Hintergrund

Ein vertrauter Mensch am Pult

Zum Tod des Bamberger Ehrendirigenten Herbert Blomstedt

veröffentlicht am 05.11.2026 | Lesezeit: ca. 5 Min. | von Ludwig Märthesheimer

Herbert Blomstedt beim Eröffnungskonzert der Leipziger Buchmesse 2023

Herbert Blomstedt beim Eröffnungskonzert der Leipziger Buchmesse 2023, Foto © Amrei-Marie / Wikimedia Commons (commons.wikimedia.org), Lizenz: CC BY-SA 4.0 (creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de)

Sein Name stand noch im Programm. Für den 20. und 21. Februar 2027 hatten die Bamberger Symphoniker zwei Konzerte mit Herbert Blomstedt angekündigt: Schuberts Dritte und die „Große C-Dur-Symphonie“. Noch einmal gemeinsam musizieren, noch einmal hören, was sich in diesen vertrauten Werken entdecken lässt. Nun werden diese Begegnungen nicht mehr stattfinden. Herbert Blomstedt ist am 4. November im Alter von 99 Jahren in seinem Zuhause in Göteborg im Kreis seiner Familie gestorben. Für Bamberg endet damit eine Beziehung, die über Jahrzehnte zum musikalischen Leben der Stadt gehörte.

Am 18. Dezember 1982 stand er erstmals am Pult der Bamberger Symphoniker. Damals war er Chefdirigent der Staatskapelle Dresden. Aus dem Gastspiel wurde eine beständige Zusammenarbeit; 2006 ernannte ihn das Orchester zum Ehrendirigenten. Mehr als 200 gemeinsame Konzerte kamen zusammen, in Bamberg und weit darüber hinaus. Hinter dieser Zahl stehen Proben, Reisen, wiederholte Begegnungen und ein Vertrauen, das sich über Jahre bilden konnte. Blomstedt gehörte zu jenen Musikern, deren Wiederkehr einem Orchester Gelegenheit gibt, an einem lange geführten Gespräch weiterzuarbeiten.

Der Titel des Ehrendirigenten bezeichnete hier eine lebendige Verbindung. Blomstedt kam zurück, studierte Partituren, stellte Fragen und blieb neugierig. Die Bamberger zählen ihn ausdrücklich zu den Persönlichkeiten, die ihre Beethoven-Tradition über Jahrzehnte geprägt haben. Wer über den Klang und die Geschichte dieses Orchesters spricht, wird deshalb auch von ihm sprechen müssen. Seine Arbeit ist Teil dessen, was von einer Musikergeneration an die nächste weitergegeben wird: eine Vorstellung von Zusammenhang, Genauigkeit und gemeinsamem Hören.

Dabei konnte man über den großen Musiker leicht den interessierten Menschen kennenlernen. In ihrem Abschied erinnern die Symphoniker daran, dass Blomstedt oft mit einem großen, leeren Koffer nach Bamberg kam. Zwischen Proben und Konzerten besuchte er die Antiquariate; auf der Rückreise war der Koffer gefüllt. Bücher begleiteten seine Neugier auf Literatur, Kunstgeschichte und wissenschaftliche Fragen. Ebenso aufmerksam, schreibt das Orchester, begegnete er Menschen. Er erinnerte sich an Namen und persönliche Geschichten, mitunter über Jahrzehnte hinweg. Solche Erinnerungen erzählen viel über die Zuneigung, die ihm entgegengebracht wurde. Sie entsteht im Alltag, im Zuhören und darin, dass jemand sich wirklich für sein Gegenüber interessiert.

Geboren wurde Herbert Blomstedt am 11. Juli 1927 in Springfield im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts. Seine Laufbahn führte ihn von skandinavischen Orchestern an die großen Pulte Europas und der Vereinigten Staaten. Von 1975 bis 1985 leitete er die Staatskapelle Dresden, anschließend zehn Jahre lang das San Francisco Symphony. Nach seiner Hamburger Zeit wurde er 1998 Gewandhauskapellmeister in Leipzig und blieb es bis 2005. Auch nach dem Ende seiner Amtszeiten kehrte er zu früheren Weggefährten zurück. Die anhaltenden Beziehungen waren ein wesentlicher Teil seines Musikerlebens.

Zu seinen besonderen musikalischen Anliegen gehörten die Werke Carl Nielsens; ebenso beschäftigte ihn das große klassisch-romantische Repertoire immer wieder neu. Bei einem Dirigenten mit dieser Erfahrung hätte man irgendwann von fertigen Deutungen ausgehen können. Blomstedts Arbeit widersprach einer solchen Vorstellung. Die Partitur blieb etwas, dem man mit Fragen begegnete. Seine Autorität gründete auf Wissen, Vorbereitung und einer Genauigkeit, die den Mitwirkenden etwas zutraute. Aus den Erinnerungen der Orchester spricht neben dem Respekt deshalb immer wieder die Freude an der Zusammenarbeit.

In den letzten Jahren wurde sein Alter fast zwangsläufig zum Thema. Man staunte über die Ausdauer und hoffte auf die nächste Wiederkehr. Darüber konnte aus dem Blick geraten, dass auch ein so langes Künstlerleben aus einzelnen, ganz gegenwärtigen Aufgaben besteht: einer Probe, einer schwierigen Stelle, einem Konzert, das gelingen soll. Blomstedt wollte nach Angaben seines Managements bis zu seinem hundertsten Geburtstag und darüber hinaus dirigieren. Zuletzt zwangen ihn gesundheitliche Einschränkungen jedoch zu Absagen. Auch das für Juli 2026 geplante Bamberger Sonderkonzert musste entfallen.

Die Saisonplanung 2026/27 bewahrte dennoch die Aussicht auf ein Wiedersehen. Für die angekündigten Schubert-Konzerte im Februar wird nun eine andere Lösung nötig; eine Umbesetzung war bei Redaktionsschluss am 5. November noch nicht bekannt. Im gedruckten Programm bleibt sein Name zunächst stehen. Er erinnert daran, dass man noch etwas miteinander vorhatte.

Bamberg verliert mit Herbert Blomstedt einen Künstler, der seiner musikalischen Geschichte angehört, und einen Menschen, auf dessen Besuche man sich freuen konnte. Die Aufnahmen bleiben, ebenso die Erinnerungen an gemeinsame Abende. Vermissen wird man auch das Selbstverständliche, das über die Jahre gewachsen war: dass er wiederkommt, Platz nimmt und die Arbeit mit den Musikern fortsetzt.

IN MEMORIAM

HERBERT BLOMSTEDT (1927–2026)

Geboren: 11. Juli 1927 in Springfield, Massachusetts (USA)
Gestorben: 4. November 2026 in Göteborg (Schweden)
Berufung: Dirigent, Orchestererzieher, Experte der Wiener Klassik, Romantik und nordischen Moderne
Credo: „Dass die Musik möglichst viel sagt und ich möglichst wenig.“
Auszeichnungen (Auswahl): Großes Verdienstkreuz mit Stern (Deutschland, 2022), Opus Klassik für das Lebenswerk (2023), Praemium Imperiale (Japan, September 2026)

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