Zwischen Punk, Pathos und Selbstsuche
Das Kunstpalais Erlangen zeigt neue Arbeiten von Eva Nüßlein
veröffentlicht am 21.07.2026 | Lesezeit: ca. 3 Min. | von Ludwig Märthesheimer
Eva Nüßlein, Wir sind anders, 2026, Acryl und Glitzersteine auf Leinwand, 200 x 190 cm, Foto © Steve Braun
Mit „Dreck unter den Nägeln“ widmet das Kunstpalais Erlangen der Berliner Künstlerin Eva Nüßlein eine Ausstellung, die Malerei nicht als distanzierte Bildproduktion versteht, sondern als unmittelbaren Ausdruck emotionaler Zustände. Sterne, Blitze, Tränen und Figuren im grellen Scheinwerferlicht bevölkern eine Bildwelt, die zwischen Euphorie, Erschöpfung und Selbstinszenierung oszilliert.
Nüßlein, die an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg studierte und zugleich Sängerin der Post-Punk-Band Ambiviolenz ist, überträgt die Energie von Musik und Subkultur direkt in ihre Malerei. Ihre Bilder funktionieren wie Songs: rhythmisch, wiederholend und voller eingängiger Motive. Geschminkte Gesichter, grelle Farben und flammende Haare verdichten sich zu Szenen, die wie Erinnerungsfragmente einer langen Nacht wirken. Dabei verbindet die Künstlerin expressive Malerei mit Einflüssen aus Manga und Cartoon. Große Augen, überzeichnete Gesten und bewusst verschobene Perspektiven lösen die Figuren aus realistischer Darstellung und machen innere Zustände sichtbar.
Im Zentrum stehen meist androgyn wirkende Figuren, die sich innerhalb der Bilder spiegeln oder variieren. Sie erscheinen weniger als individuelle Porträts denn als Projektionen von Unsicherheit, Sehnsucht und sozialer Suche. Wiederkehrende Themen sind Zugehörigkeit, Erwachsenwerden und die Frage nach Räumen, in denen man sich zeigen kann, ohne sich erklären zu müssen. Gerade darin liegt die politische Dimension von Nüßleins Arbeiten. Die Künstlerin, selbst aus der Arbeiterklasse kommend, versteht Zugänglichkeit ausdrücklich als Haltung. Ihre Malerei verweigert kunsttheoretische Abschottung und setzt stattdessen auf Direktheit, Emotion und Wiedererkennbarkeit.
Besonders eindringlich wirken jene Bildserien, in denen Figuren unter Trampolinen oder in gepflegten Vorstadträumen auftauchen. Hier kippt die scheinbar harmlose Umgebung in ein Gefühl von Fremdheit und sozialem Unbehagen. Gleichzeitig entfalten die Bilder eine eigentümliche Verletzlichkeit: Hinter Schminke, Pose und Überzeichnung erscheinen Figuren, die Schutz suchen und sich dennoch dem Blick anderer aussetzen. Gerade diese Ambivalenz macht den Reiz der Ausstellung aus. Nüßleins Werke erzählen nicht nur von individueller Befindlichkeit, sondern auch von gesellschaftlichen Erfahrungen zwischen Sichtbarkeit, Anpassung und Ausschluss.
Die Ausstellung ist vom 20. Juni bis 27. September 2026 im Kunstpalais Erlangen zu sehen. Weitere Informationen unter www.kunstpalais.de.