Ausstellungen

Vierzig Jahre zwischen den Zeiten

Die Kunstsammlung Jena zeigt mit Frank Gaudlitz Arbeiten eine Retrospektive zu Osteuropa, Russland und Südamerika

veröffentlicht am 04.08.2026 | Lesezeit: ca. 3 Min. | von Ludwig Märthesheimer

Birnen, Sperber, 2021

Birnen, Sperber, 2021, Foto © Frank Gaudlitz

Vier Jahrzehnte, drei Kontinente, ein Blick: Die Kunstsammlung Jena zeigt vom 27. Juni bis 20. September 2026 mit „Zwischen Zeiten“ eine Retrospektive des Fotografen Frank Gaudlitz, der an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Arno Fischer studierte.

Die Schau beginnt dort, wo für Gaudlitz alles begann: bei Aufnahmen von Arbeiterinnen einer Chemischen Reinigung und Wäscherei in Leipzig, entstanden 1989 – im letzten Jahr eines Systems, das er in den Folgejahren immer wieder fotografisch begleiten sollte. Ende der 1980er Jahre porträtierte er in der Sowjetunion den „Homo Sowjeticus“, jenen Menschentypus, den es nach dem ökonomischen Zusammenbruch schon wenige Jahre später nicht mehr geben sollte. In den 1990er Jahren kehrte Gaudlitz regelmäßig nach Russland zurück und hielt den Kollaps eines Systems in Industrieanlagen, Sperrgebieten und Schwarzmärkten fest – vor allem aber in den Gesichtern von Menschen, denen kaum eine Perspektive blieb. Als er 2017/18 erneut reiste, traf er auf ein Land, in dem autoritäre Strukturen den Alltag längst wieder bestimmten: ein visueller Essay über eine Gesellschaft im tiefen Riss zwischen Ideologie und Wirklichkeit. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine porträtierte er schließlich Geflüchtete in Moldau, Georgien und Armenien.

Diese Ausrichtung nach Osten ergänzt das Projekt „Warten auf Europa“, ein Porträtwerk zur EU-Osterweiterung, das den Menschen im Donauraum ein Gesicht und eine Stimme gibt. Doch Gaudlitz' Blick reicht über Osteuropa hinaus: In Anlehnung an Alexander von Humboldts südamerikanische Forschungsreise entstand die Serie „Sonnenstraße“ mit Schwarz-Weiß-Landschaften und Porträts aus Kolumbien, Ecuador und Peru, ergänzt um eine Porträtserie über Transfrauen im Amazonasgebiet, denen er selbstinszenierte Stillleben gegenüberstellt.

Was all diese Langzeitprojekte verbindet, ist eine fotografische Haltung: der Mensch, verortet in seinem historischen und sozialen Moment, erfasst aus einer Nähe, die auch den Fotografen selbst schwierigen Situationen aussetzt und ihn den Porträtierten im doppelten Sinn nahebringt – als Anwesenden auf Augenhöhe wie als Fotograf. Gerade in der Amazonas-Serie zeigt sich dieses Prinzip deutlich: Schönheit und Vergänglichkeit treten dort als gleichwertige Metaphern für das Leben der Protagonistinnen auf. Die Ausstellung endet mit Künstlerporträts aus einem noch laufenden Projekt – vierzig Jahre Werk, das sich über topografische Verortung und die Evidenz des Bildes definiert.

Weitere Informationen zur Ausstellung findet man unter www.kunstsammlung-jena.de.

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