richtigen Moment fällt.
Die Open Stage beginnt am 16. September um 20 Uhr im Jazzclub Bamberg. Bühne und Eintritt sind frei.

Wenn Debussy auf Django trifft
Der erste große Konzertabend des Monats folgt am Samstag, 19. September. Julia Hornung & Collectif Django bringen ein Programm nach Bamberg, das elegante Klassik und Gypsy Swing nicht nebeneinanderstellt, sondern miteinander ins Gespräch bringt. Die Frage, was Claude Debussy und Django Reinhardt gemeinsam haben könnten, wird dabei weniger musikwissenschaftlich als praktisch beantwortet: durch Improvisation, Verwandlungslust und ein Klangbild, das zwischen Pariser Salon, Konzertsaal und nächtlichem Jazzclub changiert.
Im Zentrum steht die Münchner Bassistin Julia Hornung. Sie studierte Jazz-E-Bass und Jazz-Kontrabass an der Hochschule für Musik und Theater München und gehört zu den profilierten Akteurinnen der deutschen Jazz-Manouche-Szene. 2021 erhielt sie den BMW Young Artist Jazz Award. Hornungs Spiel lebt nicht von vordergründiger Virtuosität, sondern von klanglicher Beweglichkeit, rhythmischer Präzision und jener ruhigen Präsenz, die ein Ensemble tragen kann, ohne sich permanent in den Vordergrund zu drängen.
Gemeinsam mit Giangiacomo Rosso an der Sologitarre und Raffael Müller an der Rhythmusgitarre bildet sie ein Trio, das die Tradition Django Reinhardts nicht museal verwaltet. Als Gast kommt der britische Geiger Ben Holder hinzu. Holder begann bereits mit sechs Jahren eine klassische Ausbildung und studierte später am Birmingham Conservatoire. In seiner Jugend entdeckte er über Benny Goodman, Oscar Peterson und vor allem Stéphane Grappelli den Jazz. Aus dieser doppelten Herkunft – klassischer Technik und ausgeprägtem Swing-Gefühl – bezieht sein Spiel seine besondere Energie.
Dass eine Geige im Jazz zugleich singen, antreiben und Funken schlagen kann, dürfte an diesem Abend kaum zu überhören sein. Holder ist nicht nur ein technisch brillanter Instrumentalist, sondern ein Musiker mit ausgeprägtem Sinn für Bühnenwirkung. Mit Collectif Django trifft er auf eine Formation, die genau jene Beweglichkeit besitzt, die es braucht, um zwischen französischer Eleganz, kammermusikalischer Feinzeichnung und rhythmischem Feuer zu wechseln.
Das Konzert beginnt am 19. September um 20 Uhr im Jazzclub Bamberg. Der Eintritt kostet regulär 30 Euro, ermäßigt und für Mitglieder 15 Euro.

Boogie ohne Schonprogramm
Am Freitag, 25. September, rückt das Klavier ins Zentrum. Christoph Steinbach, auch als „Boogie Wolf“ bekannt, stammt aus Kitzbühel und zählt seit vielen Jahren zu den markanten Persönlichkeiten der österreichischen Boogie-Szene. Seine musikalische Initialzündung verdankt er einer unbeschrifteten Kassette mit Vince Webers „I’m the Boogie Man“. Später erschloss er sich die Musik von Pete Johnson und Axel Zwingenberger noch auf jene geduldige Weise, die im Zeitalter digitaler Tutorials beinahe archaisch erscheint: Platte auflegen, Nadel zurücksetzen, Passage heraushören und so lange probieren, bis die Finger verstanden hatten.
Aus dieser Schule stammt Steinbachs ebenso kraftvolles wie rhythmisch präzises Spiel. Um die Jahrtausendwende machte er den Boogie zum Hauptberuf; 2003 folgte eine Tournee im Duo mit Eric Burdon. Im Laufe seiner Karriere arbeitete er außerdem mit Musikern wie Pete York, Chris Barber, Chris Farlowe und Mungo Jerry zusammen.
In Bamberg tritt Steinbach mit dem Innsbrucker Schlagzeuger Wolfi Rainer auf. Das Duo bleibt zwar fest in Boogie, Blues und Swing verwurzelt, behandelt diese Traditionen jedoch nicht als starres Regelwerk. Improvisatorische Wendungen, spontane Dynamiksprünge und Steinbachs unmittelbare Bühnenpräsenz sorgen dafür, dass aus historischen Idiomen Musik der Gegenwart wird. Wer Boogie lediglich für ein zuverlässiges Mittel gegen stillstehende Füße hält, dürfte sich bestätigt fühlen – und zugleich erleben, wie viel Raffinesse in dieser scheinbar so direkten Musik steckt.
Das Christoph Steinbach Boogie Duo spielt am 25. September um 20 Uhr im Jazzclub Bamberg. Der Eintritt beträgt regulär 24 Euro, ermäßigt und für Mitglieder 14 Euro.

Zwei Instrumente, viel Raum
Zum Abschluss des Septemberprogramms verlässt der Jazzclub am Samstag, 26. September, seinen angestammten Keller. In der Klosterkirche St. Michael begegnen sich Christopher Olesch am Vibraphon und Erik Konertz an der Posaune. Schon die Besetzung ist ein Versprechen: zwei Instrumente mit warmem, zugleich transparentem Klang, aber ohne die übliche Absicherung durch Klavier, Bass oder Schlagzeug.
Das 2019 in Bremen gegründete Olesch:Konertz Duo hat aus dieser vermeintlichen Lücke eine eigene musikalische Sprache entwickelt. Beide Musiker studierten gemeinsam an der Hochschule für Künste Bremen und leben inzwischen in Hamburg. Ihre Kompositionen verbinden Modern Jazz mit Rock, Funk und freien Passagen. Mal übernimmt das Vibraphon die harmonische Grundierung, mal wird die Posaune zum rhythmischen Gegenüber; dann wieder lösen sich die vertrauten Aufgabenverteilungen vollständig auf.
Das Debütalbum „New Places“, erschienen im September 2025 beim von Nils Wogram gegründeten Label nWog Records, beschreibt diese Musik als autobiografische Reise zweier Musiker, deren Wege sich seit der Schulzeit immer wieder kreuzten. Tatsächlich wirkt das Zusammenspiel weniger wie ein klassisches Solist-und-Begleiter-Modell als wie ein fortgesetztes Gespräch. Lyrische Ruhe kann unvermittelt in rhythmische Intensität kippen, ein gemeinsamer Klang sich in zwei widerstreitende Linien teilen – und aus scheinbar spärlichen Mitteln eine erstaunliche Fülle entstehen.
Der Kirchenraum von St. Michael dürfte diesem Dialog eine zusätzliche Dimension verleihen. Wo jeder Ton länger nachhallt und Pausen plötzlich Gewicht bekommen, wird aus der ungewöhnlichen Instrumentierung ein akustisches Experiment mit Raum und Resonanz. Das Konzert ist die erste Kooperation des Jazzclubs Bamberg mit den Rosengartenserenaden.
Das Olesch:Konertz Duo spielt am 26. September um 20 Uhr in der Klosterkirche St. Michael in Bamberg. Der Eintritt kostet regulär 19 Euro, ermäßigt und für Mitglieder des Jazzclubs 9 Euro. Mitglieder werden gebeten, ihren Ausweis mitzubringen. Karten sind über die Rosengartenserenaden erhältlich.
Damit entwirft der Jazzclub Bamberg im September ein kleines Panorama der improvisierten Musik: lokal verwurzelt und international besetzt, traditionsbewusst und experimentierfreudig, gesellig, virtuos und offen für den noch nicht geplanten Ton. Mehr stilistische Spannweite lässt sich in fünf Abenden kaum unterbringen.

Weitere Informationen und Tickets gibt es wie immer unter www.jcbamberg.de. Den Programmflyer kann man sich hier herunterladen!

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