Der Teufel steckt in allem
Das Staatstheater Meiningen wagt sich an Alfred Schnittkes Vertonung des historischen „Faust“-Stoffs
veröffentlicht am 26.09.2026 | Lesezeit: ca. 4 Min. | von Martin Köhl
Faust ohne Goethe, geht das? Normalerweise nicht, zumindest nicht wenn es gilt, den Stoff um diese kultige Figur zu vertonen und in die Form einer Oper zu gießen. Die bekannten Fassungen für das Musiktheater von Robert Schumann über Hector Berlioz („La damnation de Faust“), Charles Gounod („Margarete“), Arrigo Boito („Mefistofele“) und Ferrucio Busoni („Doktor Faust“) beziehen sich stets auf Goethes „Faust“, allerdings mit unterschiedlichen Akzentsetzungen.
Alfred Schnittkes „Historia D. Johann Fausten“ ist insofern ein Sonderfall, weil diese 1995 uraufgeführte Oper sich komplett auf den Urstoff der Faustgeschichte, also das Volksbuch von 1587, bezieht. Dieses unerbittliche Lehrstück kennt keine Gnade für den Protagonisten, sondern beschreibt dessen Weg als negative Passion eines vom Glauben abgefallenen Christen, der den teuflischen Einflüsterungen des Mephistopheles nicht widerstehen konnte.
Eva-Maria Höckmayr hat Schnittkes Oper für das Staatstheater Meiningen inszeniert und damit die erste Interpretation des Werkes nach der Hamburger Uraufführung realisiert. Aufgrund der relativen Kürze des Stücks wurde diese Fassung ergänzt um Partien aus Schnittkes Violakonzert, die von der Bratschistin Anna Maria Wünsch auf der Bühne agierend gespielt wurden. Dass die Solistin damit zugleich die von Faust ersehnte Helena spielen konnte, war so praktisch wie überzeugend.
Welches exzellente musikalische Niveau in Meiningen – wieder einmal! – zu erwarten sein würde, deutete schon die allererste klangliche Äußerung des Abends an. Aus einem einzigen vorgegebenen Ton heraus entfaltete der Chor des Staatstheaters einen komplexen Cluster, der wie ein Aufschrei des Volkes wirkte – famos! GMD Killian Farrells Identifizierung mit Schnittkes Musik zeigte sich schon bei seiner brillanten Werkeinführung und materialisierte sich anschließend in einem so souveränen wie inspirierenden Dirigat.
Leider beeinträchtigte bei der besuchten B-Premiere der Ausfall der Texteinblendung das Verständnis erheblich. Das fiel zunächst nicht auf, weil der Erzähler Tobias Glagau das Wort hatte und sehr textverständlich deklamierte. Das änderte sich allerdings, sobald die schwierigen Falsett-Passagen Mephistos – und abschnittsweise auch Fausts – dominierten. Wieviel einem da trotz der Kenntnis des Volksbuchs entgangen ist, erschloss sich nach Pause, als die Texteinblendung endlich wieder funktionierte.
Dem Verständnis von Schnittkes Musik war das anfängliche Manko nicht förderlich, denn die Sinnhaftigkeit der so künstlich wirkenden Stimmpirouetten Mephistos erschloss sich kaum. Überhaupt, die spröde Musik Schnittkes im ersten Teil konfrontierte das Publikum mit einigen Hürden. Das änderte sich zwar nach der Pause, aber die Meininger Darstellung war über alle drei Akte hinweg von beeindruckender Überzeugungskraft, was die Qualität dieser Ersttat ausmachte.
Auch wer mit Schnittkes Musiksprache seine Schwierigkeiten hat, durfte mitgerissen sein vom engagierten Einsatz für dieses Werk. Selbst kleinere Rollen fanden sich sehr gut besetzt, von den Protagonisten ganz zu schweigen. Als da wären die beiden famosen Diabolischen, Abongile Fumba (Mephistophila) und Meili Li (Mephistopheles), der mustergültig deklamierende Erzähler Tobias Glagau und natürlich an allererster Stelle Mateusz Lugowski als Doktor Johann Faust. Er verkörperte, ausgestattet mit großer Stimmgewalt, den verzweifelten Sinnsucher mittels einer dramatisch überhöhten Gestaltung. Bewegend! Das Staatstheater Meiningen hat mit dieser Inszenierung (Dramaturgie: Matthias Heilmann, Bühne: Michele Taborelli, Kostüme: Julia Rösler) ein Ausrufezeichen gesetzt, das in der Musiktheaterszene auf große Resonanz stoßen und vielleicht auch andernorts zur Nachahmung Anlass geben wird.